WAZ-Stadtgespräch

Dringend gesucht: Botschafter, die für Oberhausen eintreten

Auf dem Podium des Stadtgesprächs: (v.li.) Ingo Dämgen, Oberbürgermeister Daniel Schranz, WAZ-Redaktionsleiter Peter Szymaniak, IHK-Präsidentin Jutta Kruft-Lohrengel, Apostolos Tsalastras, Kämmerer und Kulturdezernent, sowie Axel Biermann, Geschäftsführer der Ruhrtourismus GmbH.

Auf dem Podium des Stadtgesprächs: (v.li.) Ingo Dämgen, Oberbürgermeister Daniel Schranz, WAZ-Redaktionsleiter Peter Szymaniak, IHK-Präsidentin Jutta Kruft-Lohrengel, Apostolos Tsalastras, Kämmerer und Kulturdezernent, sowie Axel Biermann, Geschäftsführer der Ruhrtourismus GmbH.

Foto: Christoph Wojtyczka

Oberhausen.   Bei Hitlisten erreicht Oberhausen regelmäßig nur untere Platzierungen. Wie sieht es mit der Lebensqualität in der Stadt aus? Eine Diskussion.

„Mensch, ist das Grün hier, das hätte ich aber nicht gedacht.“ Axel Biermann zitiert Menschen, die Oberhausen oder das Ruhrgebiet besuchen und aus anderen Teilen Deutschlands kommen. Der Geschäftsführer der Ruhrtourismus GmbH rollt mit den Augen, „den Spruch kann ich wirklich nicht mehr hören“. Zustimmendes Nicken im Publikum des Stadtgesprächs von WAZ, Volkshochschule sowie Arbeit und Leben. Als wenn hier immer noch die Rußflocken vom Himmel fielen und keine Bäume wüchsen.

An Vorurteilen und Klischees abgearbeitet

An dem Diskussionsabend arbeiteten sich rund 70 Interessierte im Plenum und die Gäste auf dem Podium an Vorurteilen (den eigenen und fremden) gegenüber Oberhausen, an Klischees und tatsächlichen Missständen ab.

„Wie hoch ist die Lebensqualität in Oberhausen?“ lautete die Frage, die Bürger mit Oberbürgermeister Daniel Schranz, Gästeführer Ingo Dämgen, Kämmerer Apostolos Tsalastras, Axel Biermann und IHK-Präsidentin Jutta Kruft-Lohrengel debattieren konnten.

Die Chefin der Industrie- und Handelskammer in Essen bekannte sich gleich offensiv zu ihrer Heimatstadt: „Ich möchte nirgendwo anders leben und arbeiten als in Oberhausen.“ Damit nahm die Frau aus der Wirtschaft all den Machern von Hitlisten den Wind aus den Segeln, die Oberhausen immer auf einem der hinteren Plätze in allen Kategorien verorten.

Zuletzt bei der ZDF-Deutschlandstudie 2018, als Oberhausen auf Platz 398 von 401 landete. Die Attraktivität der Stadt also fast am Nullpunkt? Anlass, für die Oberbürgermeister im Ruhrgebiet, bei der aktuellen Studie nicht mehr mitzumachen. Anlass für das Stadtgespräch im Bert-Brecht-Haus: Gibt’s genug Grundlagen für die Heimatliebe?

Die meisten wohnen gerne in Oberhausen

Grundsätzlich wohnen die meisten gerne hier, fühlen sich wohl, wollen hier nicht weg – trotzdem gibt es an diesem Abend auch deutliche Kritik an der Lebensqualität (Stichworte: Müll, ÖPNV, Verwaltung, siehe auch unten). „Hat die Stadt also nur ein Imageproblem und wie kann das besser werden?“, fragt Moderator und WAZ-Redaktionsleiter Peter Szymaniak.

„Ich sage immer: Wir haben fünf Millionen Mitarbeiter, das sind die Menschen, die hier leben“, appelliert Tourismusmanager Axel Biermann.

