Vertrag von Maastricht

25 Jahre EU: Was hat Oberhausener Bürgern Europa gebracht?

Bürger Europas: Alexandros Christoudas aus Griechenland und Iwona Jarczewski aus Polen haben unterschiedliche Sichtweisen auf die Gemeinschaft.

Bürger Europas: Alexandros Christoudas aus Griechenland und Iwona Jarczewski aus Polen haben unterschiedliche Sichtweisen auf die Gemeinschaft.

Foto: Kerstin Bögeholz

Eine Frage, an der sich Iwona Jarczewski und Alexandros Christoudas aus Oberhausen kontrovers reiben. Vor 25 Jahren ist die EU geboren worden.

S
ündenbock oder ein Garant für Frieden? Diese Frage stellt sich heute, 25 Jahre nach Gründung der Europäischen Union, vielleicht stärker denn je. Am 1. November 1993 trat der 1992 unterzeichnete Vertrag von Maastricht, der die EU-Geburt markiert, in Kraft. Darin verpflichten sich die Mitgliedstaaten zu einer engen politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Was hat Europa gebracht? Was muss die EU besser machen? In Oberhausen leben viele Bürger Europas, die eine Meinung dazu haben. Drei von ihnen haben wir zum Gespräch getroffen.

Vor wenigen Minuten erst haben sich Iwona Jarczewski und Alexandros Christoudas die Hand gereicht, schon tauschen sie Urlaubserinnerungen aus und sind schnell per „Du“. Ist Europa so einfach?

Mitnichten.

Ja, das Reisen ist was Feines. Keine Grenzen, frei sein, das ist es, was Iwona Jarczewski schätzt. Grenzkontrolle, die Beantragung des Visums, die Reise mit dem Auto nach Griechenland, „das vermisse ich ein wenig“, sagt hingegen Alexandros Christoudas. Die Reise nach Griechenland war für ihn früher mehr Abenteuer.

Seine Eltern kamen ‘71 nach Deutschland mit der Absicht, drei, vier Jahre hier zu arbeiten, Geld zu verdienen, um dann wieder in die Heimat zurück zu kehren. Daraus ist nichts geworden, die Familie ist hier heimisch geworden. Alexandros ist 1974 in Bottrop zur Welt gekommen, aufgewachsen ist er in Oberhausen, besuchte das Novalis-Gymnasium, studierte Betriebswirtschaftslehre und ist heute an der Uni Duisburg/Essen für die Finanzen zuständig. Ja, ein Grieche und die Finanzen, da sind sie wieder, diese Vorurteile...

Dabei sieht er doch auch die Rolle seines Landes – er hat sich für die griechische Staatsbürgerschaft entschieden – in der Europäischen Union kritisch. Überhaupt ist er mit vielem nicht einverstanden, was in Brüssel passiert. „Was bietet Griechenland Europa?“, fragt er. Ein Staat, der finanziell unterstützt werden muss – wen soll er unterstützen? Alexandros Christoudas nennt ein Beispiel: Jahre lang seien keine Grunderwerbssteuern gezahlt worden, erst jetzt kommen die Bescheide. „Warum hat das vorher niemand gemerkt?“

Irgendetwas ist faul in Europa. Und deshalb, so glaubt Alexandros Christoudas, brauchen wir viel mehr Kontrolle in der EU. „Was hat mir Europa gebracht?“, fragt er – und Iwona Jarczewski hat die Antwort.

„Europa ist ein Garant des Friedens“, sagt sie und lächelt dabei. „Aber wichtig ist, dass der Zusammenhalt bleibt!“ Ein Brexit ist der falsche Schritt. Ein Polexit wäre ebenso falsch. Nein, sie glaubt an das Solidarprinzip. „Deutschland zahlt die größte Summe, wir sind ein reiches Land, wir können das leisten“, fasst sie ihre Überzeugung in Worte. Aber sie, die die polnische und deutsche Staatsbürgerschaft hat, ärgert, dass es Länder gibt, die mehr fordern. Wie Polen. „Die sagen: Wir bekommen zu wenig. Das finde ich nicht richtig.“

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ie EU ist ihrer Meinung nach kein Wunschkonzert. Die Länder können nicht nur teilhaben wollen, sondern auch bereit sein, zu geben. „Man muss auch mal geben ohne darauf zu achten, was man zurück bekommt“, meint sie.

Europa, das ist für Iwona Jarczewski ein Sozialgefüge. „Ganz Europa?“, fragt Alexandros Christoudas. In seinen Augen läuft einiges schief, ist vieles ungerecht.

