Vereins-Jubiläum

Lebenslang Kegelbrüder: „1000 Volt“ wird 70

Foto: Gerd Wallhorn

Oberhausen.   Bei Pargmann ist die Kegelbahn auch Lehrerzimmer: Warum der Kegelclub „1000 Volt“ nur Lehrern den Zutritt gewährt, aber nie über Schüler spricht.

Jahreshauptversammlung: Die Runde – überschaubar. Soweit nach hinten in die Gaststätte Pargmann verirren sich kaum Gäste. Früher verbarg sich hinter schweren Stahltüren ein Gemisch aus Bier, Kippen-Qualm und deftigen Sprüchen. Mal ehrlich: Kegeln ist heute ungefähr so sexy wie Beate Uhse noch für Erotik steht. Und doch gibt es sie, die kleinen Clubs und Vereine, die nicht aufhören können, in ihrer Freizeit eine mehr oder weniger ruhige Kugel zu schieben. Clubs wie „1000 Volt“.

70 Jahre kegeln hier Freunde gemeinsam, die außer der Liebe zum Sport zudem ihr Beruf verbindet: Denn zu „1000 Volt“ zählt nur der, der mal Lehrer war oder noch ist. „Im Club gibt es keine Unterschiede: Ob Lehrer, Rektor oder Schulrat – bei uns sind alle gleich“, erklärt Friedrich Jobs die Maxime. Der 70-Jährige war selbst Rektor der Hartmannschule in Königshardt. Neben ihm ist auch sein ehemaliger Konrektor Harald Ulbrich (68) seit Urzeiten im Club. Trotzdem war die Arbeit bei „1000 Volt“ immer Tabu.

„Wir haben nie über Schüler oder Themen aus der Schule gesprochen“, sagt Jobs. Wer’s dennoch tat, musste in die Vereinskasse zahlen. Heute, wo alle fünf Mitglieder im Ruhestand sind, ist diese Regel nicht mehr von Belang. Der Spaß am Spiel blieb, auch weil aus Kegelbrüdern echte Männerfreundschaften geworden sind.

Auf Ausflügen gepflegte Freundschaften

Auf Ausflügen des Clubs werden diese über die Jahre gepflegt. Dabei liegen dem Verein „1000 Volt“ Partyorte wie Malle so fern wie jene balearische Insel dem deutschen Festland. Mal geht es also ins Sauerland, mal in den Teutoburger Wald. „Egal, wo wir waren, unser Ehrenvorsitzender hat sich immer um die kulturelle Seite der Reise gekümmert,“ betont Friedrich Jobs und prostet seinem Gegenüber zu.

Der heißt Karl Lange und ist mit 94 Jahren der Älteste der Runde und zudem der einzige, der bei der Gründung von „1000 Volt“ schon dabei war. 29 Mitglieder hat es in 70 Jahren gegeben – nur drei seien freiwillig gegangen, die anderen leider verschieden. Das zeigt: Der Club ist den meisten Mitgliedern fast heilig. Und für „1000 Volt“ kommt der Senior sogar alle zwei Wochen extra aus Xanten ins Gasthaus Pargmann. Wie lange die Clubmitglieder wohl weiter „unter Strom stehen?“

Nur der Kegler-Gruß ist gleich geblieben

Der 94-Jährige denkt über so etwas kaum nach. Er hat Väter, Söhne und Enkel im Club kommen und gehen sehen. Ein paarmal habe man die Kegelbahn wechseln müssen, weil die Lokale schlossen oder die Kegelbahn dem Erdboden gleichgemacht wurde. Doch gespielt wurde immer weiter und weiter. „Außer in den Ferien.“ Typisch für Lehrer.

Als Karl Lange seine Kugel holt, hält er kurz inne. Die Antwort auf die Frage nach dem „wie lange noch?“ sei ihm eingefallen: „Wir spielen, bis wir die Kugel nicht mehr heben können“, sagt er und holt kräftig aus. Selbst bei geschlossener Stahltür ist der Einschlag am Ende der Bahn krachend zu hören. Weiße Kegel spritzen auseinander.

Für 50 Pfennig hätte das Chaos nun ein Kegeljunge in den Fünfzigern anstelle des Automaten erledigt. Es brummt, die Kegel richten sich auf. Vieles hat sich seither verändert, keine Frage – der Kegler-Gruß allerdings nicht: Gut Holz, „1000 Volt“!

>>> Info: Kegel-Tradition reicht bis ins alte Ägypten

Das Kegelspiel ist eine der ältesten Sportarten – Vorläufer gab es bereits vor fünf Jahrtausenden im antiken Ägypten. Im Mittelalter nennt 1157 eine Chronik erstmals Kegeln als verbreitetes Volksvergnügen. Bis ins 18. Jahrhundert wurde allerdings ausnahmslos im Freien gespielt.

Zu seinen Spitzenzeiten während der 1980er Jahre hatte der Deutsche Kegler- und Bowlingbund (DKB) fast 200.000 Mitglieder. Im Vorjahr wurden noch 80.000 gezählt. Derzeit verliere der DKB so jedes Jahr zwischen drei und fünf Prozent.

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