Aufführung

Theater-Aktivisten thematisieren Revolution auf der Bühne

Mülheim.   Das Theater-Kollektiv andcompany&Co erzählt in „Not my revolution, if...“ von einer fiktiven Aktivistin. Aufführung im Ringlokschuppen.

Wie macht Trump aus Globalisierungsgegnern nun -befürworter? Rettet Kaffeschlürfen die Welt? Warum haben sich Friedens- und Ökobewegung zu Wirtschaftsunternehmen entwickelt? In „Not my revolution, if... Die Geschichten der Angie O.“ greifen die Theater-Aktivisten andcompany&Co. mehrere heiße Eisen auf. Andco-Mitglied Alexander Karschnia im Interview.

Hallo Herr Karschnia, was macht die Politik?

In der Politik herrscht Schockstarre. Erst Brexit, dann die US-Wahl. In anderthalb Wochen wird Trump Präsident. Viele glauben wohl immer noch nicht, dass das wirklich passiert. Wir rechnen aber am 21. Januar mit konzentrierten Protesten von Künstlern vor dem Trump-Tower. Der Künstler Noah Fischer zum Beispiel – mit dem wir auch im neuen Stück zusammengearbeitet haben – unterstützt diesen geplanten „Art Strike“.


Wo findet Politik heute statt? Im Parlament? Auf der Straße?

Weder noch: Im Augenblick wohl auf Twitter. Trump tippt zwei Zeilen und löst damit etwas aus. Dieser Trump-Sog, Politik über Tweets ist ein neues Phänomen.


In den Parlamenten Europas und den USA erstarkt der Rechtspopulismus. Bei uns revoltiert der Mob und schreit „Wir sind das Volk“ – ist das Revolution oder dieselbe Seite der Medallie?

Der Titel unseres Stücks „Not my revolution, if...“ hat durch die jüngsten Ereignisse eine neue Bedeutung bekommen. Denn aktuell führen Rechtspopulisten die Revolutionsrhetorik der Linken im Mund. Sie träumen von Aufstand und Barrikaden.


Gibt’s die Revolution überhaupt?

Revolution ist immer gleichbedeutend mit Innovation gesehen worden, als Alternative zur bürgerlichen Gesellschaft. Es gibt eine Verliebtheit in die Revolution und sie wird heute sehr breit verwendet. Sie spielt zum Beispiel als Werbeversprechen für neue Technologien eine große Rolle, die vermeintlich das Bestehende auf den Kopf stellt. Die Frage ist: Wo kann Revolution heute stattfinden? Unser Ansatz ist: in der „Affinity Group“, also dort, wo man „von Angesicht zu Angesicht“ Gemeinsamkeiten findet, Beziehungen herstellt.


Nach der Aufarbeitung des realen Kommunismus und der Pop-Politik der 80er Jahre nimmt andcompany&Co. die NGOs („Angie O“) ins Visier: Warum?

Es geht weniger um konkrete NGOs sondern um das, was der Begriff „Nicht-Regierungs-Organisation“ verspricht. Es ist eine Chiffre für die Zivilgesellschaft als eine Gegenbewegung zur Mainstream-Politik. Zugleich ist die NGO auch zu einer Berufsperspektive für junge Leute geworden. Wie man in den 90ern „irgendwas mit Medien“ machen wollte, wollen viele „irgendwas mit NGO“ machen. Sie sind auf der Suche nach Alternativen. In unserem Stück ist „Angie“ deshalb die Gegenfigur zu „Tina“ - also „There Is No Alternative“.


Jeder kämpft um Kohle – auch NGOs: Ist denn der Kapitalismus „alternativlos“?

Der Kapitalismus hat den Idealismus für sich einspannen können, er hat sich ein „gutes Gesicht“ gegeben. Zum Beispiel bei Starbucks, das als globalisiertes Unternehmen 1999 in der Kritik stand, sich aber dem „Fair trade“ angeschlossen hat, und neben teurem Kaffee nun ein gutes Gewissen mitverkauft. Das passt wieder zum heutigen Bild der NGOs: kaffeeschlürfend am Laptop die Welt retten. So möchte man leben und arbeiten. In unserem Stück ist deshalb Starbucks ein Musterbeispiel.

Brecht hat diese scheinbaren Widersprüche schon in den 30ern in der „Heiligen Johanna“ vorweggenommen: „Service ist Nächstenliebe – investieren sie in moralische Kaufkraft“, sagt sie zum Fleischkönig Mauler. Auch in ihm stecken zwei Seelen. Gerade in Zeiten von nationalorientiertem Rechtspopulismus muss man über Vorteile des Globalismus nachdenken – denn wir haben viel zu verlieren.


Die Politik als Musical – klingt nach Satire: Was erwartet uns formal zur Premiere am Samstag?

Wir haben immer Agit-songs als Element in unseren Stücken gehabt. Wir machen jetzt ein Agit-Musical nach Vorbild von Brecht. „Not my revolution“ ist stärker durchmusikalisiert als frühere Stücke, es hat mehr Zug. Andco arbeitet mit Assoziationen, Sprachspielen, Versatzstücken – manchen Kritikern ist die Botschaft unklar oder gar beliebig: Warum haltet ihr an dem Prinzip fest?

Für uns ist die freie Assoziation – bei Marx ist das der Wunschtraum einer befreiten Gesellschaft -, das Spielerische ein wichtiger Teil des Theaters. Wir wollen nicht predigen. Dennoch haben wir immer eine klare Haltung zu den Themen.

Wenn Politik nur Theater ist, wie politisch ist dann das Theater?

Den Vorwurf an die Politik finde ich falsch, Diskussionen werden als „Geschwätz“ abgetan, dabei müsste viel mehr diskutiert werden. Es gibt allerdings interessante Analogien zwischen bestimmten Anordnungen eines Parlaments und eines Theaters – das Publikum sitzt hinter der „vierten Wand“, die Schauspieler sind „Vertreter“. Wir spielen ein direktes Theater mit Ansprache und ohne Wand. Bei uns sehen sich Schauspieler und Publikum – auf Augenhöhe.

>> Aufführung am Samstag im Ringlokschuppen

Das Stück spielt am Samstag, 14. Januar, ab 20 Uhr im Ringlokschuppen. Weitere Infos: ringlokschuppen.ruhr

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