Situation der Flüchtlinge

Die Integrationsarbeit fängt jetzt erst richtig an

Die Flüchtlingsbeauftragte Annette Gleibs (li.) und Sozialdezernentin Elke Münich bei einem  ihrer regelmäßigen „Werkstattgespräche“ 

Foto: Christoph Wojtyczka

Die Flüchtlingsbeauftragte Annette Gleibs (li.) und Sozialdezernentin Elke Münich bei einem ihrer regelmäßigen „Werkstattgespräche“ 

Oberhausen.   Ums Thema Flüchtlingsunterbringung ist es merklich ruhiger geworden. Jetzt geht es darum, die Integration der Zuwanderer gut gelingen zu lassen.

Die große Unruhe, der Druck, schnell Unterbringungsmöglichkeiten für immer mehr zu uns geflüchtete Menschen schaffen zu müssen und Hilfsstrukturen aufzubauen – das ist erstmal vorbei: „Es ist ruhiger geworden. Wir haben im Moment so gut wie keine Zuweisungen“, sagt Sozialdezernentin Elke Münich über die aktuelle Situation. „Aber die Arbeit fängt jetzt erst richtig an. Denn an die 5000 Menschen aus der ganzen Welt sind inzwischen hier“, sagt die Flüchtlingsbeauftragte Annette Gleibs. Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen, Erfahrungen und Bleibeperspektiven. Sie zu integrieren sei jetzt das vordringlichste Ziel. Im Gespräch geben die beiden Fachfrauen einen Überblick über die aktuelle Situation und die anstehenden Herausforderungen in der Flüchtlingsarbeit.

Die aktuelle Datenlage

Knapp 5000 Menschen (Stand November 2017) sind in den vergangenen Jahren neu nach Oberhausen zugewandert. Davon empfangen 1659 Menschen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, 3165 erhalten Regelleistungen nach dem SGB II, 946 von ihnen sind derzeit nicht erwerbsfähig.

Für einen Großteil der Geflüchteten gebe es eine gute Bleibeperspektive, urteilen die Fachfrauen. 754 Geflüchtete (Stand Oktober), vielfach Menschen aus Balkanländern, haben dagegen nur einen Duldungsstatus. Mehrheitlich handelt es sich um Männer zwischen 18 und 40 Jahren. Duldungsstatus bedeutet: Ihr Asylantrag wurde abgelehnt, sie müssen ausreisen, insofern es keinen akuten Hinderungsgrund gibt: „Die Entscheidung darüber trifft das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“, erläutert Elke Münich.

Was die Zusammensetzung der Flüchtlingsgesamtheit angehe, gelte nach wie vor die Faustregel: Von der Gesamtheit der Flüchtlinge seien rund ein Drittel Frauen, zwei Drittel Männer. Rund ein Drittel aller Geflüchteten sei unter 18, der weitaus größte Teil zwischen 25 und 55 Jahre alt, nur sehr wenige jenseits der 60.

Etwas über 60 Prozent der Menschen leben mittlerweile in privatem Wohnraum, der Rest in Gemeinschaftsunterkünften.

Arbeitsschwerpunkte 2017

Durch den Umzug vieler Flüchtlinge in privaten Wohnraum habe sich die Arbeit in der Flüchtlingshilfe insgesamt verändert. Einerseits werde dadurch der Integrationsprozess befördert, andererseits bestehe die Gefahr der Isolation: „In Gemeinschaftsunterkünften ist es naturgemäß leichter, alle zu erreichen. Jetzt ist es deutlich schwieriger, Angebote und Informationen zu transportieren. Das gilt insbesondere auch für Frauen und Mädchen“, berichtet Annette Gleibs. Über schriftliche Einladungen oder an zentralen Stellen ausliegende Faltblätter funktioniere das kaum. Da bedürfe es eines hohen Aufwandes an Betreuung und idealerweise einer 1:1-Ansprache.

Zweiter wichtiger Schwerpunkt 2017 war die Entwicklung und Umsetzung des Gewaltschutzkonzeptes für Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften, das Anfang Juli im Rat verabschiedet wurde, mit dem Ziel, allen Flüchtlingen den bestmöglichen Schutz vor Gewalt zu bieten.

Herausforderungen 2018

Jetzt komme man zur eigentlichen Integrationsarbeit. „Wie bekommen wir das gut hin? Wie vermeiden wir es, die Fehler der 60er Jahre zu wiederholen?“, skizziert Sozialdezernentin Elke Münich die zentralen Fragen. „Der größte Teil wird über unsere Institutionen, vor allem im Bildungsbereich laufen müssen.“

Der Kita komme dabei eine besondere Rolle zu – als erste frühkindliche Bildungseinrichtung, an der täglich und systematisch Sprachkenntnisse vermittelt werden – aber auch als Anlaufstelle, über die man die Eltern der Kleinsten gut erreiche. „Deshalb müssen wir den weiteren Ausbau von Kitaplätzen beschleunigen.“

Darüber hinaus bestehe ein „ganz hoher Bedarf an weiterführenden Sprachkursen. Da passiert sehr viel, aber es reicht noch nicht aus“, meint Münich. Die öffentlich geförderten Sprach- und Integrationskurse, die von 3200 Geflüchteten bereits durchlaufen wurden, seien nur ein Anfang. Dann müsse es weiter gehen: „Integration über Sprache gehört zu den wichtigsten Dingen. Wie soll man über demokratische Werte diskutieren, wenn die Sprachkenntnisse nicht reichen?“, fragt Münich rhetorisch. „Das Angebot und die Übung in diesem Bereich kriegen wir im Moment nur über diese unglaublich motivierten Ehrenamtlichen gedeckt. Wenn wir die nicht hätten, wäre es richtig, richtig schwer.“

Gute Hilfestellung in Sachen Integration bieten auch die Patenschaftsprojekte. Rund 250 Oberhausener stehen Flüchtlingsfamilien oder Einzelpersonen zur Seite – um Behördenbriefe, Hausordnungen oder Mülltrennung zu erklären, aber auch um schlicht Gesprächspartner in Alltagsangelegenheiten zu sein. „Das ist wirklich Gold wert“, lobt Annette Gleibs.

Chancen am Arbeitsmarkt

Insgesamt 256 zugewanderte Menschen seien 2017 in Arbeit gekommen, berichtet Münich: „Das sind rund zehn Prozent der erwerbsfähigen SGB II-Empfänger. Gemessen an den Schwierigkeiten wie Sprachhemmnissen und Hürden wie der schwierigen Anerkennung von Berufs- und Studienabschlüssen, ist das schon viel.“

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