Doppel-Ausstellung

Künstler und Könner als Werksfotografen für die Ruhrchemie

Kabinette gliedern den Ausstellungs-Teil von „Stoffwechsel“ im Peter-Behrens-Bau.

Kabinette gliedern den Ausstellungs-Teil von „Stoffwechsel“ im Peter-Behrens-Bau.

Foto: Herbert Höltgen

Oberhausen.   Die „Stoffwechsel“-Schau hebt den Schatz von 25 000 Archiv-Aufnahmen. Ludwiggalerie zeigt Autorenfotografen, der Peter-Behrens-Bau die Historie.

Worte wie „weltexklusiv“ und „bisher nie gesehen“ hören Museums-Direktoren doch besonders gerne. Und so durften Walter Hauser und Christine Vogt namens des LVR-Industriemuseums und der Ludwiggalerie ihren Kurator anstrahlen: Die Recherchen, die Rainer Schlautmann für „Stoffwechsel – die Ruhrchemie in der Fotografie“ leistete, förderte neue Facetten eines Großen zutage.

Gemeint ist Albert Renger-Patzsch (1897 bis 1966), Meister der Neuen Sachlichkeit, und 1938 auch für die Ruhrchemie in Holten aktiv. Ein panoramisches Triptychon, aus drei Aufnahmen zusammengefügt, ist nicht nur der ausklappbare Mittelpunkt des prächtigen Katalogs, sondern steht auch für über 50 Vintage-Prints von A R-P, die der Kurator aus dem Schatz von 25 000 Werksfotografien hob.

Fotos vom Acker vor dem ersten Spatenstich

Der gewaltige Fundus – vom tiefen Holtener Acker vor dem ersten Spatenstich bis zu digitalen Datensätzen der Gegenwart – befindet sich heute in der Obhut des LVR-Industriemuseums. Zu sehen waren die meisten Aufnahmen, wenn überhaupt, bisher nur in Werks- und Fachzeitschriften. „Das Wichtigste ist“, weiß Christine Vogt, „den Schatz gut zu sortieren“.

Damit war Rainer Schlautmann, selbst Fotograf, seit Jahresbeginn beschäftigt. Erschlossen war knapp ein Drittel des Bilderschatzes, zu dem auch weitere Kamera-Künstler von Rang wie Rudolf Holtappel und Robert Häusser teils über Jahrzehnte beigetragen hatten. Da lag die Aufteilung zwischen Peter-Behrens-Bau und „Kleinem Schloss“ nahe. Im Parterre des gewaltigen Depot-Dickschiffs gliedern kleine Kabinette 90 Jahre Industriegeschichte nach Themen – und würdigen sehr puristisch die teils klitzekleinen Abzüge, stets original aus der Entstehungszeit.

„Glücksfall in konstant hoher Qualität“

In der Ludwiggalerie kommen die Autorenfotografen zur Geltung. Und Robert Häussers farbigen Mittelformat-Diapositiven aus den 1970er und ‘80er Jahren gehört sogar ganz das Kabinett neben dem Museumsshop für eine Vier-Kanal-Projektion. Auch diese Arbeiten sind bisher ungesehen und eine echte Entdeckung. Hier geht’s mal nicht um imposant aufragende Anlagen. Vielmehr inszeniert Häusser sehr präzise die Menschen an ihren Arbeitsplätzen, sei es in der Verwaltung oder im Versuchslabor. „Das spielt der kommenden Ausstellung ‘Die Geste’ in die Hände“, meint Rainer Schlautmann.

Diese „Bildgeschichte eines Unternehmens“ nennt Walter Hauser einen „Glücksfall in ihrer konstant hohen Qualität“. Es ist Auftragsfotografie, „gelenkter Blick“. Gegenüber dem zum Mythos verklärten Bergbau habe die chemische Industrie stets im Schatten gestanden. Chemiearbeiter wurden seltener in Reliefs gemeißelt.

Doch wer sich Zeit nimmt für die „Stoffwechsel“-Schau, findet auch hier Momente höchster Dramatik: von Löscharbeiten an brennenden Schmieröltanks bis zu handgreiflichen Protesten gegen die Demontage 1949, an- und abrückende britische Panzer inklusive. Und sogar die Zensur, also Retusche, eines Renger-Patzsch-Originals von 1938 hat Kurator Schlautmann findig dokumentiert.

>>> Eindrucksvoller Bildband zur Doppel-Ausstellung

Die Doppel-Ausstellung bleibt bis 2019 zu sehen: in der Ludwiggalerie bis 24. Februar, im Peter-Behrens-Bau bis 17. März. Der Eintritt kostet an der Essener Straße 80 als Kombiticket 5 Euro, ermäßigt 4 Euro: Enthalten ist auch die Dauerausstellung zu Peter Behrens im obersten Stockwerk. Im „kleinen Schloss“ der Ludwiggalerie ist der Eintritt frei.

Den Katalog zur Ausstellung „Stoffwechsel“, ein eindrucksvoller Bildband, gibt’s für 24,90 Euro in den Museumsshops.

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