Flüchtlinge

Weihnachten in 18 Sprachen im Saarner Flüchtlingsdorf

Kinder lernen am schnellsten die deutsche Sprache und Regeln der Spiele. Belesan legt mit Betreuerin Ameta Lehmann beim Jenga geschickt die Holzklötze übereinander. Belesan besucht gern den Kindergarten im Flüchtlingsdorf. Abends wandelt

Foto: Oliver Müller

Kinder lernen am schnellsten die deutsche Sprache und Regeln der Spiele. Belesan legt mit Betreuerin Ameta Lehmann beim Jenga geschickt die Holzklötze übereinander. Belesan besucht gern den Kindergarten im Flüchtlingsdorf. Abends wandelt Foto: Oliver Müller

Mülheim.   Ein vorweihnachtlicher Besuch im Saarner Flüchtlingsdorf: Dort leben 251 Geflohene. Ob sie gemeinsam singen werden an Heilig Abend?

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

„Wir feiern hier mit unseren Gastgebern Weihnachten wie zu Hause. Das Team vom DRK hat mit uns auch Ramadan gefeiert. In der großen Gemeinschaft akzeptiert jeder den anderen. Das ist nicht überall so normal.“ Oday Hassan beschreibt mit wenigen Sätzen das Zusammenleben im Flüchtlingsdorf an der Mintarder Straße: geordnet und ruhig.

Oday Hassan spricht nach einem halben Jahr in Saarn besser Deutsch: „Nur wenn die Leute schnell und undeutlich reden, muss ich noch mal fragen.“ Der Syrer erzählt vom großen Tannenbaum des Landes, den der Bürgermeister von Damaskus jedes Jahr im Advent aufstellen lässt und an dem die halbe Stadt die Jahreswende feiert. Ob das in Kriegszeiten auch noch so ist: „Ich kann es nicht sagen.“

Tannenbäume schmücken das Flüchtlingsdorf

Mehrere Tannenbäume stehen für Bewohner und Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) auch in den Räumen der Flüchtlingsunterkunft. „Wir versuchen, die Atmosphäre zu schaffen, die den Bewohnern auch in der Stadt jetzt begegnet“, sagt Frank Langer vom DRK. Aber die Frohe Botschaft vermitteln wir hier nicht. Das macht keinen Sinn.“ Während Kinder alles Neue sofort in sich aufsaugen, halten sich die Erwachsenen – rund die Hälfte sind Moslems – zurück.

„Die Kinder sind für uns unersetzbare Botschafter, weil sie in die Familien tragen, was wir ihnen vermitteln“, erläutert Marc Grunenberg. Der Leiter des pädagogischen Bereichs im Saarner Flüchtlingsdorf weis: „Fast alle Kinder und Jugendlichen gehen zur Schule. Für die Kleinen haben wir in einer Halle eine Kita eingerichtet.“

Seine Kolleginnen und Kollegen betreuen die Mädchen und Jungen, während die Mütter nebenan an Nähmaschinen sitzen und Sachen für die Familien schneidern. „Das tun sie lieber, als auf den Zimmern zu sitzen“, kennt Grunenberg die Wünsche nach Abwechslung. Männer, die das Schneiderhandwerk einst zu Hause ausübten, kürzen jetzt im Dorf Hosen und Jacken für Mitbewohner.

Kinder bringen aus der Schule Weihnachtslieder mit

Vor den Häusern stehen heute Bänke und Spielgeräte, welche die Bewohner intensiv nutzen. Sie haben ihre Zimmer individuell eingerichtet, obwohl sie nicht lange bleiben wollen. Innerhalb der Dorfregeln kann jeder leben wie sie oder er möchte. Wer das enge Miteinander auf dem alten Saarner Kirmesplatz vor einem Jahr erlebt hat, stellt heute fest: Es ist ruhiger geworden.

Damals haben Svenja Serfort und ihr Team versucht, fast alle Wünsche der Bewohner zu erfüllen. „Das schaffen wir auch heute noch. Aber wir sind gelassener geworden, weil wir viele Erfahrungen gesammelt haben, wie wir den Menschen begegnen“, sagt die Leiterin des Dorfes. So hektisch, wie es einst zischen den Häusern zuging, sind die Menschen dort nicht mehr.

Entsprechend ruhiger gehen Bewohner und Betreuer auch das bevorstehende Weihnachtsfest an. „Es wird an allen Tagen den normalen Betrieb mit unseren Diensten geben. Drei Mahlzeiten, Kinderbetreuung und ab 18 Uhr Treffen im Gemeinschaftsraum“, erläutert Serfort den Tagesablauf. „Beim Start mit diesem Dorf mussten wir lernen, mit der Lage zu leben. Jetzt haben wir viel gelernt, mit der Lage zu leben – und der Betrieb läuft gut.“

Ehemalige Bewohner bedanken sich

Dabei hilft den Betreuern ein bisschen, dass zurzeit „nur“ 251 Menschen, davon 41 Kinder und Jugendliche, an der Mintarder Straße wohnen. „Unsere Schüler haben deutsche Weihnachtslieder aus dem Unterricht mitgebracht und singen sie hier im Dorf“, sagt Marc Grunenberg. Ob sie an Heilig Abend ebenfalls im Gemeinschaftsraum spontan zusammen singen, soll der Zufall ergeben.

„Vielleicht sind auch viele Bewohner bei Freunden, die in der Stadt oder der Umgebung bereits in eine Wohngemeinschaft gezogen sind“, sagt Svenja Serfort. Vielleicht erhalten sie und ihr Team auch Besuch. „Viele, die bei uns gewohnt haben, kommen häufiger zurück und bedanken sich bei uns. Sie treffen im Dorf ebenso ihre Freunde.“

Aus 18 Sprachen laufen die Übersetzungen

Zahlreiche ehrenamtliche Helferinnen und Helfer haben im Flüchtlingsdorf ihre Aufgabe gefunden. Sechs Sprachkurse sind bereits in die evangelische und katholische Gemeinde ausgelagert, kaum einer schwänzt noch die Stunden.

Dankbar sind fast alle, dass sie in Saarn eine vorübergehende Bleibe gefunden haben – und das nicht nur an Weihnachten. Aus 18 Sprachen laufen inzwischen die Übersetzungen ins Deutsche. „Unsere Amtssprache ist Deutsch. Die Leute wollen unsere Sprache ja auch lernen. Darum wollen sie kein Englisch hören“, erklärt Frank Langer. „Wir erklären lieber alles zweimal oder umschreiben die Begriffe. Das klappt eigentlich immer.“

Das hat Oday Hassan längst verinnerlicht. Er lebt seit einem halben Jahr in Saarn, fühlt sich dort wohl und wünscht: „Für alle frohe Weihnachten. Wir sehen uns bestimmt im nächsten Jahr.“ Dann will er dem Reporter wieder helfen, Gespräche mit Flüchtlingen zu führen. „Du brauchst doch einen Übersetzer.“ Er schätzt seine Stärke richtig ein.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik