Kultur und Corona

Corona-Krise trifft Oberhausener Kultur: eine Zwischenbilanz

Das „Theater der Stunde“ spielte im Schaufenster des Perückenstudios, hier mit Lise Wolle als „Schneewittchen“ in der Version von Elfriede Jelinek.

Das „Theater der Stunde“ spielte im Schaufenster des Perückenstudios, hier mit Lise Wolle als „Schneewittchen“ in der Version von Elfriede Jelinek.

Foto: Isabel Machado Rios / Theater Oberhausen

Oberhausen.  Was ist vergleichbar mit dem Einbruch, der die Oberhausener Kulturmacher durch Corona getroffen hat? Ein Blick auf Strategien des Überlebens.

Ein womöglich pathetischer Anfang: Aber wie sonst soll man – in einer Zeit, in der allzu oft die Maßstäbe entgleiten – zu einem Maß finden, das annähernd angemessen beschreibt, wie tief das Kulturleben, das öffentliche Leben überhaupt, durch die Corona-Pandemie eingebrochen ist? Wer nicht gerade die Pest herbeizitieren will, der findet im Rückblick auf das 20. Jahrhundert Vergleichbares wohl nur in den beiden Weltkriegen: Von 1918 bis 1920 forderte die „Spanische Grippe“ Millionen Tote – doch Europa war vorrangig mit seinen politischen Umbrüchen beschäftigt.

Noch grotesker muss ein Vergleich mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren geraten: Die Städte lagen in Trümmern – doch inmitten all des Schutts lebte die Kultur improvisiert auf, gierten die Menschen nach Kino, Konzerten, Theater und Tanz. Und nun 2020: Als der Lockdown die Welt traf, waren bei uns Trümmer und Ruinen doch nur Nachrichtenbilder von schlimmeren Orten des Globus.

Hätte man’s ahnen können, gar müssen? Gerburg Jahnke genoss sichtlich ihre März-Auftritte als „Frau Gott“ im Ebertbad. Doch diese schlaue, gewitzte Eigen-Inszenierung kreiste natürlich nicht um Krankheitserreger. Nach langen Monaten der geschlossenen Badeanstalt hat Frau Jahnke noch eine „Abrechnung“ offen mit Frau Gott. Auf eine Neufassung dieser Inszenierung darf man gespannt sein.

Wer hatte schon Erfahrungen mit einem Lockdown?

Dem benachbarten Theater Oberhausen ging’s ja nicht anders: Erst am 12. März gab es bekannt, dass die für Freitag, 13. März, angekündigte Premiere von „Der Funke Leben“ abgesagt ist. Damals setzte man darauf, in der Woche nach Ostern zum Spielbetrieb zurückzukehren. Wer hätte auch schon Erfahrungen mit einem Lockdown gehabt?

Die ersten, die wirklich so kurzfristig wie entschlossen umdachten – und damit ihr Traditionsfestival neu erfanden – waren die Internationalen Kurzfilmtage: Bereits Mitte März verkündete Lars Henrik Gass gemeinsam mit Kulturdezernent Apostolos Tsalastras: Die 66. Kurzfilmtage werden zum Online-Event. Inzwischen haben die „Kufita“ angekündigt, die 67. Festival-Auflage als Abfolge von Online- und Live-Festival gestalten zu wollen. Denn die Lektionen aus dem Umsteuern waren eindeutig: International haben die Oberhausener Kurzfilmtage nicht an Reichweite verloren – im Gegenteil. Für viele verheißungsvolle Filmemacher in Afrika, Südasien oder Lateinamerika wäre eine Reise ins Ruhrgebiet unbezahlbar: Die Online-Teilhabe aber sichert ihnen alle Festival-Chancen.

Festivalleiter Gass war im März auch einer der Ersten in Oberhausen, der ausdrücklich auf die Verantwortung für jene vielen anderen Gewerke hingewiesen hat, ohne die Kunstproduktion gar nicht möglich wäre: von den Technikern bis zu den Mediengestaltern und den kaufmännischen Berufen im Marketing. Der Kultur-Kollaps bringt nicht nur freiberufliche Künstler in Existenznot, sondern auch eine ganze Palette weiterer Freiberufler und Mittelständler.

