Lebenswerk

Er wollte sein Leben lang nicht einfach die Klappe halten

Heinz Brieden ist immer noch regelmäßig Gast im soziokulturellen Zentrum K14 an der Lothringer Straße.

Heinz Brieden ist immer noch regelmäßig Gast im soziokulturellen Zentrum K14 an der Lothringer Straße.

Foto: Michael Korte

Oberhausen.   Die Oberhausener Heinz und Ingrid Brieden sind von der SPD geehrt worden. Die Willy-Brandt-Medaille bekommen nur besondere Genossen.

Das K14. Wir sitzen also in seinem Wohnzimmer. Lenins Büste schaut über die Schulter, als Heinz Brieden geduldig den Fragen lauscht. Wie war das damals in Warschau? Wieso haben sie nicht geschossen? Fragen zu einer anderen Zeit. Krieg ist für jüngere Generationen in Europa allenfalls im Roman vorstellbar. Greifen, begreifen und wirklich verstehen, wie es für Heinz Brieden war, ist schwierig.

Der mittlerweile 91-Jährige ist in Oberhausen stadtbekannt. Das K14 ist das älteste soziokulturelle Zentrum Deutschlands und geht zwar schwer über die Zunge, aber diese Institution des freien Denkens und freien Handelns ist ein gewichtiger Teil Briedens Lebens. Doch der gelernte Maler, Bildhauer, Unternehmer und seit 70 Jahren Sozialdemokrat mit Parteibuch ist weitaus mehr als die Arbeit im, am und ums K14. Sein Leben ist derart facettenreich und gespickt mit großen und kleinen Ereignissen, dass es eine Freude ist, ihm einfach nur zuzuhören.

Ein Wochenende mit Drill

Dabei ist gerade Briedens Zeit in der Wehrmacht alles andere als witzig. Aufgewachsen im Sauerland wird er mit gerade mal 17 vor die Wahl gestellt: SS oder Hermann-Göring-Division. „Die meisten haben dann lieber den dicken und gemütlichen Onkel gewählt, weil wir wussten, was bei der SS los war. Doch das mit Göring war natürlich totaler Quatsch“, sagt Heinz Brieden und schüttelt den Kopf so, als wäre er eben heimgekehrt aus Tod und Verderben.

Ein Wochenende Drill auf der Burg in Altenahr in der Pfalz später und der junge Heinz kommt zur Soldatenausbildung ins besetzte Holland. „Der Ton dort war natürlich viel rauer.“ Ein paar Wochen darauf, es ist 1944, wird Brieden in Polen stationiert. Als in Warschau der Aufstand beginnt, sollen er und seine Kameraden „alles radikal beseitigen“. Brieden weiß genau, was das heißt: Mord. Hundertfach, tausendfach.

Brieden wird verwundet, überlebt den Krieg aber

Er weigert sich. Ein Kamerad tut es ihm gleich. Kurze Zeit später ist er an der Ostfront und wartet im Schützengraben auf die Sowjets. Ein Himmelfahrtskommando. Wer nicht spurt, stirbt. Wie durch ein Wunder wird Brieden zwar dreimal verwundet, überlebt aber den Krieg und kommt berufsbedingt nach Oberhausen. „Trotzdem gibt es Dinge, die vergisst man nicht.“

Ende des vergangenen Jahres haben er und seine Frau Ingrid die Willy-Brandt-Medaille bekommen. Für SPDler das höchste der Gefühle. Für ihren Einsatz über all die Jahre. Für die Arbeit im K14, ihr Engagement für Demokratie, soziale Demokratie vor allem, ein Leben für mehr Gerechtigkeit. Das, was Heinz Brieden schon als Teenager bewies: „Man darf nicht die Klappe halten.“

Für Jazz und Skat ins K14

„Ich wünsche mir, dass die Jugend weitermacht und sich fürs Klima einsetzt“, betont Heinz Brieden im K14 während im Hintergrund die Trompete einsetzt. Er kommt mit 91 Jahren regelmäßig und hört Jazz mit seiner Frau, spielt Skat mit den Jungs und trinkt nochmal ein Bier oder einen Wein. Die Medaille liege zu Hause gut verwahrt herum.

„Ich weiß noch nicht so genau, was ich mit der Ehrung anfangen soll.“ Bescheiden und aufrichtig – Heinz Brieden hat in Oberhausen gestritten, manchmal polarisiert und vielfach zu Diskussionen angeregt, ohne die sich Oberhausens städtische Gesellschaft sicher nur schwerlich so offen und tolerant entwickelt hätte. Politische Ämter wollte er nie, aber sagen, was ist.

Niemand will sich daran erinnern

„Noch heute erstaunt es mich, dass die rechten Hetzer immer aus den bürgerlichen Verhältnissen kommen und selten aus der Arbeiterschaft. Von 90 Lebensjahren habe ich 80 mit der braunen Soße vor der Nase verbracht.“ Anekdoten zu diesem Thema fallen ihm leider einige ein, die meisten sind aus der Nachkriegszeit bis in die 70er Jahre hinein, manches selbst bis in die Gegenwart.

Bis heute sei auch der Name eines Pastors im Nachbardorf seiner Heimatstadt im Sauerland nicht gut gelitten. „Ich habe vor langer Zeit mal versucht, dem Mann wenigstens einen Gedenkstein zu schenken und versucht, Spenden zu sammeln, weil er sich mit Worten und Taten gewehrt hat gegen die Nazis.“ Aber das misslingt. Niemand will sich daran erinnern – und ein paar Provinzstädtchen weiter wird sogar ein Fußweg nach einem alten Nazi benannt. „Da fehlen mir die Worte.“

SPD muss was tun

Heinz Brieden hofft, dass alle Parteien und Menschen gegen die aktuellen rechtspopulistischen Strömungen angehen. Seine SPD müsse dafür allerdings erstmal aus dem Loch kommen und „was tun“. Auch wenn die Atmosphäre zur Nazizeit eine andere war. „Wir dürfen unsere Demokratie nicht aufgeben und den Rechten keine Zugeständnisse machen!“

>>> Mitbegründer der Arbeiterjugend

„Nie wieder Krieg” ist bis heute das Motto des gebürtigen Sauerländers Heinz Brieden geblieben. Er war Mitbegründer der Sozialistischen Arbeiterjugend und als einer der ersten bei der Nachfolge-Organisation dabei: den Jusos.

Zurzeit sichtet und digitalisiert Heinz Brieden Fotos und Pressetexte aus seinem Archiv, damit die Nachwelt sehen kann, welche prominenten Künstler, Mitglieder und Mitarbeiter des Vereins zur Förderung politischer Bildung im K14 beigetragen haben.

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