Stadtgeschichte

Stadtverwaltung stoppte einst Zeche im grünen Witthausbusch

Gleich neben den Teichen sollte im Tal des Witthausbusches ein Fördergerüst über dem Schacht entstehen. Ein harter Eingriff in die Landschaft.

Foto: Stadtarchiv

Gleich neben den Teichen sollte im Tal des Witthausbusches ein Fördergerüst über dem Schacht entstehen. Ein harter Eingriff in die Landschaft. Foto: Stadtarchiv

Mülheim.   Als die Kohle in den 1950er Jahren knapp wird, planen Bergbauingenieure im großen Park eine Zeche. Sie sollte sieben Jahre Brennstoff fördern.

Eine Zeche im grünen Naherholungsgebiet? In Zeiten der Kohleknappheit sind diese Überlegungen keine Visionen, sondern konkrete Pläne. Wo sich der Abbau von Kohle lohnt, soll sie auch gefördert werden, denken sich vor mehr als 60 Jahren Essener Bergbauexperten. Daher entwickeln sie ein Konzept, mitten im Witthausbusch eine Kleinzeche zu errichten. Als die Post im Rathaus ankommt, verschlägt es der Stadtspitze wohl die Sprache. Noch bevor die bereits lokalisierte erste Probebohrung angesetzt werden kann, erteilt der damalige Oberstadtdirektor Bernhard Witthaus einer Zeche im großen Stadtpark „im Interesse der Bürger“ eine entschiedene Absage.

Als die ersten Zechen des Ruhrgebietes bereits geschlossen oder mit benachbarten Schachtanlagen zusammengelegt sind, werden die Kohlen in der Region knapp. Die aufstrebende Wirtschaft verbrennt ab Beginn der 1950er Jahre das Schwarze Gold täglich tonnenweise. Zentralheizungen in den Wohnhäusern sind selten, Hausbrand braucht fast jeder. Das Erdöl beginnt erst einige Jahre später seinen Siegeszug. Daher liegt es für Bergbauingenieure nahe, abbauwürdige Lagerstätten „von ihrer brauchbaren Kohle zu befreien“.

Kleinzeche in Sichtweite des Lokals Ter­steegensruh

Solche Flöze liegen sich nicht nur unter Heißen, sondern auch unter dem damals schon bevorzugten Wohngebiet Holthausen. „Ausgerechnet im Bereich des Bismarckturms und der weiträumigen Parkanlage Witthausbusch wollen sie ein abbauwürdiges Anthrazit-Kohlefeld entdeckt haben“, schreibt Zeitungsredakteur Günter Heubach im September 1956.

Die Essener Bergbauingenieure wollen eine Kleinzeche in Sichtweite des beliebten Ausflugslokals Ter­steegensruh anlegen. Das Fördergerüst – ein einfacher Bock – soll in einem nahen Talgraben unweit der Unteren Saarlandstraße zwischen den Bäumen aufragen. Auch der Abtransport der Kohle sei über die Bundesstraße leicht zu erledigen, heißt es im Zechenkonzept für den Witthausbusch.

Wie eine Aufforderung zur Abbaugenehmigung

„Ich nehme an, dass die Stadt ein Interesse daran hat, die Kohleversorgung der städtischen Betriebe und der Bevölkerung in Anbetracht der anhaltenden Kohleknappheit zu verbessern“, schreibt einer der Bergingenieure damals an die Stadtspitze. Das klingt wie eine dreiste Aufforderung zur baldigen Abbaugenehmigung.

„Die gewieften Männer vom Bergbau“, formuliert der ehemalige Kollege, behaupten zwar: „Ein Abbau der dort zutage gehenden Flöze Sarnsbank 1 und allenfalls Sarnsbank 2 kommt nur dort in Betracht, wo sie außerhalb des Einflussbereiches in Bezug auf Bergschäden in verbauten Gebieten liegen.“ Aber die Hüter der Natur trauen den Bergbauingenieuren keinen Meter über die Hacke.

Die Fläche der geplanten Kleinzeche gehört nach Ansicht der Bergleute „eigentlich nicht mehr zum Stadtpark“. Der Bergbau dort sollte etwa fünf bis sechs Jahre dauern. „Anschließend könnte das Areal wieder ganz in den heutigen Zustand gebracht werden“, heißt es in dem Schreiben an die Stadt. Der Flözabbau im Gebiet des Stadtparks müsste wegen der dort vorhandenen, halbsteilen Lagerung ohnehin mit Bergbauversatz betrieben werden, „so dass die Parkanlage keinen Schaden erleiden würde“.

170 000 Tonnen Kohle erwartet

Dabei hatten die Zechenplaner ebenfalls im Blick, dass die Kriegsschäden im Witthausbusch noch nicht beseitigt waren. Viele Anlieger holten sich dort mit der Säge täglich ihr Brennholz, weil Kohle schon knapp und zu teuer war.

In den anhängenden Plänen für die neue Kleinzeche rechnen die Bergleute vor: „Bei einer Länge des angenommenen Abbaufeldes von mindestens 1000 Metern und einer flachen Bauhöhe von 100 Metern sowie einer Voraussetzung einer Kohlemächtigkeit des Flözes Sarnsbänksgen von neun Zentimetern würde sich ein Kohleinhalt von 117 000 Tonnen ergeben.“

Würde dazu eine Tagesförderung von 50 Tonnen bei 300 Arbeitstagen pro Jahr angesetzt, ergäbe das 15 000 Jahrestonnen. Mit diesem als möglich erscheinenden Kohlenvermögen ließe sich eine „Förderung von etwas mehr als sieben Jahren aufrecht erhalten“, schreiben die Zechenplaner. Bei den so genannten Aufschlussarbeiten sollten zwei Bohrungen in eine Tiefe von mehr als 100 m gebracht werden.

Auftrag wird nie vergeben

Dieser Auftrag wird allerdings nie vergeben. Die Stadtspitze, aber auch die Bürgerschaft, haben kein Interesse daran, das Mülheimer Landschaftsbild durch eine Kleinzeche an der Ruhr verschandeln zu lassen. „Die Rentabilität einer solchen Zecher erscheint , trotz angeblich günstiger Aufschlüsse, zumindest fraglich. Die stillliegenden Kleinzechen im Ruhrtal bei Essen sind eine beweiskräftige Warnung dafür“, steht in der klaren Absage aus dem Rathaus.

Wie eine Räuberpistole

„Es ist unser oberstes Gebot, vorhandene Grünanlagen – die man die Lungen der Großstädte nennt – nicht nur zu erhalten, sondern mehr noch, zu erweitern“, legt die Stadtspitze noch eine Schippe drauf. Ein solches Ansinnen, wie es hier von geschäftstüchtigen Männern an die Stadt Mülheim gestellt wird, verdiene es nicht, noch länger diskutiert zu werden.

Aus heutiger Sicht erscheint der damals geplante Kohleabbau in Holthausen mit Förderturm im Witthausbusch wie eine Räuberpistole. Aber die Akten belegen: Den Essener Bergingenieuren war es Ernst mit diesem Projekt. Ob es dann noch die Teiche gäbe, bleibt ungeklärt. Der damaligen Stadtspitze waren Grünanlagen und Naherholung der Bürger – für die der Witthausbusch angelegt wurde – wichtiger als wirtschaftlicher Profit.

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