Muslime

Islamwissenschaftler Uçar: Es besteht Desinteresse am Islam

Eine Geste des Respekts und bei muslimischen Festen Tradition: Jüngere küssen den Älteren die Hand und berühren dann damit ihre Stirn

Eine Geste des Respekts und bei muslimischen Festen Tradition: Jüngere küssen den Älteren die Hand und berühren dann damit ihre Stirn

Foto: Stephan Eickershoff

Oberhausen.   Der Oberhausener Bülent Uçar ist Professor für Islamwissenschaften. Zum Opferfest fordert er eine neue Generation moderner Religionspädagogen.

Während des Interviews mit Prof. Dr. Bülent Uçar klingelt es an dessen Tür. „Hier habt ihr zwei Euro, kauft euch davon ein Eis“, hört man den 40-Jährigen sagen. Es folgen zwei piepsige Kinderstimmen: „Bayramınız mübarek olsun!“ (Gesegnetes Fest). Es waren der Sohn und ein Nachbarsjunge des Oberhauseners, der Direktor des Instituts für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück ist. Mit Ruşen Tayfur sprach er über das viertägige Opferfest, das gestern begonnen hat.

Herr Uçar, wie erklären Sie deutschen Freunden, was Muslime in diesen Tagen feiern?

Laut muslimischer Überlieferung sollte Abraham, der Urvater aller drei monotheistischen Religionen, seinen Sohn Ismail opfern, um seinen Glauben an Gott zu beweisen. Doch er wurde verschont und opferte daraufhin aus Dankbarkeit ein Tier. Im Grunde geht es beim Opferfest jedoch um die Nähe zu Gott und um das Verständnis für Menschen in Not. Wir leben in einer wohlhabenden Gesellschaft, aber es gibt Millionen Menschen, die hungern. Bei den Muslimen hat sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr die Tradition durchgesetzt, dass sie nicht mehr selbst Tiere schächten, sondern an Wohlfahrtsverbände spenden, die in Ländern wie Bangladesch oder Äthiopien Tiere kaufen, schlachten und das Fleisch an Bedürftige verteilen.

Warum wissen so viele Menschen so wenig über die Feiertage der zweitgrößten Religionsgemeinschaft in Deutschland?

Wenn es um das Thema Integration geht, wird immer wieder gepocht auf die Bringschuld der Muslime, aber auf der anderen Seite ist da ein großes Desinteresse. Es wird viel palavert, aber mit wenig Substanz. Wer kann nach 50 Jahren dauerhafter muslimischer Präsenz schon ein paar Sätze auf Türkisch? Die wenigsten machen sich Gedanken über das Konzept, das hinter dem Glauben steckt. Das ist nicht auf die Feiertage beschränkt. Auf der anderen Seite gibt es allgemein wenig Interesse an Religion. Viele können nicht zwischen Pfingsten und Ostern unterscheiden oder wissen, ob Weihnachten oder Ostern das bedeutendere Fest ist.

An Ihrem Lehrstuhl werden islamische Religionspädagogen von morgen ausgebildet. Sie könnten zumindest die muslimischen Jugendlichen aufklären. Auch in Oberhausen gibt es Islam-Unterricht und vereinzelt Islamkunde. Wo liegt eigentlich der Unterschied?

Beim bekenntnisgebundenen Religionsunterricht werden religiöse Themen aus der Glaubensperspektive heraus behandelt. Plakativ heißt es dort beispielsweise „wir Muslime“ statt „die Muslime“. Ansonsten sind die Inhalte weitgehend deckungsgleich. Aber nur zehn Prozent aller muslimischen Schüler erhalten religiösen Unterricht. Ich war selbst in den 80ern auf einer katholischen Schule in Schmachtendorf, habe die Kirche regelmäßig besucht und gelernt, das Vaterunser zu beten, aber keine einzige Unterrichtsstunde zum Islam gehabt. Doch jetzt werden an mehreren Universitäten Lehrkräfte ausgebildet und ich halte es für absolut richtig, dass die Kinder bei ihnen lernen, sich in deutscher Sprache über die Inhalte ihres Glaubens zu artikulieren. Es wird aber noch eine ganze Generation dauern, bis wir genügend Lehrer haben, um den Bedarf zu decken. Was auch daran liegt, dass Migrantenkinder traditionell lieber Jura, Medizin und Ingenieurwissenschaften studieren und sich wenig für den Lehrberuf interessieren.

Was genau sollen die Islam-Lehrer den Kindern beibringen?

Sie sollen Alleskönner sein: religiöse Inhalte vermitteln, Integration fördern, Extremismus vorbeugen, aufklären, eine deutsche Religionssprache entwickeln. Ich halte das für eine Überforderung, auch wenn ich die Ängste und Vorurteile verstehen kann, auf denen diese Forderungen beruhen. Aber man muss realistisch sein bei dem, was ein Lehrer leisten kann.

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