KOMMENTAR

Metropole Ruhrgebiet lässt die Sterkrader im Regen stehen

WAZ-Redakteur Michael Bresgott kommentiert den Zustand der Infrastruktur in Oberhausen und im Ruhrgebiet nach zehn Jahren des Wirtschaftsaufschwungs.

WAZ-Redakteur Michael Bresgott kommentiert den Zustand der Infrastruktur in Oberhausen und im Ruhrgebiet nach zehn Jahren des Wirtschaftsaufschwungs.

Foto: Wallhorn

OBERHAUSEN.  Seit zehn Jahren sprudeln die Steuerquellen: Hochkonjunktur in der Bundesrepublik. Doch in Stadt und Region macht sich das kaum bemerkbar.

Man kann es drehen und wenden wie man will: Zehn Jahre des konjunkturellen Aufschwungs liegen hinter der Bundesrepublik, die Steuereinnahmen sprudeln auf allen staatlichen Ebenen, doch in dieser Region sieht es an zahlreichen Stellen aus wie in Zeiten einer abgrundtiefen Wirtschaftsdepression.

Das gilt auch für Oberhausen. Ein aktuelles Beispiel: Der Bahnhof in Sterkrade, wo die Bahnsteige unter dem löchrigen Dach derzeit auf provisorische Weise erhöht werden, damit der Einstieg der regennassen Fahrgäste in den RRX ab dem Sommerfahrplan gelingt. Die selbst erklärte Metropole Ruhrgebiet zeigt sich hier von ihrer abschreckendsten Seite. In der Düsseldorfer Staatskanzlei und beim Regionalverband Ruhrgebiet (RVR) sieht man die Region gern auf Augenhöhe mit London, Paris und Berlin. Ihr tatsächlicher Zustand spiegelt sich exemplarisch am Sterkrader Gleis.

Während man an Themse, Seine und Spree keinen Fahrplan benötigt, um den Großraum zügig zu durchqueren, ist ein vergleichbarer Nahverkehrs-Service im über fünf Millionen Einwohner zählenden Ballungsraum an der Emscher noch immer unbekannt. Und dazu kommt: Vor allem viele kleinere und mittelgroße Bahn-Haltepunkte präsentieren sich auf einem Niveau, zu dem unseren Sterkrader Leser-Kommentatoren in dieser Woche nur ein Wort einfiel: „Unfassbar!“

Was passiert eigentlich mit der regionalen und lokalen Infrastruktur, mit für Binnenschiffe zu niedrigen Kanalbrücken (Konrad-Adenauer-Allee) und Bahnunterführungen voller Nachkriegs-Charme (Osterfelder Straße), wenn sich die erwartete Konjunktur-Eintrübung einstellt, die Rekord-Steuerströme für Bund, Länder und Kommunen versiegen, die Zinsen an den Kapitalmärkten wieder steigen und die öffentlichen Investitionsmöglichkeiten deutlich geringer werden?

Gewiss ist wohl schon jetzt: Wir werden weiterhin in der angeblichen Metropole Ruhrgebiet leben und beim schienengebundenen Nahverkehr sowie auf anderen Infrastruktur-Feldern weiter auf die Ausstattung und Angebote einer echten Metropole warten müssen. Und Oberhausen mit seinen gut 1,8 Milliarden Euro Altschulden sitzt mit in diesem tristen Wartesaal der klammen Revierstädte.

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