Einsatz in Angola

Das Friedensdorf in Angola – Tage zwischen Lachen und Weinen

Geschafft! – Kurz nach der Landung in Düsseldorf geht es für einen Teil der Kinder direkt ins Krankenhaus, die anderen kommen zur Erstaufnahme ins Friedensdorf.

Geschafft! – Kurz nach der Landung in Düsseldorf geht es für einen Teil der Kinder direkt ins Krankenhaus, die anderen kommen zur Erstaufnahme ins Friedensdorf.

Foto: Kerstin Bögeholz

Oberhausen.   Seit 1994 hilft das Oberhausener Friedensdorf Kindern aus Angola. Fotografin Kerstin Bögeholz flog Einsatz mit – und hat Unvorstellbares erlebt.

„Die vergangenen Tage waren eine einzige Achterbahnfahrt der Gefühle“, sagt Kerstin Bögeholz leise. Etwas erschöpft sei sie noch, körperlich, aber auch mental. „Ich musste wirklich oft mit den Tränen kämpfen – mal aus Freude, dann wieder vor lauter Schwermut. Wie diese Kinder mit ihrer Situation umgehen, ist einfach unvorstellbar.“

Vier Tage lang war unsere Fotografin mit der Oberhausener Hilfsorganisation „Friedensdorf International“ unterwegs, um 54 Kinder zurück in ihre Heimat Angola zu begleiten. Sie alle waren für komplizierte, teils lebensnotwendige Operationen nach Deutschland geholt worden, die meisten für ein halbes, andere für bis zu zwei Jahre, je nach Heilungsprozess.

Nach zwei langen Flügen und 36 aufreibenden Stunden in Luanda, der Hauptstadt Angolas, schildert Kerstin Bögeholz das Erlebte.

Vor dem Abflug wird gesungen

„Als ich am Tag unseres Abflugs im Friedensdorf ankam, war die Aufregung bei allen riesig“, erinnert sie sich. „Die Kinder hatten sich extra schick gemacht, die Jungs mit Käppi und Sonnenbrillen, die Mädchen mit tollen Rastazöpfen. Und auf dem Weg zu den Bussen, die uns zum Düsseldorfer Flughafen bringen sollten, haben alle euphorisch gesungen: ‚Nach Hau-se, nach Hau-se!‘“

Dieses „strahlende Lächeln“ der Kleinen sei ihr von Anfang an im Kopf geblieben – ganz gleich, ob die Kinder inzwischen weitgehend genesen oder, wie die neunjährige Lemba, noch immer auf Gehhilfen angewiesen waren. „Was auch geschieht, diese tapferen, jungen Menschen lassen sich auf keinen Fall unterkriegen“, sagt Kerstin Bögeholz und lächelt.

Nicht minder beeindruckt sei sie indes von der großen Geduld und Disziplin der Kinder gewesen – während des Wartens am Flughafen, aber auch im Flieger selbst: „Unsere Jüngsten waren gerade mal drei Jahre alt, und dennoch verlief der gesamte Flug unglaublich ruhig. Einige Kinder mussten wir im Landeanflug auf Luanda wecken, weil sie fast elf Stunden durchgeschlafen hatten.“

Für die 45-jährige Fotografin folgte nach der Landung eine schier endlose Pass-Prozedur. „Von der Schlange aus konnte ich beobachten, wie Lemba, die ich vor drei Wochen noch im Rollstuhl fotografiert hatte, plötzlich ohne ihre Krücken zur Passkontrolle lief“, schildert sie. „Als sie ihren Pass zurückbekam, sagte sie wie selbstverständlich: ‚Danke!‘ – sprachlich wird sie sich noch umstellen müssen, habe ich da gedacht“, sagt die Oberhausenerin und lacht.

Eltern sind außer sich vor Freude

In der Ankunftshalle dann das erste, große Wiedersehen: „Etliche Eltern waren da, hatten ihre Handys gezückt und warteten auf ihre Kinder. Als sie sie schließlich entdeckten, gab es bei vielen Tränen der Erleichterung. Da blieb dann auch bei mir kein Auge trocken.“ Das große Herzen habe allerdings noch warten müssen, erst in einem Krankenhaus in Luanda wurden die Kinder ihren Eltern offiziell übergeben – samt Erläuterung ihrer Krankengeschichte.

Bei der Ankunft am Klinikgelände sei Babygeschrei zu hören gewesen, in der warmen Luft habe ein leichter Fischgeruch gelegen. „Mütter, deren Kinder hier für längere Zeit liegen, haben vor dem Krankenhaus Wäsche gewaschen – und auch dort übernachtet, auf dem Boden ringsherum lagen überall Pappen“, erzählt Bögeholz.

„Etwa sieben Stunden saßen wir unter einem Wellblechdach und baten ein Elternpaar nach dem anderen zu uns“, erinnert sich die 45-Jährige, die das Team nach Kräften unterstützte. Als Erstes sei der kleine Aureo an der Reihe gewesen. „Er war immer sehr interessiert und hat fleißig mitgeholfen“, habe Kevin Dahlbruch, stellvertretender Leiter des Friedensdorfs, der Mutter berichtet. „Daraufhin hat diese übers ganze Gesicht gestrahlt und mehrmals vor Freude in die Hände geklatscht. Das war unglaublich niedlich, ein echter Glücksmoment.“

So sei jedes Gespräch mit den so glücklichen Eltern auf seine Weise bewegend gewesen. „Mit einer unfassbaren Ruhe haben sie dagesessen und gewartet, selbst die Kinder, die ja nun schon seit 24 Stunden unterwegs waren“, schildert Bögeholz. „Eine Mutter kitzelte ihren sechsjährigen Sohn, Mariano. Der nannte ihr auf Deutsch die entsprechenden Körperstellen: ‚Ohr, Rücken, Hals, Popo.‘ Alle mussten lachen.“

Der achtjährige Joaquim, der wegen Folge-OPs ganze zwei Jahre im Friedensdorf verbringen musste, habe ihr später im Beisein der Eltern erzählt, worauf er sich nun am allermeisten freue: „Endlich wieder mit meinen Freunden zu spielen.“

Zurück bleiben gemischte Gefühle

Zeit zum Sackenlassen sei indes keine geblieben: „Tags darauf haben wir in Luanda schon die neuen Kinder abgeholt, die nun zur Behandlung nach Deutschland kommen – teils schwer gezeichnet. Knochenentzündungen, Fehlstellungen der Arme und Beine, Verbrennungen. Und trotz allem“, sagt die Fotografin und hält einen Augenblick inne, „winkten sie uns mit einem breiten Grinsen zu.“