Viele folgten Hagemeyers „Autokino“-Idee

Ähnlich prompt wie die Kurzfilmtage suchte das Theater Oberhausen nach neuen Wegen. Videokünstler Bert Zander drehte – mit reichlicher Hilfe aus der Bürgerschaft – in einer so leeren wie nachtdunklen Stadt: Und zwar den vielzitierten „Roman der Stunde“, nämlich Albert Camus‘ „Die Pest“. Vom „Theater der Stunde“ war im April in mehr als einem Feuilleton die Rede. Der Coup gelang Regisseurin Paulina Neuenkampf mit ihrer Inszenierung von Elfriede Jelineks „Prinzessinnendramen“ in Form dreier Stadtspaziergänge. Die Schauspielerinnen agierten stumm, aber umso beredter in Posen und Mimik. Die Stadtspaziergänger folgten der Jelinekschen Suada mit ihren Smartphones: Keine Erlösung aus dem Lockdown, aber ein sprechendes Bild der Diagnose – als fast alle Kulturschaffenden im Digitalen nach Rettung haschten.

Ein Kultur-Impresario, der in dieser Stadt und zumal im Feuilleton allzu gerne übersehen wird, ist Holger Hagemeyer als Chef des Theaters an der Niebuhrg. Im Frühjahr hatte der so abgeklärt wirkende Macher auch mal überregionale Schlagzeilen sicher, als er mit seinem „Drive in“-Theater durchstartete. Viele andere folgten bis hin zur Arena mit weit größer dimensionierten „Autokino“-Konzerten. Doch da hatte der Niebuhrg-Chef schon sein „Parkbanktheater“ eröffnet. Hagemeyer ist einer, der auch unumwunden einräumt: Selbst mit solch cleveren Ideen sei eine „rote Null“ das Beste, was kaufmännisch zur erreichen ist. Auch die Kleinkunst und das Theater-Boulevard bleiben Passion – also Leidenschaft, mit Betonung auf den ersten Silben.

Was der Niebuhrg-Chef konstatierte, musste auch der Lichtburg Filmpalast erfahren: Die Verunsicherung des zuvor so treuen Stammpublikums ist groß. Der unverkennbare Kulturhunger nach langer Abstinenz konkurriert mit der Sorge vor Ansteckung – und zwar gerade bei jener mittleren Altersgruppe, die zuvor kaufkräftige Stützen von Theater, Kinos und Konzertsälen waren.

Nicht jammern, grandioses Programm auflegen

Da muss man einfach den Elan bewundern, mit dem die Kulturanbieter ihre Nischen suchen. So wie die engagierte Kinochefin Petra Rockenfeller in der Lichtburg, die einfach Woche für Woche ein grandioses Programm auflegt, während die Verwalter der Multiplexe nur zu bejammern wissen, dass Hollywood seine Blockbuster-Starts verschiebt . . . und verschiebt.

Dann kommen eben die Kleinen groß raus: Applaus von allen Balkonen gebührte dem Jazzkarussell und dem Indie Radar, beide beheimatet im Gdanska am Altmarkt, die einen sonnigen, langen Sommer lang für feinsten Konzertgenuss sorgten: Jazzer wissen eben zu improvisieren – und zwar nicht nur beim Musizieren, sondern notgedrungen auch, wenn es gilt, sein eigenes kleines Künstler-Label über Wasser zu halten.

Inmitten all dieses Hin und Her, auch um die Corona-konforme Ausstattung von Spielstätten, betrat in Oberhausen eine ganz neue Konzert-Location die Szene: Die Zeche Alstaden ermöglichte das erste Gastspiel der andernorts längst etablierten „Soundtrips“-Reihe für experimentelle improvisierte Musik. Und startete an exakt demselben Abend, an dem auch mit dem „Hömma“-Festival das Ebertbad wieder zur klangschönen Jazzbühne wurde. Eine Konstellation: typisch Oberhausen.

Die arme Stadt kratzt zwei Millionen zusammen

Was bleibt? Was wird? Wer übersteht den Corona-Winter? Das ist so unmöglich vorherzusagen wie der Verlauf der Pandemie selbst. Doch es ist leider vielsagend, dass selbst eine derart arme Stadt wie Oberhausen zwei Millionen Euro zusammenkratzt, um der kreativen Szene und ihren Spielstätten beim Überleben zu helfen. Doch letztlich lebt Kultur vom Publikum. Nur mit unserem „Kulturhunger“, der sich einst sogar in der größten Nachkriegsnot zuverlässig gemeldet hatte, haben wir es in der Hand, von diesem bis März 2020 so reichen Kulturleben nichts wegbrechen zu lassen.

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