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Nur Kindern passt der blutrote Schuh, um dem Leben zu entfliehen in eine andere Wirklichkeit.Mutige, packende und herausragende Inszenierung thematisiert den Krieg

"Ich war mir nicht sicher, ob ich das Stück ertragen würde", gab eine Festival-Teilnehmerin zu. Sie ist etwa 20, eine Filmstudentin aus Köln. "Blutrote Schuhe", Beitrag des Gelsenkirchener Consol Theaters zum Theatertreffen NRW, ist weder für Erwachsene noch für Kinder ab zehn leicht verdauliche Kost. Wer nah am Wasser gebaut hat, kämpft gegen die Tränen, wenn das Mädchen Franvera versehentlich den Vater verrät und unschuldig Schuld hat, dass er erschossen wird, wenn es die Mutter verliert, dem Soldaten ausgeliefert ist, wenn es von fremden Personen begleitet, flüchten muss, dem Doktor nicht traut, wahnsinnig wird.

Es ist eine Wahrheit, die es millionenfach gibt: Der Krieg macht vor Kindern nicht Halt, er zerstört ihr Leben. Nichts ist mehr wie es war. Doch nur sie können sie tragen, die blutroten Schuhe, die hilfreich sind, dem Leben zu entfliehen in eine andere Wirklichkeit.

Das gelingt Franvera (überzeugend gespielt und getanzt von Svenja Niekerken), wenn sie die Ballettschuhe anzieht - und manchmal tanzen diese auch ganz von allein.

Ist es Wahrheit oder doch ist es nur ein böser Traum? Ein Zweifel, dem die packende Inszenierung (Andrea Kramer) den Zuschauer aussetzt. Er blickt in "ein anderes Land, so nah und doch so fern". Man schaut in einen riesigen orange farbigen (Schuh)Karton. Die Geschichte wird rückblickend von den Akteuren erzählt. "Es gibt Ärger. Alle reden davon." "Es fühlt sich an, als wäre die Sonne kalt." "Der Doktor streckt seine Hand aus, vielleicht sollte sie hineinbeißen?" "Sie beschießen das Zimmer. Es sieht aus, als hätte es auch Angst."

Eva Horstmann, Markus Kirschbaum und Fabian Sattler leihen dem kindlichen Erleben ihre Stimmen und verschiedenen Charakteren ihre beeindruckende Darstellungskraft. Es ist faszinierend, wie es gelingt, mit so wenig Requisiten auszukommen. Mit Koffern "bauen" sie einen Flüchtlingsstrom, ein Doppelbett aus Eisen und Draht verwandelt sich in ein Haus.

Ob es Franvera gelingt, ihr Trauma zu überwinden, bleibt am Ende offen. "Im Tanz liegt die Hoffnung", meint Dramaturgin Ariane Schön, Mitglied der Auswahljury. Wenn die aufflammt, erhellt sich die kaum zu ertragende bleierne Zeit. Schöns Urteil: "Eine Hommage an die Kraft der Phantasie." Ich meine: Ein mutiges und herausragendes Stück, nicht nur fürs Kinder- und Jugendtheater.

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