Das funktioniert noch nicht wirklich optimal, ist die Erfahrung von Gästeführer Ingo Dämgen: „Oberhausener lassen sich klein machen und treten nicht als Botschafter nach außen für ihre Stadt auf.“ Auch wenn die wenigsten heute noch auf Mallorca sagen: „Ich wohne in der Nähe von Düsseldorf“, sondern stolz erklären: „Ich wohne in Oberhausen, wo der Gasometer steht.“ Aber Luft nach oben ist immer.

Dabei kommt doch Lob von Besuchern, das wissen einige an dem Abend zu berichten: Die Gäste aus Norwegen, die die Marktstraße schön finden, „redet doch die Stadt nicht so runter“, heißt es von denen. Der Amsterdamer, der schon viel häufiger gekommen wäre, hätte er Oberhausen nur früher kennen gelernt.

Schranz: Neue Mitte mehr ins Schaufenster stellen

Die Freunde aus dem teuren Tel Aviv in Israel, die VHS-Chefin Gesa Reisz zitiert: „Ihr seid nicht arm, hier ist doch alles aufgeräumt und sauber.“ Und ein anderer im Publikum sagt: „Es gibt ein irres Kulturangebot hier, meine Lebensgefährtin ist Berlinerin, für sie ist Oberhausen eine Art Berlin, nur in einem anderen Format.“

Überhaupt, das Kulturangebot „ist das am positivsten wahrgenommene Lebensfeld in Oberhausen“, sagt Kämmerer und Kulturdezernent Apostolos Tsalastras. Das liege zum Teil auch daran, dass die Stadt gerade nicht so viel Geld hat, „denn dann kauft man nicht ein, was alle haben, sondern macht selbst etwas“.

Jede Jahr kämen rund 23 Millionen Menschen in die Neue Mitte, „das ist ein Pfund, das wir ins Schaufenster stellen sollten“, sagt Oberbürgermeister Daniel Schranz. Um am Ende des Abends dem ZDF-Ranking noch einmal die klare Kante zu zeigen, indem er das Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) zitiert: „Also liebe Oberbürgermeister und Landräte: Nehmt dieses Ranking als das, was es ist – statistischer Unfug – und konzentriert euch auf die in eurem Zuständigkeitsbereich drängendsten Probleme.“

>>> IHK-Präsidentin Jutta Kruft-Lohrengel schlägt mehr Bürgerengagement vor

Wo Licht und Lob ist, da ist auch Schatten: dreckige Straßen, Müll in Hecken und auf Baumscheiben, Unrat auf der Marktstraße und in der Umgebung. Ein Problem, das Bürger auf die Palme bringt und die Lebensqualität in Oberhausen beeinträchtigt.

Beim Stadtgespräch zählte Oberbürgermeister Daniel Schranz auf, was die Stadt bereits dagegen unternimmt: Der Kommunale Ordnungsdienst kontrolliert vermehrt, die Mitarbeiterzahl ist mehr als verdoppelt worden, die Marktstraße wird zwölf Mal in der Woche gereinigt, die Stadt hat die Gebühren erhöht, die bei Verstößen fällig werden.

Besserer ÖPNV gefordert

IHK-Präsidentin Jutta Kruft-Lohrengel hielt gegen die Kritik der Bürger: Sie halte die Erwartung für falsch, dass das Thema Müll von der Verwaltung gelöst werden solle. „Das müssen wir selbst versuchen.“ Die Aktion Super-Sauber-Oberhausen, bei der die Bürger einmal im Jahr selbst aufräumen, sollte verstetigt werden, so Kruft-Lohrengel.

Einen besseren ÖPNV, vor allem in der Region als Ganzes, forderte Zuhörer Michael Schaffeld. „Ich wollte kürzlich mit Freunden samstagabends von Oberhausen nach Rüttenscheid – abenteuerlich.“ Eine Verwaltung, die alles verschleppt und behindert, kritisierte ein anderer Zuhörer, fehlende öffentliche Toiletten wieder ein anderer. Es gibt also noch viel zu tun.

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