Retter

Lebensmüden Mann in Oberhausen von Bahngleis gezogen

Die beiden Oberhausener haben nicht einfach weggeschaut.

Foto: Jörg Schimmel

Die beiden Oberhausener haben nicht einfach weggeschaut. Foto: Jörg Schimmel

Oberhausen.   Lebensmüder Mann fährt von Unna nach Oberhausen, um auf Bahngleisen zu sterben. Beherzte Retter vereiteln den Suizid.

Es ist der 31. Oktober. 12.07 Uhr. Die Menschen auf dem Bahnsteig an Gleis 12 des Oberhausener Bahnhofs sind vor Schreck erstarrt. „Erst denken sie noch an einen Halloween-Scherz“, erzählt eine 27-jährige Oberhausenerin. Doch diese Geschichte ist bitterernst. Die junge Frau und ihr Verlobter (24) beobachten – wie alle anderen Bahnfahrer – „einen völlig unauffälligen Mann, der plötzlich in aller Ruhe auf das Gleis steigt. Erst schaute er sich um, als habe er etwas verloren“, sagt die Frau. Dann legt sich der Mann seitlich auf das Gleis, als wolle er dort schlafen. In der Ferne nähert sich ein Zug.

Zug fährt erstaunlich langsam

Der Zug fährt erstaunlich langsam. Als er rund 100 Meter vor dem Mann auf den Gleisen hält, reagieren die 27-Jährige und ein unbekannter Mann blitzschnell. Sie springen ebenfalls ins Gleis. „Wir wollten den Mann da weg holen, bevor der Zug doch noch weiter fährt“, erklärt die Oberhausenerin. Doch der Mann macht sich schwer. Er murmelt immer wieder „Suizide“, will sich womöglich das Leben nehmen. Die Oberhausenerin ist überzeugt, dass er es ernst meint. Er habe diesen Blick drauf, den sie von einer psychisch erkrankten Person aus ihrer Familie kennt.

„Wir haben den Mann fast auf den Bahnsteig hochgeschmissen“, sagt die zierliche Lebensretterin. In der Zwischenzeit hat sich ihr Verlobter um die Kinder auf dem Bahnsteig gekümmert. „Sie sollten nichts sehen, wenn doch noch Schlimmeres passiert wäre.“

Vor Jahren musste er selbst einmal miterleben, wie sich jemand vor einen Zug warf – und was von dem Menschen übrig blieb. „Das ist ein Anblick, den wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht“, sagt der Oberhausener. „Deshalb war ich so wütend“, erklärt seine Verlobte. „Er wäre gestorben, aber in gewisser Weise hätte er uns auch mitgenommen.“

Bundespolizei empfängt sie wie Helden

„Warum sterben?“, fragt sie ihn direkt. „Es gibt doch Hilfe.“ Von der Bahnpolizei weiß die Oberhausenerin, dass der Mann ursprünglich aus Sri Lanka kommt. An jenem Tag muss er von Unna nach Oberhausen gefahren sein, um hier zu sterben. „Ich werden seine Geschichte weiter verfolgen“, sagt die 27-Jährige. Voller Inbrunst sagt sie: „Ich liebe die Menschen, ich liebe die Tiere. Alles, was Herz und Seele hat, hat ein Recht glücklich sein.“

Für sie ist es deshalb selbstverständlich, den Mann zu retten. „Etwas völlig Normales.“ Als sie und ihr Verlobter dann zur Bundespolizei eingeladen und dort wie Helden gefeiert werden, sind sie irritiert. Die Oberhausenerin: „Das gehört sich doch so“, denkt sie.

Viele helfen nicht, sondern filmen

Aber von der Polizei erfahren sie, wie wenige Leute noch helfen. Schlimmer noch: Eher filmen sie das Geschehen einfach nur mit Handykameras. Die Bundespolizei habe sich bei den Bahnfahrern auch gleich nach solchen Handyvideos erkundigt. Es gab in diesem Fall jedoch keine.

Weil kaum noch Menschen helfen, appellieren die beiden an die Leute, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Nicht wegzuschauen. Wachsam zu sein. Im Notfall zu helfen oder Hilfe zu holen.

>> Info: Betreten der Gleise ist lebensgefährlich

Ein Sprecher der Bahn, warnt davor, leichtfertig auf die Gleise zu springen. Es sei gut, dass Bahnfahrer dem Mann geholfen hätten. Aber ein Zug habe bei einer Geschwindigkeit von 100 km/h einen Bremsweg von einem Kilometer. Er rät, besser Bundesbahn-Mitarbeiter oder die Bundespolizei zu rufen.

Auch die Bundespolizei warnt, das Betreten des Gleisbereichs könne lebensgefährlich sein.

Hinweis: Wen Kummer und Sorgen treiben, erhält hier Hilfe:
Tel. 0800/111 000 111.

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik