Kirche

Wie ein Fernsehteam des ZDF Pfarrer in Mülheim verändert hat

Johannes Altenpohl (Bildingenieur) und Tobias Vatheuer (Bildtechniker) bauten am Freitag in der Kirche an der Wilhelminenstraße ihr Equipment für die ZDF-Aufzeichnung auf.

Johannes Altenpohl (Bildingenieur) und Tobias Vatheuer (Bildtechniker) bauten am Freitag in der Kirche an der Wilhelminenstraße ihr Equipment für die ZDF-Aufzeichnung auf.

Foto: Michael Dahlke / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Lampenfieber schwingt mit, wenn an Totensonntag das ZDF live aus einer Kirche in Broich sendet. Wie die Kamera die Gottesleute verändert hat.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Puder gegen zu viel Glanz auf der Nase, Tupfer für die möglichen Schweißperlen – ein wenig Lampenfieber kann Pfarrer Christoph Pfeiffer nicht bestreiten, auch wenn der Mülheimer Gottesmann routiniert ist, täglich vor Menschen zu reden. Doch eine Million Zuschauer ist eben eine ganz andere Nummer – wenn am Sonntagmorgen das ZDF live aus der evangelischen Kirche an der Wilhelminenstraße in die ganze Republik ausstrahlt.

Nach 44 Minuten und 30 Sekunden ist Sendeschluss

„Kamera läuft“, heißt es pünktlich um 9.30 Uhr. Das Skript der ZDF-Produktionsleiterin Sylke Hart ist straff im Sekundenrhythmus getaktet: Jingle, Glockenturm als MAZ, das heißt als Aufzeichnung, dann Schalte in die Kirche. Vier Kameras sind hier aufgestellt. Allein drei unten vor dem Aufstieg zum Altar, eine an der Orgel auf der Empore. Scheinwerfer tauchen die Kirche in kamerataugliches Licht. Und auch der Chor hat eigens ein Podest vom ZDF bekommen, damit man ihn besser filmen kann.

Nach 44 Minuten und 30 Sekunden ist Sendeschluss. Stress? „Keine Angst, ich bin ihr Schatten“, beruhigt Hart. Sie gibt das Tempo vor: Wenn ihre Hand kurbelt, heißt das „schneller“, wenn die Handfläche sachte nach unten ,bremst’: „Du hast Zeit.“ Zu schnell ist eben auch nicht gut. Hart ist routiniert, macht hier ihre 80. Sendung: „Ich liebe es wirklich, in Kirchen zu arbeiten, hier habe ich schon so viele tolle Menschen kennen gelernt.“

Ein Jahr lang hat sich die Gemeinde auf diesen Morgen vorbereitet

Seit einem Jahr arbeitet die Gemeinde in Teams an der Vorbereitung für diesen Sonntagmorgen, erarbeitete die Predigt, die Musikstücke und Textbeiträge. Drei Proben am Freitagabend und am Samstag stehen noch an, damit alles stimmig wird. Den Aufwand nehmen alle gern in Kauf. „Ich freue mich darauf, unsere Botschaft zu verkünden und die Arbeit unserer Gemeinde zu zeigen“, strahlt Pfarrerin Kerstin Ulrich. Und auch für Pfeiffer ist das „die Gelegenheit, etwas positives Inhaltliches zu sagen, nicht immer nur über Finanzen zu reden“.

Und Trost zu spenden. Denn die Botschaft der Predigt – „Dein Wort ist meine Speise“ – soll Menschen erreichen, die mit Verlust und Trauer konfrontiert sind. Seit vielen Jahren sind die Trauerarbeit und das ökumenische Trauercafé fest in der Gemeindearbeit verankert. Während des übertragenen Gottesdienstes kommen Betroffene zu Wort und es stehen auch 13 Ehrenamtliche am Telefon bereit, um Trost zu spenden, für den, der sich durch die Sendung angesprochen fühlt.

Wie das Fernsehen die Pfarrer verändert hat

Dass das ZDF ausgerechnet von Mülheim sendet, hat seinen Grund: Die Sonderbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das ZDF knüpfte den Kontakt zwischen Sender und Sendungsbewussten. Und wenn das Ding im Kasten ist? Das Fernsehen hat die beiden Predigenden bereits verändert. Nicht nur, dass sie stets in die Kamera gucken sollen – denn sonst wirkt man draußen an den Empfängern unbeteiligt. „Ich habe viel über die Art des Predigens nachgedacht. Ich versuche, mehr für das Wort Gottes zu begeistern, weniger zu erklären“, sagt Kerstin Ulrich. Auch Christoph Pfeiffer hat durch die Tipps des ZDF gelernt, seine „Sprache zu vereinfachen, ohne Inhalte zu verlieren. Die Kamera hat mich verändert“.

Und selbst die Kirchenakustik ist auf dem Prüfstand gestellt worden. Künftig soll vom Pult gesprochen werden. Die alte Kanzel auf der Seite ist passé – nicht nur, weil sie nicht mehr zeitgemäß scheint; dort ist man nur schlecht zu verstehen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben