Innenstadt

Wegen Corona: 4330 Mülheim steht kurz vor der Insolvenz

Bei der Eröffnung seines ersten eigenen Ladens strahlte Jörn Gedig. Momentan ist ihm das Lachen vergangen, denn er weiß nicht, wie es mit 4330 Mülheim weitergehen soll.

Bei der Eröffnung seines ersten eigenen Ladens strahlte Jörn Gedig. Momentan ist ihm das Lachen vergangen, denn er weiß nicht, wie es mit 4330 Mülheim weitergehen soll.

Foto: Martin Möller / Funke Foto Services

Mülheim.  Der Firma 4330 Mülheim geht die Luft aus. Inhaber Jörn Gedig kann seine Mitarbeiter nicht mehr bezahlen. Aber aufgeben möchte er auch nicht.

Ein Facebook-Video kursiert und bewegt viele Menschen hier in der Stadt: Jörn Gedig, der sich mit 4330 Mülheim einen Namen gemacht hat, spricht über die Situation seiner Firma. Sie steht kurz vor der Pleite. Der 49-Jährige trägt einen Kapuzenpulli aus eigener Produktion in der Farbe Schwarz. Doch noch ist nicht alles verloren - eine Spendenkampagne läuft bereits.

Gedig erklärt: „Ich konnte zum ersten Mal keine Gehälter mehr zahlen.“ Sechs Teilzeitmitarbeiter sind betroffen, erläutert er. Kurzarbeit wurde schon vor Monaten angemeldet, bislang habe er jedoch aus eigener Tasche aufstocken können, damit seine Leute keine Einbußen haben. Jetzt, im Oktober, sei er am Ende seiner Möglichkeiten.

4330 Mülheim war eine Erfolgsgeschichte - bis Corona kam

Bis die Corona-Pandemie einsetzte, war 4330 Mülheim eine Erfolgsgeschichte. Mit seiner Geschäftsidee, Textilien für Mülheim-Nostalgiker und Ruhrgebiets-Fans herzustellen, fand Gedig viele Sympathisanten und konnte im vergangenen Jahr stetig expandieren. Was auf dem Adventsmarkt in der Altstadt begann, führte im Frühjahr 2019 zunächst zu einem Pop-up-Store in der Wertstadt, den Jörn Gedig 90 Tage lang betrieb.

Die Probephase lief so gut, dass er anschließend ein festes Ladenlokal auf der Wallstraße anmietete. Er schloss einen Dreijahres-Vertrag, ist also bis zum Sommer 2022 gebunden. Einen Nachmieter zu stellen, hält er momentan für nahezu ausgeschlossen, solange die Corona-Einschränkungen gelten: „Einen klassischen Einzelhändler findet man zurzeit sicher nicht.“

Vision: Kompetenzzentrum für Textildruck aufbauen

Der Existenzgründer verkauft nicht nur, sondern ist auch in die Produktion eingestiegen: 4330 Mülheim bedruckt Textilien für Vereine, Schulen, Firmen, Parteien, und hat zu diesem Zweck vor rund einem Jahr in der Delle ein Lager angemietet. Dort wurde investiert, eine teure Stickmaschine gekauft, „alles lief super“. Gedigs Vision war, die Produktion in Mülheim auszubauen, ein „Kompetenzzentrum für Textildruck“ zu schaffen. Dann kam Mitte März der Lockdown. „Veranstaltungen und Aufträge wurden teilweise im Stundentakt abgesagt“, berichtet Gedig. Seinen Laden musste er zeitweise schließen, nur der Online-Shop lief weiter - mittlerweile erweitert um eine große Auswahl an Ruhrpott-Mundschutzmasken.

In den vergangenen Monaten ist 4330 Mülheim bei lokalen Hilfsaktionen in Erscheinung getreten. Als es um die Rettung der Freilichtbühne ging, stand Gedig den Reglern zur Seite und verkaufte Unterstützer-Shirts. Als zu Beginn der Corona-Krise das Netzwerk „#4330hilft“ entstand, stieg er mit ein und stattete die Ehrenamtlichen mit dunkelblauen Hemden aus.

Im Rückblick sagt er jetzt: „Das war purer Aktionismus. Wir haben nicht wirklich daran verdient.“ Dennoch: Seine Hilfsbereitschaft wird ihm jetzt gespiegelt. Kaum war sein Video online, wurde es geteilt und tausendfach geklickt. Viele äußern Bedauern und Mitgefühl. „Jörn hatte für jeden ein offenes Ohr in der schweren Zeit“, sagt etwa Hakan Köroglu, Betreiber des Fair1-Heims. Mit seinem Team hat Köroglu umgehend eine Spendenkampagne für 4330 Mülheim ins Netz gestellt.

Dankbar für die Spendenaktion - „aber eher eine Geste“

Jörn Gedig ist dankbar für die Unterstützung, obwohl er weiß: „Es ist eher eine Geste.“ Sein Geschäft zu retten, versucht er auf anderem Wege: „Ich verhandele mit meiner Bank und meinem Vermieter, wie wir wieder zu Liquidität kommen können.“ Er lässt sich von einer Fachanwaltskanzlei beraten, will die Insolvenz vermeiden. Durchaus selbstkritisch geht er die Sache an. Er räumt ein, seine Firma habe „viele Fehler“ gemacht, die Bearbeitung von Aufträgen sei teils „chaotisch“ vonstatten gegangen, Kunden mussten warten, wurden vertröstet, vielleicht enttäuscht. Diese Defizite habe man in den nächsten Wochen lösen, in Digitalisierung investieren, Förderprogramme nutzen wollen. „Aber uns ist die Luft ausgegangen“.

„Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergeht“, sagt Gedig. „Und so lange es diese Einschränkungen durch Corona gibt, so lange keine größeren Veranstaltungen stattfinden dürfen, ist eine Prognose schwierig.“ Er persönlich durchlebt nicht zum ersten Mal eine harte Zeit, auch das macht er öffentlich. Seit dem Tod seiner krebskranken Frau betreut er als alleinerziehender Vater die beiden Töchter im Alter von acht und zwölf. Früher war er als Vertriebsaußendienstler für Werbetextilien viel unterwegs, auch im deutschsprachigen Ausland. Dann hatte er den Mädchen versprochen, nicht mehr so viel zu reisen. Als Selbstständiger sieht er sich jetzt eingebunden in Zehn- bis Zwölf-Stunden-Tage, eine tägliche Herausforderung.

Jörn Gedig will kämpfen. „Wir haben ja gesehen, dass es funktioniert. Wir haben hier etwas aufgebaut, das hat seinen Wert.“ Der Laden an der Wallstraße ist weiter geöffnet und wird jetzt umgeräumt, so dass die eigenen Produkte in den Vordergrund rücken. Dabei verliert Gedig eines nicht aus dem Blick: „Viele andere hier in der Stadt haben dieselben Probleme.“

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