Tokio Hotel

Kaum noch Monsun bei Tokio Hotel in Oberhausen

Wie verwandelt: Tokio Hotel sorgten am Samstagabend mit Synth-Pop bei 2500 Fans in der Turbinenhalle in Oberhausen für Entzücken.

Foto: Fabian Strauch

Wie verwandelt: Tokio Hotel sorgten am Samstagabend mit Synth-Pop bei 2500 Fans in der Turbinenhalle in Oberhausen für Entzücken. Foto: Fabian Strauch

Oberhausen.   Die Kreisch-Band Tokio Hotel hat eine Metamorphose vollzogen: 2500 Fans feierten in der Turbinenhalle Oberhausen mit Neonlicht und Maskerade.

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Vor zwölf Jahren vernahmen Eltern den Urschrei von Tokio Hotel aus den Kinderzimmern – am Samstag drehten die selben vier Jungs in der Oberhausener Turbinenhalle wieder Mädchen-Herzen auf links. Doch außer einem schallenden Eröffnungs-Kreischer ist vom damaligen Geist nicht viel übrig geblieben.

Während ehemalige Boybands wie die Backstreet Boys und New Kids on the Block bei Comeback-Tourneen ihre zurückliegende Schmacht-Karriere genüsslich parodieren und längst erwachsene Mädels zum Prosecco-getränkten Revival anlocken, funktioniert der Abend bei Tokio Hotel kaum als wohliger Ausflug in die Teenie-Vergangenheit.

Hüftschwung wie bei Dave Gahan

Das liegt daran, dass Tokio Hotel zuletzt eine markante Metamorphose hinlegten. So brummt in der Turbinenhalle mächtig der Synthesizer und nach einem minutenlangen Intro mit Neonlichtern und Maskerade, sieht und hört man eine Band, die laut danach schreit: Schaut her, wir sind jetzt ein Kunstobjekt!

Dabei sollten Verwandlungen bei Sänger Bill Kaulitz nicht wirklich überraschen: Sein markant androgynes Äußeres tauschte Kaulitz, damals 16, von der Emo-Frisur, über Punk-Mähnen bis zur glatt gegelten Kurzhaarpracht. Heute sind der Hotel-Frontmann, der auch als Model und Synchronsprecher arbeitet, und Zwillingsbruder Tom 28 Jahre alt. Bill Kaulitz zeigt nun viel üppig tätowierte Haut und bewegt sich dabei wie Dave Gahan von der Synth-Pop-Legende Depeche Mode. Die Bühnen-Empore wirkt wie aus einem Abend mit der French-House-Gruppe Daft Punk entsprungen, auf der Zwillingsbruder Tom Kaulitz, Bassist Georg Listing und Drummer Gustav Schäfer im Neonlicht schimmern und auf der sich der Sänger gestenreich in Jacko-Manier in den Schritt fasst. Als klassische Boyband aus dem Kreisch-Baukasten funktionierte Tokio Hotel schon damals nicht – und heute erst recht nicht.

Fans aus Frankreich und Russland

Früher füllten sie die benachbarte Arena Oberhausen problemlos mit 13.000 Fans, diesmal sind es 2500 in der Turbinenhalle. Es klingt nach einem Abend im Underground-Club. Das alles passt zum Genre-Wechsel. Ihre Alben „Schrei“, „Zimmer 483“ und „Humanoid“ landeten auf den Spitzenpositionen der Charts. Doch der rockige Pop ist der ehemaligen Schülerband aus Magdeburg abhandengekommen.

Tokio Hotel balancieren nun zwischen Indie-Einflüssen und dem stark von Synthesizern geprägten Pop. Progressiv und kompliziert mutet das manchmal an. Die deutschsprachigen Titel kann man, anders als früher, in der Turbinenhalle an einer Hand abzählen. Und so ist man sich nicht sicher, ob sie ihre Hymne „Durch den Monsun“ überhaupt spielen wollen. Zumindest dieses kleine Stück Nostalgie prasselt bei etwas schmal bemessenen 90 Konzertminuten in den Zugaben auf die Fans nieder.

Wer geht hin? Tokio Hotel haben zum alten, ein neues Publikum gefunden. Dieses ist mitunter weit gereist: Hotel-Gäste kommen aus Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Russland. Die meisten sind älter als die Fans früher, aber zu jung, um als Überbleibsel der populären Anfangsjahre gelten zu können. Sie sind überwiegend am Ende des Teenager-Alters und Anfang 20. Horden von Eltern müssen darum nicht mehr in der Halle abhängen. Und auch die Abhol-Karawanen vor den Hallentüren sind weniger geworden. Die früher besungene erste Liebe haben die Zuhörer längst hinter sich gebracht. Heute fragt Sänger Bill Kaulitz beim Publikum nach dem Alkoholpegel und verweist auf die umliegenden Theken. So ändern sich die Zeiten.

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