Historische Schätzchen

Ein Kaufhaus wandelt sich zum Kulturtempel für alle

Familientag zur Eröffnung des Bert-Brecht-Hauses im September 2011 mit Bühnenprogramm auf dem neu gestalteten Saporishja-Platz in Oberhausen.

Foto: Kerstin Bögeholz

Familientag zur Eröffnung des Bert-Brecht-Hauses im September 2011 mit Bühnenprogramm auf dem neu gestalteten Saporishja-Platz in Oberhausen. Foto: Kerstin Bögeholz

Oberhausen.   Das Bert-Brecht-Haus gilt in Oberhausen längst als Wahrzeichen mit Kultstatus. 1925 wurde es nach dem Vorbild des Hamburger Chilehauses erbaut.

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Als Volkshochschule und Stadtbibliothek Oberhausen 2011 gemeinsam in das wiedereröffnete Bert-Brecht-Haus zogen, lagen aufregende Wochen hinter den Mitarbeitern. Ihr Arbeitsplatz hatte sich endgültig vom ehemaligen Kauf- zum Kulthaus gemausert.

Ein Blick in den von Stadt, VHS und Bibliothek herausgegebenen Band „Bert-Brecht-Haus 1925 bis 2014: Ein Haus wird Kultur“, zeigt, welch wechselhafte Geschichte bis dahin hinter diesem Haus lag. Das Baugrundstück am Rande des ehemaligen Betriebsgeländes der aufgegebenen Styrumer Eisenindustrie, hatte die Architekten 1925 vor gewaltige Probleme gestellt. Es lief spitz zu und lag zwischen der heutigen Paul-Reusch und der Lange-markstraße. Die katholische Tageszeitung „Ruhrwacht“ wollte hier ihr Zeitungshaus errichten. Mit dem jüdischen Kaufhausunternehmen Leonhard Tietz aus Köln war der richtige Bau-Partner gefunden.

Gemeinsam machten sich der Kölner Regierungsbaumeister Otto Scheib und der Oberhausener Architekt und Bauleiter Franz Boegershausen ans planerische Werk. Scheib ließ sich bei seinem Entwurf von dem nur wenige Jahre zuvor in Hamburg errichteten Chilehaus inspirieren. Drei Jahre später stand das Ruhrwachthaus und damit das erste Hochhaus Oberhausens (sieben Geschosse). Als das ins Gebäude integrierte Kaufhaus am 3. Oktober 1928 seine Eröffnung feierte, kam es zum Verkehrschaos mit hunderten Neugierigen vor den Ladentüren.

Die jüdischen Aufsichtsratsmitglieder traten zurück

Doch nur wenige Jahre später, 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wendete sich das Blatt. Die jüdischen Aufsichtsratsmitglieder der Tietz AG traten zurück, die Aktien der Firma wurden weit unter Wert an ein Konsortium aus Commerzbank, Dresdner Bank und Deutscher Bank verkauft. Die gesamte Warenhauskette mit insgesamt 15 000 Beschäftigten an 43 Standorten wurde in „Westdeutsche Kaufhof AG“ umbenannt. Die Familie Tietz war 1933 in die Niederlande emigriert und erhielt später als Entschädigung für ihr blühendes Kaufhaus-Imperium nicht einmal 5 Millionen DM.

Das Ruhrwachthaus selbst war im Zweiten Weltkrieg kaum beschädigt worden und so konnten Zeitungsverlag und Kaufhof nach Kriegsende bald wieder ihren Betrieb aufnehmen. Als der Kaufhof 1961 aber in den schräg gegenüberliegenden Neubau expandierte, kam in Oberhausen erstmals eine Umwidmung des Hauses ins Gespräch. Auf Initiative von Heinz Schleußer, zu dieser Zeit Vorsitzender der SPD-Ratsfraktion und finanzpolitischer Sprecher der Düsseldorfer SPD-Regierungsfraktion, kaufte die Stadt Oberhausen im Jahr 1978 das Ruhrwachthaus für 1,4 Millionen DM.

Nummer 1 in der Denkmalliste

Das Haus sollte nun vollständig der Volkshochschule zur Verfügung gestellt werden. Im Laufe der Jahre musste das Raumprogramm der VHS abgespeckt werden. Mit der Zentrale der Stadtbibliothek und Teilbereichen der Verwaltung (Einwohnermeldeamt, Ordnungsamt) kamen neue Nutzer dazu. Auch fünf Läden waren eingeplant.

Am 6. Dezember 1983 erfolgte der vorläufige Eintrag des Gebäudes als Nummer 1 in die Denkmalliste der Stadt. Dieser Status wurde am 13. März 1985 in einen endgültigen umgewandelt. Heute gilt das Haus als prominenter Vertreter des Norddeutschen Backsteinexpressionismus.

Nach einem aufwändigen Umbau konnte das Gebäude 1985 von seinen neuen Nutzern bezogen werden. Bei der Eröffnung am 19. März 1985 wurde es erstmals unter seinem neuen Namen Bert-Brecht-Haus präsentiert. Die Arbeiterstadt Oberhausen hatte mit Brecht einen Dichter gewählt, der die Arbeiterschaft zu seinem zentralen Anliegen gemacht hatte. Der neue Name sollte künftig Zeichen und Auftrag zugleich sein.

Hiobsbotschaft: Erhebliche Baumängel

Die Volkshochschule im Brecht-Haus boomte, die starke Nachfrage machte schließlich weitere Umbauten erforderlich. Im Sommerforum 2008 „Neue Ideen für den Saporoshje-Platz“, angeregt vom Projekt-TeamCity, wurde die Idee geboren, Sapo-Platz und Brecht-Haus neu zu überplanen.

Dank des Konjunkturpaketes II, einem Förderprogramm des Bundes, standen dafür 3,5 Millionen Euro zur Verfügung. Ziel: Sowohl VHS als auch Stadtbibliothek sollten in dem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude untergebracht werden. Das Krefelder Planungsbüro UKW-Innenarchitekten GbR (Jochen Usinger, Martin Klein-Wiele) ging als Sieger für den Umbau des Bert-Brecht-Hauses aus einem Ideenwettbewerb der Oberhausener Gebäudemanagement GmbH hervor. Auch für die Neugestaltung des Platzes entschied sich die Stadt für einen Ideenwettbewerb, den die Firma Förder Landschaftsarchitekten GmbH aus Essen gewann.

Im August 2010 erreichte die Stadt als Bauträger die Hiobsbotschaft von erheblichen Baumängeln, die bei Prüfbohrungen des Deckendurchbruchs für die neue Wendeltreppe der Bibliothek entdeckt worden waren. Damit kletterten die Gesamtkosten des Umbaus auf 10,63 Mio Euro. Mittel, die aus dem städtischen Haushalt aufgebracht werden mussten – und nicht durch weitere Fördermittel aufgefangen werden konnten.

Zwischen April und Juni 2011 kehrten die Mitarbeiter von VHS und Bibliothek zurück. Vom 9. bis zum 10. September 2011 wurde der Umbau mit einem Kulturfest eingeweiht. Das Bert-Brecht-Haus ist heute zu einem Treffpunkt für alle Oberhausener geworden.

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