Wirtschaft

Thyssenkrupp: Neue Sorgen bei Automobilzulieferer Presta

Bei einem Werkstermin im Juni 2019 zum Anlass, 20 Millionen Lenkungsgetriebe in Saarn hergestellt zu haben, zeigt Mitarbeiter Rolf Kleninger die Fertigung moderner Lenkungsgetriebe.

Bei einem Werkstermin im Juni 2019 zum Anlass, 20 Millionen Lenkungsgetriebe in Saarn hergestellt zu haben, zeigt Mitarbeiter Rolf Kleninger die Fertigung moderner Lenkungsgetriebe.

Foto: Christoph Wojtyczka / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Der Abbau von geplant 11.000 Stellen bei Thyssenkrupp beunruhigt die Belegschaft. Was das für den Automobilzulieferer Presta in Mülheim bedeutet.

Das größte Sparprogramm in der Firmengeschichte von Thyssenkrupp sorgt auch in der Belegschaft des Presta-Werkes in Saarn für Unruhe. Doch bewerten Betriebsrat und Konzern die Lage unterschiedlich.

Das Werk in Saarn fertigt Lenkungsgetriebe für die Automobilindustrie, im vergangenen Jahr feierte es die Fertigung des 20-millionsten Produktes. Die Sorgen am Standort aber sind nicht minder klein. Die Automobilbranche ist mit Corona tief in die Krise gerutscht. Ohnehin hat sich die Belegschaft des Presta-Werkes eine Standort-Garantie bis 2023 teuer erkauft: Mitarbeiter arbeiten pro Woche ohne Lohnausgleich drei Stunden mehr und verzichten gleichzeitig sowohl auf Urlaubs- als auch auf Weihnachtsgeld.

Betriebsrat hat Sorge, dass der Konzern Presta zu Geld macht

Betriebsrat Fredy Biedermann gibt sich nach der jüngsten Ankündigung von Vorstandschefin Martina Merz („Wir werden alles hinterfragen – auch bei den Kosten darf es keine Denkverbote mehr geben“) beunruhigt: „Wenn sich ein lukratives Geschäft ergibt“, ist er sich sicher, werde Thyssenkrupp wohl kaum mehr davor zurückschrecken, auch Presta oder Teile davon, dem Verkauf preiszugeben.

Biedermann beklagt, dass der Arbeitgeber mit Blick auf die Fertigung in Saarn immer wieder die Frage der Wirtschaftlichkeit aufwerfe, selbst aber wenig Anstrengungen unternehme, das Werk statt nur zu rund 50 Prozent, voll auszulasten und weniger stark auf eine Produktion in Ungarn zu setzen. In Saarn verfüge man nur über eine neue Produktionslinie, an der 60 Mitarbeiter beschäftigt seien. Alle anderen Linien seien „Auslaufmodelle“, auf die Automobilhersteller sicher nicht mehr lange setzen würden.

„Wir brauchen mindestens zwei neue Produktionslinien“

„Wir brauchen mindestens zwei neue Produktionslinien, um den Standort dauerhaft zu sichern“ , sagt Biedermann. Ausgerichtet sei das Werk auf die Produktion von bis zu 1,6 Millionen Lenkungsgetrieben. Wenn es in einer Nach-Corona-Zeit gut laufe, werde das Werk im kommenden Jahr 690.000 Lenkungsgetriebe produzieren. Andernfalls drohe erneut Kurzarbeit oder gar Jobabbau. Von 280 Mitarbeitern am Standort seien ohnehin nur noch 120 in der Fertigung beschäftigt. Erst zuletzt habe man zumindest mal durchbekommen, wieder drei Auszubildende einstellen zu können.

Das Corona-Wirtschaftsjahr 2020 hat dem Betrieb laut Biedermann ohnehin eine kräftige Flaute beschert. Zwischen Mitte März und Ende August habe es Kurzarbeit gegeben. Erst danach sei die Produktion wieder durchgestartet. Sogar so stark, dass 20 Leiharbeitnehmer eingestellt worden seien.

Bange Blicke auf die Hauptversammlung im Januar

„Was bleibt noch übrig?“ Diese Frage stellt sich Betriebsrat Biedermann zur Zukunft von Thyssenkrupp nach dem Verkauf der Aufzugssparte und den jüngsten Turbulenzen im Stahlbereich. Der Konzernverbund gehe verloren, fürchtet Biedermann und hofft auf den Einstieg des Staates in den Konzern, um nicht womöglich „unseriöse Bewerber“ wie Liberty Steel ins Geschäft kommen zu lassen.

Mit Spannung erwartet Biedermann nun die Hauptversammlung im Januar. „Kommt da noch mehr?“, trägt er die Sorge in sich, dass das „Ende der Fahnenstange“ noch nicht erreicht sein könnte, auch für die Kollegen vor Ort im Presta-Werk.

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