Bildung

Gesamtschulen wollen kein Reparaturbetrieb für andere sein

Einmal im Jahrgang fünf vergebene Schulplätze an Gesamtschulen bleiben besetzt, freie Plätze gibt es ab Jahrgang sieben so gut wie nicht.

Einmal im Jahrgang fünf vergebene Schulplätze an Gesamtschulen bleiben besetzt, freie Plätze gibt es ab Jahrgang sieben so gut wie nicht.

Foto: Fredrik von Erichsen / picture alliance /dpa

Oberhausen.  Das gegliederte Schulsystem sortiert nach der Erprobungsstufe Schüler aus. Die Gesamtschulen wehren sich dagegen, als Reparaturbetrieb zu gelten.

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Unter der Überschrift „Eltern sorgen sich um den Wert der Realschulen“ berichteten wir über den Protest von Schulpflegschaften gegen die Anwendung des Paragrafen 132c an den Oberhausener Realschulen: Seit diesem Schuljahr können Schüler ab der siebten Klasse an den Realschulen auch Hauptschulabschlüsse machen. Diese Regelung gilt befristet bis Ende Juli 2022.

Auf den Bericht reagiert Doris Sawallich, Leiterin der Gesamtschule Weierheide und Sprecherin der vier Oberhausener Gesamtschulen, mit einer Stellungnahme, die wir im Folgenden ungekürzt veröffentlichen:

Welches Menschenbild?

„Ich möchte sowohl zu der in dem Artikel geäußerten Sorge der Realschulpflegschaften um die Wertigkeit der Realschulen als auch zu der wiederholt geäußerten Erwartungshaltung hinsichtlich des Bildungsauftrags der Gesamtschulen Stellung beziehen. Als Leiterin einer Gesamtschule ist es mir ein Anliegen, den Umgang der Realschulpflegschaften mit der Schulform Gesamtschule, aber insbesondere den Umgang mit leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern der eigenen Schulen deutlich zu hinterfragen. Welches Menschenbild verbindet sich mit der Vorstellung, dass die Wertigkeit einer Schule von der Beschulung leistungsschwächerer Schülerinnen und Schüler abhängig gemacht wird? Wie müssen die Familien, die zu den unmittelbar betroffenen zählen, diese Ablehnung empfinden?

Risiko Schulformwechsel

Sie müssen nicht nur damit umgehen, dass sich die eigenen Erwartungen nicht erfüllt haben, sie müssen darüber hinaus eine deutliche Ausgrenzung erfahren. Nun sieht das gegliederte System das Verfahren des Schulformwechsels vor und jeder, der sein Kind an einer Realschule oder einem Gymnasium anmeldet, nimmt dieses Risiko in Kauf. Seit der Schließung der Hauptschulen in Oberhausen wird die durch die Versorgungslücke entstandene Stigmatisierung dieser Kinder jedoch auf die Spitze getrieben. Der lautstarke Protest der Realschulpflegschaften vor Beginn einer Schulausschusssitzung im April des letzten Jahres beinhaltete bereits Aussagen, die die Gesamtschulen für die Beschulung der Hauptschüler als zuständig erklärten.

Alle Kinder willkommen

Hiermit wird versucht, das integrierte System der Gesamtschulen für die Problemlösung des gegliederten Systems heranzuziehen. Völlig richtig ist dabei die Beobachtung, dass uns alle Kinder willkommen sind. Das System der Gesamtschule basiert jedoch auf der Grundlage der Heterogenität. So bildet unsere Schülerschaft auch die Heterogenität der Gesellschaft ab. ‘Zum Glück sind wir nicht alle gleich’ ist nicht nur ein geflügeltes Wort. Durch die Vielfalt eröffnet sich immer auch die Möglichkeit, voneinander zu lernen. Nicht das Prinzip der Bestenauslese ist unser Anliegen, sondern die Förderung aller Kinder, die uns anvertraut wurden. Die enge Begleitung der Schülerinnen und Schüler bis zu dem für sie erreichbaren bestmöglichen Schulabschluss ist unser Grundsatz. Häufig genug müssen auch leistungsstärkere Kinder phasenweise enger begleitet werden, weil es auch zur gesellschaftlichen Realität gehört, dass Familien schwierige Phasen durchleben oder zerbrechen.

Schulplätze bleiben besetzt

Dennoch wird an der Schulform Gesamtschule kein Kind ‘das Klassenziel nicht erreichen’ oder gar die Schule wechseln müssen. In der Konsequenz führen all diese Aspekte dazu, dass an den Gesamtschulen einmal vergebene Schulplätze besetzt bleiben und keine Freiplätze entstehen. Wir sind stolz darauf, dass die Kolleginnen und Kollegen unserer Schulen einen großen Teil unserer Schülerinnen und Schüler erfolgreich zum Abitur führen. In den Zeiten des Zentralabiturs kann man auch nicht mehr behaupten, dass das Abitur der Gesamtschule ein leichter zu erreichendes sei. Wir sind ebenso stolz darauf, Schülerinnen und Schüler zu guten Hauptschulabschlüssen zu führen und zu beobachten, dass sie im Leben ihren Mann oder ihre Frau stehen. Das integrierte System der Gesamtschulen bewährt sich täglich neu. Wir wehren uns jedoch dagegen, zunehmend zur Lösung der Probleme des gegliederten Systems herangezogen zu werden.“

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