Ausstellungen

Gemälde im Dialog mit spannungsvoller Architektur

Yury Kharchenko hält sein Bild „Todesfuge“ (mit den Worten von Paul Celan) im Felix-Nussbaum-Haus. Im Hintergrund das „Totentanz“-Gemälde von Felix Nussbaum.

Yury Kharchenko hält sein Bild „Todesfuge“ (mit den Worten von Paul Celan) im Felix-Nussbaum-Haus. Im Hintergrund das „Totentanz“-Gemälde von Felix Nussbaum.

Foto: Friso Gentsch

OBERHAUSEN / osnabrück.   Der Maler Yury Kharchenko bestückt derzeit zwei Ausstellungen an bedeutenden Gedenkorten: in Köln und in Osnabrück.

In der Ateliergemeinschaft des Borbecker Kunsthauses Haven ist der 32-Jährige einer von fünf jungen Künstlern. Im Ausstellungsbetrieb mit bundesweitem Nachhall allerdings ist Yury Kharchenko weit voran geprescht.

Derzeit zeigt der in Moskau geborene und im Ruhrgebiet aufgewachsene Maler seine Werke an gleich zwei bedeutenden Gedenkorten: Zum einen noch bis zum 2. September im Kölner NS-Dokumentationszentrum am Appellhofplatz 23-25. Der lange Titel „Von Herschel Grynszpan über Simon Wiesenthal zu Amy Winehouse“ macht deutlich: Hier steht Kharchenkos eindrückliche Porträtkunst in oft enormen Formaten im Mittelpunkt einer großen Überblicksschau.

Die zwölf Stämme – oder Häuser – Israels

Eine noch berühmtere Adresse – nicht zuletzt dank ihrer skulpturalen Gestaltung durch Star-Architekt Daniel Libeskind – ist das Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus. Dort präsentiert der 32-Jährige seit Sonntag eine Auswahl seiner Bilder unter dem Titel „Kein Ort Zuhause“. Die Arbeiten zeigen die zwölf Stämme – oder Häuser – Israels. Das Haus fungiert dabei als Symbol für einen Schutz- oder Rückzugsort, zugleich irritiere die gestalterische Form einiger Gemälde, sagt Kuratorin Maren Waike-Koormann. In der Ausstellung greift der Künstler zu abstrakten Verfremdungen der Bildmotive.

Yury Kharchenko studierte bis 2008 an der Kunstakademie Düsseldorf. Damals ist er von Neonazis unweit seiner Wohnung verprügelt worden. „Das war auch ein psychischer Schock für mich.“ Fluchtartig zog der junge Künstler nach diesem Vorfall nach Berlin. Seine Familie ist nicht sonderlich religiös. „Ich wusste, dass ich jüdisch bin, aber es hat mir nicht viel bedeutet.“

Doch die Gewalterfahrung bringt ihn zur Auseinandersetzung mit seiner jüdischen Herkunft und Religion. Er besucht in Berlin eine jüdische Schule, lernt Hebräisch.

Die Architektur irritiert – wie die abstrakten Bilder

In seinen Ateliers in Berlin und Oberhausen beschäftigt sich der stetige Langstrecken-Pendler mit berühmten jüdischen Persönlichkeiten der 1920er und ‘30er Jahre, die emigrieren mussten. Große Aufmerksamkeit bekam Kharchenko, als er sich zum Luther-Jubiläumsjahr mit dem Antisemitismus deutscher Christen in der Schau „Luther und die Avantgarde“ in Wittenberg auseinandersetzte.

Die Osnabrücker Ausstellung beschäftigt sich nun mit dem Haus als Symbol für einen Ursprungs-, Flucht- oder auch Zielort. Die Fragen woher kommst du, wer bist du, wohin willst du gehen, seien auch für ihn als Künstler wichtig. Es sei auch die Auseinandersetzung mit einem Paradoxon: Er habe eine jüdische Identität, und lebe doch im Land der Täter. „Ich bin ja auch deutsch und habe die deutsche Mentalität“, sagt Kharchenko. Seine Bilder sieht er auch als ironische Auseinandersetzung mit dieser Widersprüchlichkeit.

Kuratorin Maike Waike-Koormann bezeichnet es als „Glück“, mit Yury Kharchenko zusammenzuarbeiten. Sowohl Kharchenko als auch der Architekt des Nussbaum-Hauses, Daniel Libeskind, und der in Auschwitz ermordete Osnabrücker Maler Felix Nussbaum (1904 bis 1944) haben jüdische Wurzeln. Alle Drei setzten sich auf ihre Weise mit Fragen von Identität auseinander. Die Werke Kharchenkos treten in einen spannenden Dialog mit der teils beklemmenden Beton-Architektur des Nussbaum-Hauses. Die Architektur irritiert – und auf ganz andere Art auch die abstrakten Bilder Kharchenkos.

>>> ZWEI AUSSTELLUNGEN UND EIN GROSSER BILDBAND

In Köln ist die Ausstellung „Von Herschel Grynszpan über Simon Wiesenthal zu Amy Winehouse“ noch bis Sonntag, 2. September, zu sehen – und zwar im NS-Dokumentationszentrum, Appellhofplatz 23-25. Online informiert die Seite museenkoeln.de/ns-dokumentationszentrum.

In Osnabrück bleibt die Ausstellung „Kein Ort Zuhause“ bis zum 18. November im Felix-Nussbaum-Haus im Osnabrücker Museumsquartier. Online informiert die Seite osnabrueck.de/fnh.

Im Kerber Verlag, dem Kunstbuchverlag mit Sitz in Bielefeld und Berlin, erschien im Juli der 256 Seiten starke Bildband „Yury Kharchenko“ mit Essays in Deutsch und Englisch und 224 Abbildungen. Er kostet 45 Euro.