Stadtgeschichte

Auf acht Linien Straßenbahnen in Alt-Oberhausen unterwegs

Eine Straßenbahn der Linie 3 biegt im Jahre 1963 von der Mellinghofer Straße in die Essener Straße ein.

Eine Straßenbahn der Linie 3 biegt im Jahre 1963 von der Mellinghofer Straße in die Essener Straße ein.

Foto: Fritz van der Gragt/Repro: Frank Oppitz

Alt-Oberhausen.  Noch Anfang der 1960er Jahre war fast jeder Oberhausener Stadtteil an die Straßenbahn angeschlossen. Bis 1971 wurde die Straßenbahn aufgegeben.

Das waren noch Zeiten: Vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert zuckelten auf insgesamt acht verschiedenen Linien Straßenbahnen durch die Stadt. Fast alle Stadtteile südlich des Rhein-Herne-Kanals waren angebunden. Dann setzte die Boom-Zeit des Automobils ein. Oberhausens Stadtväter scheuten den hohen finanziellen Aufwand für eine Modernisierung ihrer Straßenbahnen und beschlossen 1965 den Ausstieg aus diesem Verkehrsmittel. 1971 endete die erste Epoche der Geschichte der Straßenbahnen in Alt-Oberhausen.

Für die erst 30.000 Einwohner zählende Stadt war es 1897 eine bedeutende Neuerung, als „die Elektrische“ auch hier eingeführt wurde: zunächst ab April zwischen der Grenzstraße (an der damaligen Stadtgrenze zur noch selbstständigen Gemeinde Styrum), dem Hauptbahnhof, dem GHH-Werksgasthaus an der Essener Straße und dem Alten Walzwerk im heutigen Gewerbegebiet Brammenring. Das war die spätere „Linie 2“. Schon im September folgte dann die spätere „Linie 1“ vom GHH-Werksgasthaus über Kaisergarten, Stadion und Eisenheim nach Sterkrade-Mitte.

Erste städtische Straßenbahn

„Oberhausen war damit die erste Stadt, die eine Straßenbahn in Eigenregie betrieben hat“, sagt dazu der Bottroper Straßenbahn-Historiker Klaus Giesen. Er hat mittlerweile, teilweise mit Co-Autoren, vier Bücher über die Straßenbahnen im Ruhrgebiet veröffentlicht. Anderenorts waren es Privatunternehmen oder Elektrizitätswerke, die das neue Verkehrsmittel einführten. Nebenbei sei bemerkt, dass vom gleichen Jahr an auch eine Mülheimer Straßenbahn zwischen dem Vincenzhaus an der Grenzstraße und Mülheim-Mitte verkehrte. Nach und nach wurden nicht nur diese beiden Linien ausgebaut. Vielmehr entstand ein ganzes Liniennetz.

Die Sterkrader Linie und die Osterfelder Linie

Der Volksmund sprach bald bei der „1“ von der „Sterkrader Linie“, die ab 1912 ab Hauptbahnhof verkehrte und 1927 bis nach Holten verlängert wurde. 1928, kurz vor der Aufteilung Styrums zwischen den Städten Oberhausen und Mülheim, wurde der Lückenschluss mit der Linie vom Vincenzhaus nach Mülheim vollzogen und sie mit ihr vereinigt. Die „2“ wurde schon 1900 zur „Osterfelder Linie“, indem sie vom Alten Walzwerk bis zur Kirche St. Pankratius verlängert wurde. Dass sie 1901 weiter bis nach Sterkrade und ab 1913 von dort bis nach Buschhausen verkehrte, war für die Alt-Oberhausener uninteressant. Zwischen Sterkrade und Alt-Oberhausen war man mit der „1“ oder der Ei­senbahn schneller unterwegs.

Es ging weiter Schlag auf Schlag mit dem Ausbau dieses Verkehrsmittels: Von 1899 an gab es eine Verbindung vom Vincenzhaus über den Hauptbahnhof ins Knappenviertel und von dort bis zur Stadtgrenze Essen. 1901 wurde ei­ne Linie zwischen Alstaden und der Marktstraße eröffnet. Ab 1915 wurden beide als „Linie 3“ gemeinsam gefahren.

Ab 1900 verkehrte die spätere „Linie 6“ zwischen der Stadtgrenze zu Essen über die Mellinghofer Straße nach Mülheim-Eppinghofen.

1912 kam die „Linie 4“ zwischen Hauptbahnhof und Westfriedhof hinzu. 1915 wurde sie über Rolandstraße und Wehrstraße bis nach Dümpten verlängert. In diesem Jahr überschritt die Stadt auch dank Eingemeindungen von Teilen von Borbeck, Dellwig und Frintrop die Grenze von 100.000 Einwohnern und wurde zur Großstadt.

Dann setzten die Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit der weiteren Entwicklung ein vorläufiges Ende. Ab 1924 verkehrte die spätere „Linie 5“ zwischen Südmarkt, Hauptbahnhof, GHH-Werksgasthaus und Essener Straße bis nach Essen-Rellinghausen.

Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, die weiteren Verfeinerungen, kriegsbedingten Unterbrechungen und Verlegungen zu beschreiben, die es gab. Wichtig ist noch, dass sich die Grenz- und die Wehrstraße zu weiteren Knotenpunkten entwickelten und es in Lirich sowie zwischen Hauptbahnhof und Südmarkt eine große Verkehrsschleife gab.

Solange die Straßenbahnen keine Konkurrenz hatten, war ihre gemächliche Höchstgeschwindigkeit von anfangs 20 km/h, später 40 km/h kein Nachteil. Zwar wurden etliche Streckenabschnitte zweigleisig ausgebaut oder von Anfang an so betrieben. Aber von den 60er Jahren an krankte der Betrieb daran, dass nicht eine einzige Strecke auf eigenem Gleiskörper verlief, wie es beim Neubau 1995 geschah. So waren trotz moderner Fahrzeuge nie mehr als 50 km/h möglich.

Der entsprechende Umbau hätte Unsummen gekostet – zu einer Zeit, als fast jeder Privathaushalt danach strebte, ein eigenes Auto zu besitzen. Innerhalb von acht Jahren wurde der Straßenbahnbetrieb in Alt-Oberhausen komplett eingestellt: 1963 auf dem Abschnitt Wehrstraße über die Mellinghofer Straße bis zur Stadtgrenze Mülheim, 1964 die „4“ und die „6“, 1965 die „2“, 1966 die „3“, 1967 die „5“, 1968 schließlich die „1“ und 1971 die Mülheimer Bahnen auf der Mülheimer Straße. Omnibusse übernahmen den Verkehr.

Viertes Buch über Straßenbahnen

Im vergangenen Jahr hat Klaus Giesen (57) sein viertes Buch über Straßenbahnen vorgelegt. Zusammen mit zwei Co-Autoren handelt er darin die Geschichte der Straßenbahnen in Essen ab. Dort gab es über 100 verschiedene Linien, darunter auch die langjährige Gemeinschaftslinie mit Oberhausen, die Linie 5, die bis heute auf Essener Gebiet verkehrt.

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