Westwind-Festival

„Funny Girl“ ist Theater als Ermutigung statt Comedy

Azime und ihre nervige Familie: „Funny Girl" nach dem gleichnamigen Roman von Anthony McCarten begeisterte das ausverkaufte Große Haus.

Azime und ihre nervige Familie: „Funny Girl" nach dem gleichnamigen Roman von Anthony McCarten begeisterte das ausverkaufte Große Haus.

Foto: Michael Korte / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  Als „Funny Girl“ sorgt Sibel Polat für einen weiteren Westwind-Hit. Anthony McCartens Komödie lässt das Theater Kohlenpott vor Witz sprühen.

Zur Eröffnungsfeier dieser rasend erfolgreichen „Westwind“-Auflage hatte Ayana Goldstein eine „Wunderwaffe“ angekündigt: Gemeint war Sibel Polat – und es war kein bisschen übertrieben. Als „Funny Girl“ des Herner Theater Kohlenpott macht sie aus einem durchaus konventionell gestrickten „well made play“ eine Sensation: ist komisch, ergreifend und trotzig-kämpferisch. Und das alles fürs kleine Geld einer freien Theater-Schauspielerin. Die literarische „Wunderwaffe“, Anthony McCarten aus Neuseeland, dürfte inzwischen als Drehbuchautor von „Bohemian Rhapsody“ ausgesorgt haben.

Seine Romanvorlage erzählt zwar von einer kurdischen Familie in London – doch ein talentiertes „Funny Girl“ wie diese Azime dürften die 14- bis 17-Jährigen, die am Mittwoch ins Theater strömten, bestimmt auch an ihrer Schule kennen. Sibel Polat und ihre drei kongenialen Mitspieler jedenfalls hatten das Große Haus mit geradezu britischer Pointensicherheit fest im Griff.

Wenige knatschbunte Requisiten genügen

Daran hatte allerdings auch jenes gar nicht so kleine Ausstattungswunder einen gehörigen Anteil, für das Stefanie Stuhldreier sorgte: Alle tragen Tweed und Anzüge, jedoch nicht mit englischem Understatement – sondern schrill überdreht. Da werden Handtaschen und Häkeldeckchen zu Hüten und Perücken. Wenige knatschbunte Requisiten genügen dem Trio Till Beckmann, Jennifer Ewert und Manuel Moser, um nicht nur Azimes Familie, sondern auch alle anderen Rollen zu gestalten. Über-pointiert? Ja, aber als stets liebevoll gezeichnete Vignetten.

Das erste lautstarke Entzücken erntet Sibel Polat als aufmüpfige Azime mit ihrer Strategie gegen Mamas Verheiratungspläne: Die ältlichen Ehekandidaten schockt sie mit einer derbe ausgespielten „Nussallergie“. Klar, hier lauert ein humoristisches Naturtalent.

Der weibliche Comedy-Coach im Club ihres schwulen Freundes Denis ist jene modern-mütterliche Instanz, die Azime – ganz im Gegensatz zu ihrer „Wasch-dir-den-Mund-mit-Seife-aus“-Familie – ermutigt, auf die Bühne zu treten, und sich als Comedian zu versuchen. Eine Carolin Kebekus soll damit längst nicht aus ihr werden – und „Funny Girl“ ist zum Glück auch keine dramaturgisch verbrämte Comedy-Show, sondern ein Schauspiel, das in gut 100 Minuten viel zu erzählen hat.

„Ich habe das Recht zu schweigen“

Der Saal hat riesigen Spaß an dem in eine skurrile Haube verwandelten PC-Keyboard des Reporters, der Azime nach ihrem ersten Auftritt als verschleierte Comedienne befragt. Der warnende Satz „Passen Sie auf sich auf!“ geht im Entzücken fast unter. Umso eindringlicher inszenierte Frank Hörner das Ballett für drei Baseball-Schläger: Es sind die „eigenen Leute“, die Azime und Denis bedrohen. Es ist der Ehemann, der ihre beste Freundin verprügelt.

„Es hat durchaus seine Vorurteile, Muslima zu sein.“ Azimes Auftritt im goldglänzenden Scheinwerferlicht – und in der nur die Augen nicht verhüllenden Burka – zum Schluss dieser starken Inszenierung ist kein Comedian-Rundumschlag, sondern ein sehr eindringliches Plädoyer: „Ich habe das Recht zu schweigen, aber weder den Willen noch das Talent dazu.“ Großer Applaus.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben