Gesichter des Jahres

Siegfried Kalweit ist Mülheims Marathon-Mann

Läufer aus Leidenschaft: Siegfried Kalweit (75) blickt auf seinen 100. Marathon zurück.

Foto: Kerstin Bögeholz

Läufer aus Leidenschaft: Siegfried Kalweit (75) blickt auf seinen 100. Marathon zurück. Foto: Kerstin Bögeholz

Mülheim.   Die Leidenschaft Laufsport lässt den 75-jährigen Senior vom TSV Viktoria nicht los. Seinen 100. langen Lauf beendet auf dem zweiten Platz.

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Mit 75 Jahren noch einmal richtig Tempo aufzunehmen und zur Höchstform aufzulaufen, ist ein staunenswertes Kunststück, das Siegfried Kalweit beherrscht. Der Dauerläufer vom TSV Viktoria Mülheim startete im Jahr 2017 noch einmal richtig durch und sorgte bei seinem persönlichen Jubiläumslauf für eine fabelhafte Marke. Bei den Deutschen Meisterschaften in Frankfurt/Main bestritt der unaufhaltsame Senior seinen 100. Marathon und krönte diesen Start in 3:52,48 Stunden mit dem Vizetitel. „Laufen ist eben meine Leidenschaft“, schmunzelt der Unentwegte.

Das zurückliegende Jahr bescherte dem mit seiner Ehefrau Annemarie auf der Heimaterde wohnenden Hobbyläufer freilich noch weitere Höhepunkte und Feiertage. So wurde er bei den Senioren-Europameisterschaften im Marathon im polnischen Breslau zweimaliger Champion, einmal in seiner Altersklasse M75 in der Einzelwertung in 3:55,14 Stunden und mit dem deutschen Team in der Mannschaftswertung. Goldenen Lohn gab es zudem im dänischen Aarhaus bei der Senioren-EM im Halbmarathon im Teamwettbewerb. Bei den nationalen Halbmarathon-Titelkämpfen in Hannover wurde Kalweits Zeit von 1:46,57 Stunden mit Platz zwei belohnt.

Auf Zollverein den Bergmannsberuf erlernt

Auf der Zeche Zollverein in Essen erlernte Kalweit den Beruf des Bergmanns, danach war er jahrzehntelang bei Krupp im Leichtmaschinenbau tätig. Schon in jungen Jahren war „Siggi“ flink unterwegs. Er sei in der Schule und Berufsschule gerne und gut gelaufen, so mit 15 Jahren die 3000 Meter knapp unter zehn Minuten. Mit dem Laufen war es dann aber früh vorbei, denn nach seiner Lehre war er der Haupternährer der Familie, da der Vater nach einem Unfall arbeitslos wurde. An Sport war in diesen harten Zeiten nicht mehr zu denken.

Später folgte berufsbedingt eine weitere lange Zeit ohne sportliche Aktivitäten. Als Kalweit im Laufe der Jahre 24 Kilogramm zugenommen hatte, zog er die Reißleine. „Bei meiner Körpergröße war ich mehr als mollig, die Klamotten passten nicht mehr und ich beschloss, dass Feierabend ist.“ 1993 kam es zum Neustart. Schon damals gab es den Lauftreff am Witthausbusch, Kalweit begann bei den Anfängern. Der erste Zehn-Kilometerlauf folgte 1994 beim Bottroper-Herbstwaldlauf in 54:30 Minuten. Das Training wurde gesteigert und intensiviert. Am 1. Dezember 1996 trat Kalweit dem TSV Viktoria Mülheim bei. Seinen ersten Marathon lief er 1996 in Duisburg in 3:46,56 Stunden.

Training und Ehrgeiz mit Auszeichnungen belohnt

Ausdauer, intensives, oft tägliches Training und Ehrgeiz waren letztlich Grundlage für die zahlreichen guten Platzierungen. Hunderte von Pokalen, Plaketten und Medaillen hat er in dieser Zeit bekommen und sind Lohn und Anerkennung für eine außergewöhnliche Leistung. 15 Mal wurde Siegfried Kalweit Westdeutscher Meister in verschiedenen Disziplinen und zwölf Mal Nordrhein-Meister.

Seinen ersten Einzeltitel als nationaler Meister erreichte er über 50 Kilometer im Jahr 2007 in Bottrop in der Altersklasse M65 in 3:59,28 Stunden. 2010 gewann er mit 68 Jahren in Mainz in 3:13,37 Stunden seinen zweiten Einzeltitel: Deutscher Meister im Marathon.

Der Mülheimer drückte zudem international aufs Tempo. Bei der Senioren-WM 2007 in Riccione/Italien schürfte er mit dem deutschen Team Silber im Marathon. Ein Jahr später in Ljubljana/Slowenien folgte bei der Senioren-EM der goldene Lohn.

Mit dem 100. Marathon sollte Schluss sein

Als schönstes und nachhaltigstes Lauferlebnis und Highlight seiner imposanten Läuferlaufbahn nennt Kalweit spontan den Jungfrau-Marathon. „Dieser Lauf in den Schweizer Bergen ist für mich der schönste der Welt.“ Am 5. September 2009 herrschte herrliches Wetter mit bester Sicht auf das majestätische Trio mit Jungfrau, Mönch und Eiger, die ein einzigartiges Panorama darstellten. Start war in Interlaken auf 568 Höhenmeter und es ging über die LauberhornAbfahrt am Eigergletscher vorbei zum Eigertrail auf 2320 Meter Höhe und dann wieder herunter zum Ziel der Kleinen Scheideck auf 2200 Meter Höhe - alles im Alter von 67 Jahren und in respektablen 4:55,39 Stunden. „Ein absolutes Traumerlebnis, das bis heute unvergesslich bleibt.“

Der nächste Start wartet schon in Düsseldorf

Der 100. Marathon sollte ursprünglich die Schlussveranstaltung sein, doch Siegfried Kalweit macht es aller Voraussicht noch einmal. Wenn es der Aufwand an Trainingskilometern erlaubt, die Regenerierungszeiten im Rahmen bleiben und die Gesundheit mitspielt, möchte der Athlet aus Leidenschaft noch einen letzten Marathon laufen. Dabei ist der Reiz groß und der Weg kurz. „Denn die Deutschen Meisterschaften 2018 in dieser Disziplin finden in Düsseldorf und damit quasi vor meiner Haustür statt.“ Keine Frage, „Siggi 100“ will noch einmal durchstarten.

<<< IM LAUFSCHRITT ZU DEN TAUBEN

Gefragt nach seinen ersten Lauferfahrungen sagt Siegfried Kalweit, dass der Vater Taubenzüchter war und seine besten Brieftauben auf Wettflüge schickte. Eine spezielle Stechuhr konnte sich der Vater direkt nach dem Krieg nicht leisten und so musste er als Sechs- bis Zehnjähriger sonntags, wenn die Brieftauben vom Wettflug kamen, zu einem Kollegen des Vaters rennen, damit dieser den Ring in die plombierte Stechuhr stecken konnte, denn es ging um Sekunden, die über die Geldpreise entschieden.


„Das waren meine ersten Tempoeinheiten“, so der Mülheimer Dauerläufer lachend.

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