Stadtgeschichte

Fronleichnamskirmes: Stadtverordneter fürchtete Unmoral

Seit fast 190 Jahren gibt’s den Rummel in Sterkrade – vor 105 Jahren forderte ein Stadtverordneter die Abschaffung des Vergnügens. Foto:Thomas Gödde

Seit fast 190 Jahren gibt’s den Rummel in Sterkrade – vor 105 Jahren forderte ein Stadtverordneter die Abschaffung des Vergnügens. Foto:Thomas Gödde

Im Mai 1914 scheiterte im Sterkrader Rat ein Antrag zur Abschaffung der Fronleichnamskirmes: Was passiert nachts nicht alles in den Tanzzelten...

Mitunter darf man denken, in Oberhausen dürfe egal was gefordert werden, es bliebe ohne Echo in der Bevölkerung. Der Idee allerdings, die Fronleichnamskirmes vom Fronleichnamstag zu verlegen oder sie sogar ganz aus dem Festtagskalender zu streichen, würde ein Protestgeheul entgegenhallen, das wohl den Niederrhein entlang zu hören wäre. Auf diese Idee kommt heute, da die Kirmes demnächst ihren 190. Geburtstag feiert, keiner mehr. Aber vor 105 Jahren, Mitte Mai 1914, gab es im Rat der Stadt Sterkrade eine ernsthafte Debatte darüber.

Die Diskussion – als Wortprotokoll im „General-Anzeiger für Oberhausen, Sterkrade, Osterfeld, Bottrop und Umgegend“ erhalten – offenbart vor allem eins: Es gab damals wie heute Menschen, die sich anderen gegenüber als wie auch immer verantwortlich fühlten und sie fernhalten wollten von dem, was heute Freizeit heißt und zu Kaisers Zeiten und in Augen „guter Bürger“ Belustigung für den Pöbel war. Wortführer dieser – kleinen – Gruppe im Sterkrader Rat war der Stadtverordnete Dr. Bohny.

„Für den elendesten Flitter“

Der argumentierte zunächst mit dem Verdienstausfall der Arbeiter von der Hütte und den Bergwerken, die am eigentlichen Kirmestag (das war der Freitag nach Fronleichnam als einziger Tag, allerdings ging samstags kaum jemand zur Arbeit, da der Alkoholkonsum beträchtlich war) nicht arbeiteten. Bohny addierte 200.00 Mark und fragte: „Und für was geben die Leute all das viele Geld aus?“

Um aufzuzählen: „Für den elendesten Flitter, für minderwertige Schundwaren, für Backwaren, die Wochen und Monate alt sind, und die schmierige Finger angefasst haben. Man sehe sich doch die Tische mit Wurstbrötchen an, wo Staubwolken darüber hinwegjagen, das Obst, wo die Hunde ihre Notdurft verrichten; dann sehen Sie die Buden an, elende verhungerte Gestalten, Hippodrome mit Schindmähren, die zum Schlachten zu schlecht sind.“ Der Zeigefinger für Sitte und Moral fehlt nicht: „Was passiert nachts nicht alles in den Tanzzelten....Ich kann Sie nur sehr dringend bitten, heben Sie dir Kirmes auf.“

Nur einer stimmte mit

Er fand nur einen, der mit ihm stimmte, und es gab auch nur sieben Stadtverordnete, die eine Verlegung auf Sonntag und Montag wollten; zwanzig Stadtverordnete votierten für Donnerstag und Freitag und gegen eine ministerielle Anordnung der Verkürzung auf den Donnerstag.

Übrigens: Neun Jahrzehnte nach dieser Debatte warb man gern mit dem Slogan „Größte Straßenkirmes am Niederrhein“ und wollte als „längste“ Kirmes ins Guinness-Buch der Rekorde. Das klappte damals noch dank der Aktivierung zusätzlicher Straßenhändler; mittlerweile haben Umbauten der Sterkrader City und näherer Umgebung die Kirmes wieder gestutzt. Ein Fest ist sie geblieben. Und was in den „Tanzzelten“ nächtens passiert? Wer will’s schon wissen?

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