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roblematisch sieht er die offenen Grenzen – auch wegen der Flüchtlinge. Die Situation sei aus dem Ruder gelaufen, vor allem, wenn Menschen in unser Land kämen, die nicht vor Krieg flüchten. „Warum nimmt nur Deutschland Flüchtlinge auf?“ – „Weil Deutschland Flüchtlinge aufnehmen kann“, hält Iwona Jarczewski dagegen, lässt jedoch Platz für ein Aber: „Nicht geballt.“ Flüchtlinge seien eine Bereicherung, auch aus kultureller Sicht. „Ohne Zuwanderung hätten wir keine Pizzerien oder Döner-Buden!“ Zuwanderer würden Arbeit machen, die die Deutschen gar nicht mehr allein bewältigen könnten.

So hält Iwona Jarczewski ein leidenschaftliches Plädoyer für Europa, gibt ihrem Gegenüber aber insoweit recht, dass ein besseres Kontrollsystem durchaus von Nutzen sein könnte. Sie selbst nennt sich Europäerin. „Vielleicht auch Weltbürgerin“, denkt sie laut, „aber mich zieht nichts in die USA.“

Als sie fünfeinhalb Jahre jung war, kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland. Ihr Vater, ein Deutscher, wollte Polen verlassen, weil er nicht problemlos in seine Heimat reisen konnte. Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs gab es immer wieder Schwierigkeiten. Anfangs hatt sich die kleine Iwona gewünscht, dass ihre Eltern in den Süden, in die Sonne gegangen wären, oder ans Meer. Es ist Oberhausen geworden.

Und heute? „Will ich nicht mehr weg aus dem Ruhrgebiet“, sagt die 51-Jährige, die sich weder richtig als Polin noch als Deutsche sieht. „Wir sind eben etwas Besonderes“.


Paola Malgeri Knaup hat von der EU Gerechtigkeit erwartet

Eigentlich ist Paola Malgeri Knaup ein hoffnungsvoller Mensch. Diese Information ist an dieser Stelle bedeutsam, denn eigentlich glaubt sie an die europäische Idee der friedlichen Gemeinschaft. Doch von eben dieser Idee sei die EU gerade weit, weit entfernt. Stattdessen herrsche: Krieg.

Damit blickt die Italienerin – Römerin, um genau zu sein – auf die Banken und hoch bezahlten Unternehmensmanager. „Es ist ein finanzieller, ein ökonomischer Krieg“, glaubt sie. Die Banken würden geschützt und unterstützt, der Bürger und die Gerechtigkeit komme zu kurz. Das Volk sei zu Recht wütend, glaubt sie. „Meine Vorstellung von Europa ist ein Europa für den Bürger“, sagt sie. Aber das, was sie vorfinde, sei es nicht. „Das ist ein Europa für die Banken.“

Die 57-Jährige ist geprägt von einer Regierung unter Berlusconi, von Korruption, Bestechlichkeiten und mafiösen Machtstrukturen. „Wäre ich in Italien geblieben, ich wäre im Gefängnis gelandet“, glaubt sie. Weil sie sich aufgelehnt und gekämpft hätte. Man glaubt es dieser temperamentvollen Frau aufs Wort.

Vor 22 Jahren kam sie nach Oberhausen. Sie arbeitet für ein europäisches Projekt, um junge Menschen in Arbeit zu bringen. Damals arbeitete sie für die Ruhrwerkstatt – ein netter Mann hatte sie nach ihrer Ankunft in Empfang genommen. Das war ihr heutiger Mann. Der Liebe wegen ist sie geblieben.

Euro für jedes EU-Land

Auch sie spricht sich für mehr Kontrolle durch die EU aus. Wenn es sein muss, sollten gar Sanktionen verhängt werden. Und: Wer der EU beitritt, sollte auch direkt den Euro einführen. Einerseits mag sie den Euro, ist froh, dass sie ihr Geld nicht mehr wechseln muss. Andererseits ärgert sie sich darüber, dass Produkte, die vor der Euro-Einführung 1,49 Mark gekostet haben, wenig später 1,49 Euro kosteten. Ja, und es sei Arbeit für alle versprochen worden. Aber in Italien seien 40 Prozent arbeitslos. „Das darf nicht sein!“

Sie wünscht sich Politiker mit Visionen, die an Lösungen arbeiten, die Vorbilder sind. Demokratie ist für sie wie eine Familie: Hier werden Argumente ausgetauscht, Interessen abgewogen und schließlich gemeinsame Entscheidungen gefällt. So müsse Europa sein.

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