Zukunft der Innenstädte

Die Oberhausener Marktstraße erfindet sich gerade neu

Die Marktstraße ist nicht nur an Samstagen erstaunlich belebt: Viele Menschen lassen es sich in Cafés und Bäckereien mit Außengastronomie gut gehen.

Die Marktstraße ist nicht nur an Samstagen erstaunlich belebt: Viele Menschen lassen es sich in Cafés und Bäckereien mit Außengastronomie gut gehen.

Foto: Gerd Wallhorn / FUNKE Foto Services

Oberhausen.   Die einstige Einkaufsstraße einer ganzen Region, die Oberhausener Marktstraße, schöpft neue Hoffnung – als Nahversorgungszentrum für viele Mieter.

Bei prächtigem Frühlingswetter präsentiert sich die 1,4 Kilometer lange Marktstraße, die Traditions-Einkaufsstraße von Alt-Oberhausen, an diesem späten Samstagvormittag von ihrer besten Seite – recht belebt. Zwar ist auf dem Altmarkt-Wochenmarkt um diese Zeit nicht mehr viel los, dafür herrscht auf der unteren Marktstraße reges Treiben. Dass sie nicht mehr so gefragt sein könnte, davon kann keine Rede sein – immerhin zählen die Citymanager per installierter Automatik wöchentlich 80.000 Besucher hier, jährlich sind es über vier Millionen.

Allerdings sieht man wenige Menschen mit vielen Einkaufstüten. Dafür scheinen es einige Passanten sehr eilig zu haben. Sie schlängeln sich um die langsameren Besucher herum.

Andere Besucher sind zur Geduld gezwungen, wie etwa die junge Mutter, deren kleiner Junge unbedingt das Spielauto vor einem Geschäft besteigen muss und für ein paar Cent jetzt die Ruckelbewegungen genießt. Vorsichtig queren Autos die Fußgängerzone.

Ein Bettler hockt am Boden

Zwei Zeugen Jehovas stehen mit ihren Heften in der Hand in einer Büro-Passage. Etwas weiter entfernt spielt ein alter Mann Geige. Ein paar Meter weiter hockt ein Bettler im Schneidersitz am Boden und hält Passanten eine Tasse hin. Die beiden Männer sind am heutigen Tag auch die einzigen Hinweise auf Armut, die es gibt.

„Ich bin selten hier, bin aber überrascht, wie viel hier los ist“, sagt ein älterer Herr mit Sonnenbrille. „Gut, mit früheren Zeiten, als hier noch die Straßenbahn fuhr, ist es nicht zu vergleichen.“ Die neueren Einkaufszentren wie das Bero-Zentrum und das Centro würden halt Kunden abziehen. Seinen Namen möchte der Mann nicht nennen, so wie alle Besucher, die sich an diesem Vormittag ansprechen lassen.

Ein Herr hofft auf bessere Geschäfte in Zukunft

Ein anderer Herr mit osteuropäischem Akzent wartet ebenfalls vor einem Geschäft. Seine Frau macht darin noch Erledigungen. Auch er kennt die Marktstraße aus der Zeit vor 1996, als das Centro eröffnet wurde. „Man müsste wieder bessere Geschäfte hierher holen“, sagt er. Dass das Pflaster vor kurzem gereinigt wurde, ist ihm noch gar nicht aufgefallen.

Bei den angenehmen Temperaturen haben sämtliche Cafés und Bistros ihre Außengastronomie geöffnet. Das scheint die eigentliche Bestimmung der Marktstraße in den heutigen Zeiten zu sein. Hier sitzen die Menschen allein oder in kleinen Gruppen bei einer Tasse Kaffee, bei Eis oder Limonade.

Dabei stehen die unmittelbaren Anwohner der Marktstraße gar nicht in dem Ruf, Geld für solchen Freizeitgenuss zu haben. Eine Familie, die hier wohnt, hat denn auch ganz andere Sorgen: „Man kann, außer bei DM, nirgendwo ein Kind wickeln“, sagt die junge Mutter (24). Die 54-jährige Großmutter, die dabei steht, ergänzt, „ein Eltern-Kind-Café wäre ganz schön“.

Zum Einkaufen lieber ins Bero oder ins Centro?

Die beiden Spielplätze entlang der Marktstraße würden dagegen ausreichen, sagen die beiden Frauen. Zum Einkaufen, das gestehen sie, geht’s ins Bero-Zentrum oder ins Centro. Es gebe ja auch fast nur Handyläden, Friseure oder Imbisse.

So ganz stimmt das aber nicht. Gleich mehrere Lebensmittelläden haben ihr Obst und Gemüse auf der Straße aufgebaut. Vor einem solchen Geschäft begutachtet eine Frau Erdbeerkörbchen. Nur östlich der Gewerkschaftsstraße wird es spürbar ruhiger. Eine Straßenbaustelle unterstreicht diese Zäsur gegenwärtig noch.

Ein Vergleich zur früheren Einkaufsstraße der Region

Zwei ältere Frauen, 81 und 87 Jahre alt, und ein älterer Herr (88), sind in ein Gespräch vertieft, lassen sich aber unterbrechen. „Es ist kein Vergleich mehr mit früher“, sagt die 87-Jährige. Sie wohnt in Mülheim, gleich hinter der Stadtgrenze von Styrum, fühlt sich aber mit Oberhausen verbunden. „Mein Mann hat bis Mitte der 80er Jahre bei der Deutschen Bank an der Goebenstraße gearbeitet“, erzählt sie. „Wo kann man denn hier noch ein Oberhemd kaufen?“, fragt der 88-Jährige, der früher bei Babcock beschäftigt war. „Wir können hier ja nicht mal mehr Unterwäsche kaufen“, ergänzt seine Frau, die Dritte in der Runde.

Für all das müssten sie schon ins Centro fahren. „Dann sind wir pro Person aber schon fünf Euro hin und zurück los“, erklärt ihr Mann. Hier gebe es halt nur noch Billigläden und ein paar Banken. Mit dem gereinigten Pflaster könnten sie nicht viel anfangen. „Jetzt sieht man die vielen Kaugummiflecken ja noch mehr“, sind sie sich einig. Aber mehr noch stört sie die Dominanz gesellschaftlicher Randgruppen. Das habe es früher nicht gegeben. Die Zeiten würden sich eben ändern.

17-Jährige findet die Marktstraße okay

Nicht so pessimistisch sieht Melanie (17), eine junge Frau aus Alstaden, die Lage. Sie beaufsichtigt am Eduard-Berg-Platz, dem westlichen der beiden Spielplätze, ihre Nichte. „Ich finde die Marktstraße allgemein okay“, sagt sie. Es mangele weder an Supermärkten noch an Cafés. Auch Mülleimer gebe es genug. „Was fehlt, sind Sitzbänke. Die gibt es nur auf der oberen Marktstraße. Sonst habe ich nichts zu meckern“, erklärt sie.

Die Marktstraße ist eben nicht mehr Ziel von Kunden der Region, die dort genussvoll shoppen gehen wollen. Aber in Sachen Nahversorgung und kurzweiligem Aufenthalt ist sie nach wie vor gefragt. Und offenbar trauen sich auch wieder Investoren in die City: Neue Wohnungen an der Gutenbergstraße, ein modernes Hotel entsteht aus dem alten Kaufhof und das frisch errichtete Jobcenter mit Dachgarten belebt mit seinen 300 Mitarbeitern ebenfalls die Innenstadt.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben