Konzert

Kettcar legt in Oberhausen den Finger in die Wunde

Schöne kritische Welt: Die Hamburger Indie-Rockband Kettcar schaute in der Oberhausener Turbinenhalle vorbei.

Schöne kritische Welt: Die Hamburger Indie-Rockband Kettcar schaute in der Oberhausener Turbinenhalle vorbei.

Foto: Tamara Ramos

Oberhausen.   Gesellschaftskritik besingt keiner so schön wie Kettcar. Die ausverkaufte Turbinenhalle schluckt ihre Dosis Courage – und will mehr.

„Es war einer dieser Zyankalitage!“ Ein Liedanfang wie gemacht für den Mittwochabend. Es regnet in Strömen, das gefühlt zehnte Sturmtief der letzten Tage peitscht das Wasser unter die Kapuze. Vor der Turbinenhalle drängelt trotzdem keiner, jeder kommt ja rein – es geht gesittet zu.

Die Anreise mit Bus und Bahn mag anders ablaufen, aber bei Kettcar ist das „Ich vs. Wir“ entschieden. „Humanismus ist nicht verhandelbar“, sagt Sänger Marcus Wiebusch ins Mikro, streicht über die Saiten seiner Gitarre und schneidet mit „Sommer 89“ den Zaun durch.

Nach 16 Jahren wieder in Oberhausen auf der Bühne

Dieser Song ist mittlerweile eines der bekanntesten Lieder der Indie-Rocker aus Hamburg. Weil es zurückerinnert an die Wende-Zeit, als Helfen eben Mitmachen und nicht nur Mitreden hieß – und sich die Vergangenheit zwar nicht wiederholen; aber daraus lernen lässt. Kettcar hat das verstanden und bespielt nach 16 Jahren endlich wieder Oberhausener Fans mit kritischen und dennoch nie unlocker wirkenden Texten.

„Wir machen unser Ding und manchmal muss man sich dafür auf die Schnauze hauen“, ulkt Gitarrist Erik Langer auf der Bühne. Die Fans verstehen ihn und sind bei neuen und alten Songs fast textsicherer als die Band – wie Frontmann und Sänger Marcus Wiebusch unumwunden zugibt. „Ihr habt es sicher gemerkt, ich hatte heute ein paar Aussetzer dabei.“ Die Menge johlt. Kettcar-Anhänger schert das wenig. Sie lieben die Band für ihre Ansagen ohne Maulkorb und verpackt mit melodischer Offenheit.

Fan-Liebling heißt Landungsbrücke

Rassismus, Homophobie oder Flüchtlinge: Kettcar appelliert in unzähligen Songs für Offenheit, Toleranz und mehr „wir“ als „ich“. Nur konsequent ihr Album dann auch „Ich vs. Wir“ zu nennen. Doch die letzte Platte ist seit zwei Jahren auf dem Markt, seitdem hat sich viel getan, worüber Kettcar singen kann oder für Fans wahrscheinlich muss.

Und weil „Scheine in den Graben“ nach „Palo Alto“ bereits die zweite Singleauskopplung von Kettcar 2019 ist, können die Fans weiterhin auf mehr „Finger-in-die-Wunde-legen“ hoffen. Kettcar kritisiert in dem Song vor allem die Wut auf Wohltätigkeits-Veranstaltungen als Vehikel für humanitäre Hilfe. Wo Reiche sich „sozialen Frieden“ als Hobby gönnen, muss Kettcar hinterfragen. Denn so waren sie schon immer.

22 Songs in knapp zwei Stunden

Anekdoten aus der Vergangenheit gibt es zuhauf, die untermauern, wie strikt eigen Kettcar ist. Die Geschichte hinterm Song „Balkon gegenüber“ ist schnell erzählt. Das Lied hat eine Strophe. Die Plattenfirma sagt 2002 der Text sei: „Toll. Aber da kommt ja noch eine Strophe!“ Kettcar sagt: „Nö.“ Plattenfirma: „Aber ein Refrain macht ihr noch!“ Wieder: „Nee.“ Unbeugsam und unbeirrbar geht Kettcar seitdem ihren Weg. Was raus muss, muss eben raus.

Gitarrist Erik Langer hat sich auf den Abend in der Turbinenhalle vorbereitet. Centro, jaja, Turbokapitalismus, soso. „Ich habe noch gelesen, dass Oberhausen die größte Pro-Kopf-Verschuldung deutschlandweit hat – da gebe ich wohl heute einen aus.“ Worte wie Balsam auf die Fan-Seele.

Kettcar spielt in knapp zwei Stunden alles, was das Herz begehrt: 22 Songs, darunter die Fan-Lieblinge „Balu“, „Landungsbrücken“ und „48 Stunden.“ Beim letztgenannten ist die Rede von „einer grenzenlosen Liebe – gegen die paar hundert Kilometer.“ Wie weit ist es noch gleich von Oberhausen nach Hamburg? Ach ja, genau: egal.

>>> Fünf neue Songs - und weiter auf Tournee

Im Vorfeld zum Konzert von Kettcar in Cottbus verriet Gitarrist Erik Langer, dass die Indie-Rockband die Winterpause zwischen den Touren genutzt habe, um fünf neue Songs aufzunehmen.

Kettcar zieht es weiterhin auf Tour. Sie sind im Juli wieder in NRW zu sehen: Beim Indie-, Rock- und Pop-Festival „Nah am Wasser“ in Münster ist die fünfköpfige Band aus Hamburg der Headliner.

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