Gedenken

Flucht vor den Nazis führte Oberhausener bis nach Shanghai

Rosen rund um den im Vorjahr verlegten Stolperstein für Hermann Eul an der Cuxhavener Straße 26/28

Rosen rund um den im Vorjahr verlegten Stolperstein für Hermann Eul an der Cuxhavener Straße 26/28

Foto: Gerd Wallhorn

Oberhausen.   Gunter Demnig setzt am 5. Februar zwölf weitere Stolpersteine ins Pflaster. Die Denkmale von unten erinnern an Widerständler und jüdische Bürger.

Im besten Sinne routiniert muss Gunter Demnig am Montag, 5. Februar, zu Werke gehen: Schließlich gilt es für den 70-Jährigen, von 9 Uhr an zwölf Stolpersteine an neun Adressen ins Pflaster zu setzen. Um an weitere Oberhausener zu erinnern, die als Widerständler, als Juden und als „Erbkranke“ zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten verfolgt wurden.

Siepmannstraße 8

Eduard Tödheide wurde 1908 in Mülheim-Styrum geboren. Als er 18 Jahre alt war, starb sein Vater. Die Familie hatte ein geringes Einkommen. Der Arbeiter Eduard Tödheide trat 1932 der Jugendorganisation der KPD bei. Nach der NS-Machtübernahme 1933 wurde er kurzzeitig inhaftiert. Trotz großer Gefahr half Tödheide beim Wiederaufbau der KJVD-Gruppe und verteilte Flugblätter. Deswegen wurde er erneut festgenommen. Im Juni 1935 wurde er wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu acht Jahren Haft verurteilt. Nach Verbüßung seiner Strafe Anfang November 1942 wurde Tödheide zunächst nach Oberhausen ins Gefängnis überstellt. Die Gestapo beantragte seine Einweisung in das KZ Sachsenhausen. Im Februar 1945 wurde er in das KZ Bergen-Belsen verlegt, wo er am 4. April 1945 an Typhus starb.

Nohlstraße 74

Amalie (Malli) Tobias wurde 1873 in Hattingen geboren. Ihre Eltern hatten neun Kinder. Der Vater handelte mit Spielwaren, Lumpen und Altmetall und betrieb die „Westfälische Pfandleih-Anstalt“. Malli heiratete in erster Ehe Sally Bloch. Ihr Sohn Eugen kam 1900 zur Welt. Nachdem ihr Mann Sally im Ersten Weltkrieg gestorben war, heiratete sie David Dagobert Eichberg. Nach dessen Tod 1927 zog sie nach Oberhausen, wo auch ihr Sohn Eugen mit seiner Familie lebte. Malli Eichberg gehörte der Jüdischen Gemeinde an. Ihr Sohn Eugen wurde 1938 festgenommen und ins KZ Sachsenhausen gebracht. 1939 floh er mit seiner Frau und den kleinen Söhnen nach Shanghai. Malli Eichberg blieb in Oberhausen. 1942 musste sie aus ihrer Wohnung in ein Ghettohaus in der Ellenbogenstraße 10 umziehen. Am 21. Juli 1942 wurde sie ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Am 21. September wurde sie in das Vernichtungslager Treblinka gebracht und ermordet.

Saarstraße 71

Ruth Rosenbaum, 1917 in Oberhausen geboren, war das jüngste von vier Kindern der Eheleute Julius und Ottilie Rosenbaum. Die Tochter des jüdischen Kaufmanns wurde Gymnastiklehrerin und heiratete 1936 den Berliner Walter Orbach. Im gleichen Jahr wanderten sie nach Palästina aus. Eltern und Geschwister konnten sich ebenfalls retten. In Haifa kam es zur Scheidung und Ruth ging während des Krieges nach Ägypten. Dort lernte sie den Engländer Jim Tudge kennen, der im Sanitätsdienst tätig war. Seit 1945 lebte sie mit ihrem zweiten Mann in Oxford und bekam drei Kinder. Durch einen tragischen Verkehrsunfall verunglückte sie 1955 tödlich.

Martin-Heix-Platz 1

Hermann Althoff wurde 1904 in Mülheim geboren. Der Monteur war Mitglied der KPD und der RGO (Revolutionäre Gewerkschaftsopposition). Im November 1933 von den Nationalsozialisten festgenommen, wurde er wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt. Zunächst war er im Gefängnis Wuppertal inhaftiert, danach im KZ Börgermoor im Emsland. Nach seiner Entlassung 1935 lebte er weiter in Oberhausen, heiratete und wurde Vater. Er starb 1973 mit 69 Jahren.

