Stadtgeschichte Band V

Hungerer marterte die Oberhausener im Ersten Weltkrieg

Die Soldaten der europäischen Mächte standen sich von 1914 bis 1918 in den Schützengräben gegenüber.

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Die Soldaten der europäischen Mächte standen sich von 1914 bis 1918 in den Schützengräben gegenüber. Foto: imago stock&people

Oberhausen.   Die Lebensmittelknappheit im Ersten Weltkrieg traf auch die Bürger in Oberhausen. Die Stadtverwaltung versuchte, die Preise zu überwachen.

Der folgende Beitrag ist eine Kurzfassung des Kapitels „Heimatfront 1914-1818“ im Ende November erscheinenden fünften Band der Oberhausener Stadtgeschichte:

Die hektischen diplomatischen Aktivitäten der sogenannten „Juli-Krise“ kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs Ende Juli/Anfang August 1914 fanden im Geheimen statt. Die breite Öffentlichkeit erfuhr davon nichts. Die Lokalzeitungen in Oberhausen enthielten in diesen Sommerwochen nur Alltagsgeschichten: Im Juli 1914 zum Beispiel spielten die katholischen Jünglinge in den Wäldern nördlich von Oberhausen als „rote“ oder „blaue“ Armee den Krieg, ohne die geringste Ahnung davon, was wenige Wochen später über die meisten von ihnen hereinbrechen würde.

Erbsensuppe als unerreichbare Delikatesse

Um ein Uhr mittags wurde das Spiel abgebrochen „und nach einer kurzen Besprechung der Übung zur Kochstelle abmarschiert“. Dort gab es Kartoffel- und Erbsensuppe, „sowie für jede Portion zwei warme Würstchen“. Dieses Kriegsspiel wirkt, aus heutiger Sicht betrachtet, doppelt makaber, stand den Jünglingen doch die Einberufung in weniger als drei Wochen bevor und sollte doch die Kartoffel- und Erbsensuppe mit Würstchen für die Mehrheit der Bevölkerung bald zur unerreichbaren Delikatesse werden.

Der allenthalben in den letzten Julitagen ausbrechende nationale Überschwang war von Anfang an begleitet von der Inflations-Angst und von der Sorge um die Ernährung. Während angeblich Tausende auf dem Oberhausener Altmarkt „Deutschland, Deutschland über alles“ sangen und während der Vorsitzende des Kreis-Krieger-Verbandes Hauptmann Becker unter der Siegessäule von 1871 seine einpeitschenden Reden hielt, stürmten viele andere die Sparkassen und Lebensmittelgeschäfte – wie in Berlin und in vielen anderen Städten überall in Europa.

Sturm auf die Geschäfte

In Oberhausen setzte gleichzeitig ein Sturm auf die Lebensmittelgeschäfte ein, wie er noch nicht hier erlebt wurde. Die Kaufleute mussten ihre Läden zeitweise schließen. Die Preise für einzelne Lebensmittel schnellten in geradezu ungerechtfertigter Weise in die Höhe, Quantitäten über fünf Pfund wurden nicht mehr abgegeben, und das tollste, was erlebt werden konnte, war die totale Verweigerung des Papiergeldes. Es war, als ob seit gestern Nachmittag plötzlich alles gemünzte Geld wie weggeblasen gewesen wäre und selbst an den Privatbanken war für Noten und Kassenscheine nicht um die besten Worte Silbergeld zu erlangen. Vom ersten Tag des Krieges an wurde die Lebensmittelversorgung eine der zentralen Aufgaben der Stadtverwaltung. Zunächst ging es nur um die Überwachung der Preise.

Trotz aller Bemühungen der Stadtverwaltungen wurde der Hunger im Verlauf des Krieges immer dramatischer. Der Sterkrader Bürgermeister berichtet in seinen Erinnerungen von einer Bergarbeiterversammlung auf Lohberg (Dinslaken): Aus irgendeinem Grunde kam ich verspätet, gerade als der Vertreter des Regierungspräsidenten in einer lebhaften Ansprache zu weiterem Aus- und Durchhalten mahnte. Ich nahm in der letzten Reihe Platz. Auf einmal schrie einige Schritte von mir entfernt ein ganz junger Mensch in die bis dahin völlig ruhige Versammlung hinein: ‚Halt’ dein Maul, wir wollen fressen.’ Und die ganze Menge brüllte es im Chor nach. In wildem Tumult ging jeder Beschwichtigungsversuch unter, und die Versammlung fand ihr Ende.“

Vorveröffentlichung vor dem Erscheinen von Band fünf

Zum 150. Jubiläum der Gemeindegründung Oberhausens wurde im Auftrag des damaligen Oberbürgermeisters Klaus Wehling ein Stadtgeschichtsbuch erstellt. Unter dem Titel „Oberhausen – eine Stadtgeschichte im Ruhrgebiet“ ist das Werk 2012 im Aschendorff-Verlag erschienen. Herausgeber sind Peter Langer und Magnus Dellwig. Mittlerweile sind vier Bände erschienen, ab dem vierten im Oberhausener Verlag Karl Maria Laufen.

Ende November erscheint der fünfte Band der Reihe. Vorab veröffentlichen wir die vier Beiträge des Bandes in gekürzter Fassung. Das soll Lust aufs Lesen der Texte machen, die von den Historikern Magnus Dellwig, Peter Langer, Dirk-Marko Hampel und Klaus Oberschewen verfasst wurden.

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