Kommentar

Gratis-Nahverkehr im Revier: Gunst der Stunde nutzen

WAZ-Redakteur Peter Szymaniak.

WAZ-Redakteur Peter Szymaniak.

Foto: Wallhorn/Emig

Oberhausen.   Die Debatte um den kostenlosen Nahverkehr zeigt, was das Ruhrgebiet benötigt: Einen besseren, einfacheren und billigeren öffentlichen Transport.

Nie war die Stunde so günstig, den öffentlichen Nahverkehr im Ruhrgebiet mit einem deutlichen Sprung nach vorne zu bringen: Unter dem Druck drohender, wirtschaftlich extrem teurer Fahrverbote für Dieselautos will die Bundesregierung viel Geld springen lassen, um notorische Pkw-Fahrer zum Umstieg auf die umweltfreundlichen Busse und Bahnen zu bewegen.

Das Angebot an Linien quer durchs Ruhrgebiet ist für seine über fünf Millionen Einwohner zwar besser als sein Ruf, doch es ist viel schlechter als in Großstädten wie Berlin, Hamburg, Toronto oder Montreal – und es ist zu teuer und zu kompliziert. Wenn man für die abendliche Fahrt in die Nachbarstadt mit zwölf Euro mehr Geld bezahlt als Kino oder Theater kosten, dann stimmen die Verhältnisse nicht. Da braust man lieber mit dem Auto los – auch weil man im Zweifel Angst haben muss, nicht mehr mit dem Bus nach Hause zu kommen.

Selbst als treuer VRR-Kunde mit Abonnement, der in die wenige Kilometer entfernte Kommune pendelt, zahlt man stolze 1270 Euro pro Jahr nur für die Monatstickets. Einzelfahrausweise oder einzelne Monatstickets sind noch viel teurer. Und müssen wirklich fünf Monatsticketvarianten, drei verschiedene Erweiterungstickets und sechs verwirrende Preisstufen sein?

Autofahrer müssen den Nahverkehr entdecken

Wir benötigen also ein Kombi-Paket: mehr Linien, höhere Takte, einfachere Tarife und deutlich billigere Fahrpreise. Ja, man könnte sogar mal für zwei bis drei Jahre Gratis-Nahverkehr im Ruhrgebiet als Modellregion ausprobieren. Es wäre doch gelacht, wenn dann nicht viele Autofahrer erst entdecken würden, wie wunderbar Busse und Bahnen in engen Takten funktionieren – um dann dauerhaft damit zu fahren. Die neue VRR-App auf dem Handy zeigt selbst bei unpünktlichen Linien geschickt mögliche neue Kombinationen von Bus und Bahn zur Konzerthalle oder nach Hause an – damit lässt sich besser Nahverkehr fahren als jemals zuvor. Das muss man mal selbst erlebt haben.

Deshalb dürfen jetzt die Oberbürgermeister des Reviers und die Manager der Verkehrsbetriebe nicht so hasenfüßig sein: Schnell zusammensetzen, zügig ein intelligentes durchgerechnetes Konzept mit einfachen, billigen Preisen und einem Ausbau des Angebots erstellen – und dann der Bundesregierung mit viel Öffentlichkeitswirbel auf den Tisch legen. Solch eine Chance kommt nie wieder – wenn das Ruhrgebiet mit einer Stimme spricht. Was wäre das für ein Imagegewinn!

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