Grevenstraße 17

Hans Althoff wurde 1903 in Mülheim geboren. Der Elektriker bei Thyssen heiratete 1926 Dorothea Bennewirtz. Das Paar bekam vier Kinder: Hans Althoff engagierte sich bereits in jungen Jahren für die Arbeiterbewegung und war SPD-, später KPD-Mitglied. Am 28. März 1933 wurde er von der SA festgenommen. Weitere Verhaftungen folgten. Althoff leistete trotz der Gefahren weiterhin Widerstand. 1936 wurde er unter Folter im Gestapo-Kerker in Recklinghausen verhört. Verzweifelt sprang er aus dem Fenster im zweiten Stock. Schwer verletzt fand ihn ein Kaplan und bewirkte, dass er ins Krankenhaus gebracht wurde. Nach der Haft war er aufgrund seiner Verletzungen arbeitsunfähig. Dennoch wurde er 1942 zum Kriegsdienst eingezogen. Im November 1944 wurde Hans Althoff entlassen und kehrte nach Oberhausen zurück. Bis Kriegsende lebte er in der Illegalität und engagierte sich zusammen mit Hans Müller im Widerstand. Er starb 1966.

Friedrich-Karl-Straße 26

Elsbeth Rosenbaum wurde 1904 in Oberhausen geboren. Ihre Eltern Julius und Ottilie hatten das Textilkaufhaus „Hermanns und Co“ auf der Friedrich-Karl-Straße. Elsbeth hatte drei Geschwister: Hilde, Kurt und Ruth. 1930 heiratete sie den sechs Jahre älteren Meinhard Stern. 1931 kam ihr Sohn Gert Rudolph in Oberhausen zur Welt.

Da die Familie der Jüdischen Gemeinde angehörte, musste sie 1933 nach Frankreich fliehen. Wenig später ließen sich Elsbeth und Meinhard scheiden. 1935 heiratete Elsbeth Herbert Gordon aus Berlin. Das Paar floh mit dem Sohn Rudy in die USA. Elsbeth Gordon starb dort 1995, Rudy im Jahr 1996.

Meinhard Stern lebte seit 1933 in Paris. Dort hatte er ein Lebensmittelgeschäft. 1934 heiratete er seine zweite Frau Erna und bekam mit ihr zwei Söhne. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges floh die Familie vor den deutschen Besatzern in den unbesetzten Süden Frankreichs. Die Familie überlebte den Holocaust und lebte später in Wuppertal. Meinhard Stern starb dort 1977.

Waghalsstraße 13

Peter Jansen wurde 1906 in Sterkrade geboren. Der Drahtzieher war Stadtteilleiter der KPD in Sterkrade. Mit seiner Frau Elisabeth verteilte er antifaschistische Flugblätter und Aufrufe zum Generalstreik gegen die Diktatur. Deshalb wurde er im April 1933 in „Schutzhaft“ genommen. Auch nach seiner Entlassung geriet er wiederholt in den Verdacht, illegal für die KPD tätig zu sein. Mit seiner Frau verteilte er weiter Schriften, die aus Holland ins Ruhrgebiet geschmuggelt wurden. Das Paar engagierte sich auch nach dem Krieg antifaschistisch. Peter Jansen verstarb im Jahr 1968.

Schmachtendorfer Straße 104

Johann Arnold Optenhövel wurde 1912 geboren und arbeitete als Bergmann. Er lebte mit seinen Eltern Arnold und Karoline auf der Schmachtendorfer Straße. 1932 wanderte er mit ihnen nach Russland aus. Sein Vater arbeite bereits seit 1929 immer wieder für Thyssen in Russland. 1934 kehrten seine Eltern, drei Jahre später auch Johann Optenhövel nach Oberhausen zurück. Die Familie war vor ihrer Ausreise politisch nicht auffällig. Doch nach der Rückkehr des jungen Optenhövel warfen ihm die Nazis vor, er sympathisiere mit dem Kommunismus und habe in Russland gegen Deutschland gehetzt. Deshalb wurde er im Dezember 1937 in „Schutzhaft“ genommen. Im Mai 1937 wurde er vom Polizeigefängnis in das KZ Buchenwald überführt, wo er Zwangsarbeit beim Bau von SS-Unterkünften leisten musste. Im Mai 1940 wurde Johann Arnold Optenhövel weiter in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Dort ist er im Frühjahr 1945 befreit worden.

Als Kranke ermordet

Anna Klein, geboren 1887 in Sterkrade, ist der Stolperstein Hagedornstraße 49 gewidmet. 1911 heiratete sie Johann Stein. Das Paar hatte fünf Kinder. Anna lebte seit 1926 in der Heil- und Pflegeanstalt Königshof bei Krefeld. Es ist unbekannt, wegen welcher psychischen Erkrankung sie dort behandelt wurde.


Im August 1941 erhielt Johann Stein einen Brief über die angebliche Verlegung seiner Frau in eine Anstalt in Langenfeld. Da er bereits von anderen Familien Schlimmes gehört hatte, protestierte er in einem Brief gegen die „Verlegung“ seiner Frau – vergeblich. Anna Stein war sofort in die Vernichtungsanstalt Hadamar gebracht und ermordet worden.