Theater Oberhausen

Im Theater: Sommernachtstraum unter Flugzeugtrümmern

Prolog auf dem Ebertplatz: Lise Wolle als Helena in Paul-Georg Dittrichs Inszenierung von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“.

Prolog auf dem Ebertplatz: Lise Wolle als Helena in Paul-Georg Dittrichs Inszenierung von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“.

Foto: Christoph Wojtyczka / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  Wow-Effekte gibt’s bei der Oberhausener Shakespeare-Inszenierung en gros: mit Segelfliegern auf der Bühne und einem Prolog auf dem Ebertplatz.

Die „Flugzeuge im Bauch“ sind bruchgelandet. Ein Segelflieger schwebt noch hoch im Bühnenturm des Theaters, ein zweiter überspannt mit seinen weiten Schwingen den kompletten Zuschauerraum – und vom dritten liegen zerknautschte Trümmer auf der Bühne. Für diesen dramatischen Wow-Effekt haben Paul-Georg Dittrich als Regisseur dieses düsteren „Sommernachtstraums“ und sein Ausstatter Christian Wiehle die mögliche Zuschauerzahl nahezu halbiert. Allerdings ist’s auch mehr als eine Wahnsinnsbühne – nämlich bildgewordene Literaturtheorie.

Keine Komödie, sondern ein „Naturereignis“

Doch zunächst auf Anfang: Einen Prolog wie für diese Shakespeare-Fantasie dürfte Oberhausen noch nicht erlebt haben. Denn zunächst ging’s hinaus auf den Ebertplatz – und zu den vier „Bobs, die Baumeister“. Unter ihren überdimensionalen Plastikköpfen übernahmen sie den Part jener Handwerkertruppe, die sonst so dilettantisch eine tragische Posse für den Athener Hofstaat zimmert. Hier sind sie die Einweiser in den „Videowalk“, der verblüffend gut funktioniert: Als rasant gestraffter erster Akt macht er mit dem Konflikt um die vier Liebenden bekannt.

Lise Wolle als verzweifelte Helena ist die einzige, die neben den Baumeistern bereits auf dem Ebertplatz auftritt. Auf der dunklen Bühne und dem Laufsteg inmitten des Saals wird ihre Figur zum Zentrum dieses Liebesdramas, das schon die frühe Theater-Eminenz Otto Falckenberg „kein Lustspiel“ nannte, „sondern ein dichterisches Naturereignis“.

Sie taumelt als Furie am Rande des Wahnsinns

So betont auch Dittrichs Regie die Düsternis und Verzweiflung dieser Jagd durch die Nacht: Liebe ist hier eine Schmerzensmacht. Und jene „Bonny & Clyde“-Dialoge, die Ayana Goldstein und Burak Hoffmann als Hermia und Lysander vergnügt nachsprechen, sind erstmal nur Paar-Posing. Bis Clemens Dönicke als Puck mit seiner Blüten-Droge alle und alles durcheinanderbringt.

Bis auf Helena, die erst Geschmähte – obwohl ihr Look im Silberoverall und auf hohen Glitzerabsätzen dafür viel zu elegant ist – dann doppelt Verehrte: „Unbeträufelt“, wie einst der Großironiker Rolf Vollmann schrieb, missversteht sie alles und taumelt als Furie am Rande des Wahnsinns, „weil sie nicht verrückt gemacht worden ist“. Und das übergroße Leiden an der Liebe – welch ein Coup – spricht hier nicht mit Shakespeare, sondern singt Italienisch: Opernregisseur Dittrich lässt sein Ensemble sich mit Todesverachtung in Arien stürzen. Natürlich sind’s hier eher Fragmente ohne all die Koloraturen und Reprisen. Doch getragen vom kleinen Bläserensemble um den Saxophonisten Jan Klare beeindrucken diese hinreißend gespielten Gefühlsausbrüche auch ganz ohne Belcanto.

Selbst Puck singt, dieses sonst so gefühllose Teufelchen, der seinen Spaß daran hat, „wie dumm die Menschen sind“. Hier ist auch er ein Getriebener unter der Knute des punkigen Ober-Elfen Oberon. Selbst Zettel, der schließlich aus seiner Baumeister-Montur klettert, gelingen die Eselsschreie derart intensiv, dass man sie für eine weitere Schmerzensarie nehmen kann. Klaus Zwick ist hier wieder mal ein ganz großer „Tierdarsteller“.

Die bildgewordene „Blackbox“-Theorie

Und die bruchgelandeten Symbole des Verliebtseins? Die Flugzeuge führen direkt zur „Blackbox“-Theorie von Harold Bloom, dem guten Geist der Shakespeare-Deutung: „Wir suchen die Blackbox, um die Ursache der Katastrophe zu erkennen.“ Tatsächlich klauben die vier Liebesklempner-Bobs zwei orangerote Flugdatenschreiber aus den Trümmern. Doch Bloom weiter: „Aber unsere Blackboxes sind unauffindbar und unsere Ehe-Desaster so willkürlich wie unsere Erfolge.“

Massenhochzeit mit roten Rosen und Tüllschleiern

Der Schlussakt, wieder auf dem Ebertplatz, ist denn auch eine ziemlich durchtriebene Zuschauer-Choreographie: Die possierlichen Baumeister inszenieren eine Massenhochzeit mit 50 roten Rosen und 50 Tüllschleiern. Die Bläser spielen eine swingende Variation des Hochzeitsmarsches, und das amüsierte Publikum lässt sich zu Handkuss und Umarmung dirigieren. „Der Mensch ist nur ein Esel“, sagte Zettel, aus der Umarmung Titanias erwachend, „wenn er sich daranmacht, diesen Traum zu deuten“.

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