Warnstreik

Streit über Geld und Tarifbindung bei Siebtechnik in Mülheim

Rund 180 Warnstreikende haben sich am Dienstagmorgen bei Siebtechnik an der Weseler Straße in Mülheim versammelt und sind zur Verwaltungszentrale in Speldorf marschiert.

Rund 180 Warnstreikende haben sich am Dienstagmorgen bei Siebtechnik an der Weseler Straße in Mülheim versammelt und sind zur Verwaltungszentrale in Speldorf marschiert.

Foto: Martin Möller / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Einen Warnstreik gab es bei Siebtechnik in Mülheim. Das Unternehmen hat sich aus der Tarifbindung gelöst, nun wird um Hausverträge gerungen.

Arbeitskampfstimmung im Mülheimer Hafengebiet: Mit roten Fahnen in den Händen und roten Westen am Leib sammelten sich am grauen Dienstagmorgen Beschäftigte der Siebtechnik GmbH. Die IG Metall hatte zum Warnstreik aufgerufen – in einem Unternehmen, das blendend läuft, hängt der Haussegen schief.

Nach Angaben der Gewerkschaft haben sich etwa 180 Leute am gut zweistündigen Warnstreik beteiligt, sind von der Produktionsstätte an der Weseler Straße zur Firmenverwaltung an der Platanenallee marschiert. Unterstützt wurden die Siebtechnik-Beschäftigten von Vallourec- und Siemens-Mitarbeitern, überwiegend Betriebsräte und Vertrauensleute. Angesichts des Regenwetters zeigte sich Kai Lamparter, IG Metall-Sekretär, mit der Resonanz zufrieden.

Siemens- und Vallourec-Mitarbeiter unterstützten den Warnstreik

Vordergründig geht es um um das tarifliche Zusatzgeld, das in der Metall- und Elektroindustrie im Juli vereinbart wurde: Einmal jährlich gibt es 400 Euro pro Person plus 27,5 Prozent eines Monatsentgeltes. Wahlweise können die Mitarbeiter bis zu acht freie Tage nehmen, sofern sie Schichtarbeit leisten, Kinder

betreuen oder Angehörige pflegen müssen. Für die etwa 270-köpfige Siebtechnik-Belegschaft gilt all das nicht. Ihr Unternehmen hat sich zum 31. Dezember 2017 aus der Tarifbindung gelöst – und das ist der eigentliche Streitpunkt.

Unternehmen ist vor knapp zwei Jahren aus der Tarifbindung ausgestiegen

Wie die IG Metall herausstellt, war die wirtschaftlich ausgesprochen erfolgreiche Siebtechnik GmbH in der Vergangenheit, unter der Geschäftsführung von Karl Bongartz, immer tarifgebundenes Mitglied des Unternehmerverbands Metall. Als vor etwa zwei Jahren Christian Steinhaus, Mitglied der Inhaberfamilie, in das operative Geschäft eingestiegen sei, habe sich der Wind gedreht. Seither wird die Mitgliedschaft im Unternehmerverband Ruhr-Niederrhein zwar noch gehalten, von der Tarifbindung hat sich die Siebtechnik aber gelöst.

Christian Steinhaus, der zwei weitere Geschäftsführer an seiner Seite hat, bestätigt das auf Anfrage. Zu den Gründen, warum er den flächendeckenden Abschluss nicht länger akzeptieren wollte, erklärt er: „Der Flächentarifvertrag wird abgeschlossen von der Automobilindustrie, und je nachdem, wie es der Branche geht, ist er arbeitgeber- oder arbeitnehmerfreundlich. Aus diesem direkten Zusammenhang wollen wir raus.“ Mit der Gehaltserhöhung, die Siebtechnik zuletzt im Mai realisiert habe, „liegen wir über dem Flächentarifvertrag“, ergänzt Steinhaus, „weil die Geschäfte derzeit sehr gut laufen“.

Einigkeit besteht darüber, dass die Geschäfte sehr gut laufen

Dass das Unternehmen wirtschaftlich floriert – in diesem Punkt sind beide Seite sich einig. Daher argumentiert die IG Metall: „Es gibt keinen Anlass, aus finanziellen Gründen aus dem Flächentarif auszusteigen.“ Tatsächlich habe es im Mai eine freiwillige Zahlung von 2000 Euro an jeden Siebtechnik-Beschäftigten gegeben, bestätigt Kai Lamparter, „aber keine Aussage, ob das im nächsten Jahr auch geschieht.“

Nachdem sich Siebtechnik aus der Tarifbindung gelöst hatte, wurde „nach massivem Protest der

Belegschaft“ ein Haustarifvertrag ausgehandelt. Er entspreche im wesentlichen der Flächenvereinbarung, so die IG Metall, doch vor allem bei der Bezahlung gebe es deutliche Abweichungen. Die hausinterne Entgeltregelung sei Ende Juni ausgelaufen. Nun fordert die IG Metall rückwirkend eine Übernahme des tariflichen Zusatzgeldes.

Überstunden fallen bei Siebtechnik regelmäßig an

Am 28. September haben beide Seiten zuletzt darüber verhandelt. Die Geschäftsführung habe argumentiert, es gebe keine Notwendigkeit, zusätzliche freie Tage zu gewähren. Etliche Resturlaubstage seien bei Siebtechnik noch nicht abgenommen worden, Überstunden fielen regelmäßig an. „Die Personaldecke ist einfach zu dünn“, so die Schlussfolgerung von Lamparter.

Um den Arbeitgeber zu weiteren Verhandlungen zu bewegen, hat die IG Metall auch schon ein Votum für einen 24-stündigen Warnstreik abgefragt. Unternehmenschef Christian Steinhaus erklärt: „Wir warten jetzt ab, wie sich die Belegschaft positioniert und wollen versuchen, im Gespräch mit dem Betriebsrat eine Lösung zu erreichen.“

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