100. Geburtstag

Gertrud Kühl ist die erste Generation Frau, die wählen darf

Gertrud Kühl (mi.) sitzt an ihrem 100. Geburtstag im Kreise ihrer Familie in Oberhausen. Neben ihr Bruder Sylvester Marciniak (87) und ihre Schwester Irene Rohloff (97). In der hinteren Reihe freuen sich mit ihr (v.li.) Christine Marciniak (54), Jörg Dammers, Pastor St. Katharina Lirich, Veronika Pargmann (64), Bürgermeisterin Elia Albrecht Mainz, Gunter Pargmann (63), Tochter Ingeborg Henselder (81), Gerhard (79) und Helga (76) Kaiser und Sohn Günter Rohloff (80).

Gertrud Kühl (mi.) sitzt an ihrem 100. Geburtstag im Kreise ihrer Familie in Oberhausen. Neben ihr Bruder Sylvester Marciniak (87) und ihre Schwester Irene Rohloff (97). In der hinteren Reihe freuen sich mit ihr (v.li.) Christine Marciniak (54), Jörg Dammers, Pastor St. Katharina Lirich, Veronika Pargmann (64), Bürgermeisterin Elia Albrecht Mainz, Gunter Pargmann (63), Tochter Ingeborg Henselder (81), Gerhard (79) und Helga (76) Kaiser und Sohn Günter Rohloff (80).

Foto: Gerd Wallhorn / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  Gertrud Kühl ist 100 Jahre alt. Ihr langes Leben verdanke sie einer einfachen Regel – wer zuviel grübelt, wird’s für sie kaum nachmachen können.

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Als Gertrud Kühl zur Welt kommt, gehört sie zur ersten Generation von Frauen im Deutschen Reich, die endlich wählen dürfen. Im Januar ihres Geburtsjahres 1919 finden nämlich die ersten freien Wahlen zur Nationalversammlung statt. Die Demokratie der Weimarer Republik lernt gerade erst laufen, als die heute Hundertjährige am 12. November im Arm ihrer Mutter kreischt. 300 Frauen kandidieren damals um einen Sitz im Parlament und 37 Frauen schaffen es. Gertrud Kühl bleibt trotzdem unpolitisch – ihre erste Wahl ist die Familie.

So sind zum seltenen Jubiläum am Dienstag auch all ihre Geschwister, Kinder, Enkel und Urenkel gekommen, um mit der 100-Jährigen fröhlich zu feiern. Gertrud Kühls Zuhause unweit des Hauptbahnhofs Oberhausen ist gemütlich möbliert: Auf dem schwarzen Ledersofa in L-Form finden sechs Leute bequem Platz. Die Wohnung ist großzügig, glanzpolierte Holzkommode, roter Vorhang zum Wohnzimmer, Kristall in der Anbauwand – es wirkt prunkvoll wie aus einer anderen Zeit. Gertrud Kühl teilt alles mit ihrer Tochter Inge Henselder (81) – daran ist die Jubilarin in ihrem langen Leben gewöhnt.

Flucht vor den Sowjets endet im Pott

Geboren in Waldheim, heute in Polen gelegen, wächst Gertrud Kühl in einfachen Verhältnissen auf. Ihre Eltern müssen hart auf den Feldern der Großbauern arbeiten, damit Gertrud und ihre sechs Geschwister satt sind. Als sie älter wird, heiratet Gertrud Kühl jung – doch das Glück ist nur kurz, weil ihr Ehemann 1943 an der Russland-Front fällt. Plötzlich ist die 24-Jährige Witwe und alleinerziehend. Als die Sowjets nach Westen vorrücken, flieht sie mit ihren beiden Kindern und gelangt über Stettin (Polen), Pasewalk, Wollschow, Tessin in Brandenburg nach einem Jahrzehnt in der neu gegründeten DDR schließlich 1958 in Mülheim an.

Tochter Inge Henselder ist vor ihr Bürger der BRD und weil auch die Eltern vor Gertrud Kühl in den Westen ziehen, drängen sie alle zur Flucht. „Ich bin nach einem Besuch hiergeblieben, aber meine Mutter musste über West-Berlin aus der DDR fliehen“, erinnert sich Inge Henselder an die Wirtschaftswunderzeit. Mutter Gertrud versorgt fortan über 50 Jahre die stetig wachsende Familie als Hausfrau – kocht bis zuletzt die Mahlzeiten für alle im Haus. Wer von der Jubilarin das Geheimnis ihres Alters wissen will, bekommt ein klares Rezept an die Hand. „Wer zuviel grübelt, wird nicht alt“, vermutet die Hundertjährige. Wer Gertrud Kühl im engsten Kreis anschaut, sollte meinen, die Familie als Lebensinhalt ist eine ebenso gute Wahl.

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