Artenschutz

Ein Naturgarten mitten in der Großstadt

Anna Schiestel (li.) und Gundula Kerekes im Naturgarten an der Goethestraße. Die Clematis, an der sie stehen, ist  keine heimische Pflanze. Sie stammt noch aus dem alten Garten.

Foto: Franz Naskrent

Anna Schiestel (li.) und Gundula Kerekes im Naturgarten an der Goethestraße. Die Clematis, an der sie stehen, ist keine heimische Pflanze. Sie stammt noch aus dem alten Garten. Foto: Franz Naskrent

oberhausen.  Anna Schiestel hat sich einen Naturgarten anlegen lassen. Damit bietet sie über 70 verschiedenen Pflanzen und unzähligen Insekten Lebensraum.

Anna Schiestel (64) hat hinter ihrem Haus an der Goethe­straße einen besonderen Garten. Es ist kein Nutzgarten, denn sie baut weder Kartoffeln noch Möhren an. Große, gemähte Rasenflächen mit darin eingelassenen Blumenbeeten sucht man eben­so vergebens. Sie hat sich ei­nen Naturgarten anlegen lassen, will bewusst ein Zeichen gegen den Zeitgeist setzen, gegen Gärten, die mit Parks verwechselt werden, und gegen geschotterte Vorgärten.

Es kreucht und fleucht auf ihren 300 Quadratmetern nur so. Wildbienen, Wespen, Schmetterlinge, Fliegen und Bienen sind bei ihr ebenso willkommen wie Schnecken, die andere Kleingärtner mit Bierfallen ertränken, außerdem Oh­renkneifer und die kleinen roten Feuerwanzen. Anna Schiestel un­ternimmt alles, um ihnen Lebensmöglichkeiten zu bieten. Denn ringsum, weiß sie, ist es damit immer schlechter bestellt. Außerdem duftet es inmitten ihrer Wildblumenpracht wie im Wald.

Nicht der Baumarkt bestimmt den Pflanzenzyklus

Bei ihr gilt eben nicht, dass der Baumarkt den Pflanzenzyklus bestimmt, mit Stiefmütterchen im Frühjahr und Erika im Herbst. Das überlässt sie lieber der Natur. Und da blüht bei uns zu Jahresbeginn eben das Schneeglöckchen und später der Märzenbecher.

„Naturgärten sind nicht grün, sondern bunt“, sagt Gundula Kerekes. Die Naturgärtnerin hat den Garten von Anna Schiestel gemeinsam mit ihr geplant und mit der Willicher Firma Naturgärten Willemsen gebaut. „Er ist so bepflanzt, dass immer etwas blüht.“

Hört man ihr zu, wird schnell deutlich, was für ein komplexes Ökosystem so ein Naturgarten ist, welchen Beitrag eine größere Zahl davon im Stadtgebiet für die Stabilisierung unserer natürlichen Lebensgrundlagen leisten könnte.

„Eine Schlüsselrolle bei der Fortpflanzung vieler Pflanzen kommt den Wildbienen zu“, erklärt sie. Die beiden bekanntesten sind Hummel und Wespe. Beide sind nicht wählerisch bei der Nahrung. „Hummeln lieben aber den Nektar von Fingerhut“, sagt Kerekes. Und der Bläuling, ein Falter, legt am Hornklee seine Eier ab. Kerekes: „Ohne Hornklee hätten wir ihn hier im Garten nicht.“

Auch Totholz darf im Garten nicht fehlen

Die Wildbienen gibt es auch viel kleiner. „Allein in Deutschland leben (noch) 550 verschiedene Arten“, erklärt Kerekes. Ein solches Exemplar fliegt gerade eine Glockenblume an. Zum Schlafen suchen sie sich die Malve, die lila blüht. „In vielen Zuchtblumen finden Wildbienen dagegen weder Nahrung noch Schutz“, erklärt die Naturgärtnerin. Ihre dichten Blüten verstellen den Zugang zu Pollen und Nektar.

Auch Totholz darf im Garten von Anna Schiestel nicht fehlen. Ohrenkneifer sind darunter zu Hause. Unter der Rinde, die vom Totholz abfällt, schlüpfen die Larven von Käfern. „Jeder Käfer braucht seine Holzsorte“, weiß die Naturgärtnerin. Einige Wildbienen legen im Totholz ihre Eier ab. Wespen nutzen die Holzfasern zum Nestbau.

Auch gibt es Sonnen- und Schattenflächen. In der Sonne tanken viele Insekten Energie. Andere suchen vor der Hitze Schutz. Ein Tümpel dient als Vogelbad. Die kleinen roten Feuerwanzen verwerten totes Pflanzenmaterial. Ihr Kot düngt das Erdreich.

Felsenbirne muss geheilt werden

Ein Naturgarten ist pflegeleicht, reguliert sich selbst. „Ich beschneide schneller wachsende Pflanzen, die sich stark vermehren, die Samen der Nelkenwurz etwa“, berichtet Schiestel. Höchstens zwei Mal im Jahr mäht Gundula Kerekes ihr die Durchgänge frei.

Es ist der Klimawandel, der sie zwingt, einzugreifen. Sturm Friederike riss im Januar beim Nachbarn eine Zeder um, die ihre Felsenbirne verletzt hat. Sie wurde in einem Gestell fixiert. Schiestel gießt sie mit Beinwell-Jauche aus dem Garten, einem alten Heilmittel gegen Brüche.

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