Zeitzeugen

Sally Perel erzählt in Mülheim aus seinem bewegenden Leben

Bewegende Lebensgeschichte: Im Gymnasium Broich las Sally Perel aus seinem Buch "Hitlerjunge Salmon“.

Bewegende Lebensgeschichte: Im Gymnasium Broich las Sally Perel aus seinem Buch "Hitlerjunge Salmon“.

Foto: Jörg Schimmel

Mülheim.   Sally Perel führte jahrelang ein Doppelleben: Jude und Hitlerjunge. Der 93-jährige Holocaust-Überlebende las am Gymnasium Broich aus seinem Buch.

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Es ist nicht einfach, Schüler zwei Stunden lang mit einem Lebensbericht und einem anschließenden Gespräch zu fesseln. Sally Perel kann es. 400 Jugendliche hörten ihm in der Aula des Gymnasiums Broich gebannt zu, als der 93-Jährige ihnen erzählte, wie er als Jude den Holocaust überlebte, weil er als Hitlerjunge und Wehrmachtssoldat in eine neue Identität schlüpfte und damit den Willen seiner von den Nazis ermordeten Mutter erfüllte: „Geh, Sally. Du musst leben!“

Die Jugendlichen hatten ihre Begegnung mit dem Zeitzeugen gut vorbereitet. Sie hatten sich den 1990 gedrehten Film „Hitlerjunge Salomon“ angeschaut, der die Überlebensgeschichte Sally Perels erzählt. Und sie hatten sich zusammen mit ihren Geschichtslehrern überlegt, welche Fragen sie dem Zeitzeugen aus einer Zeit stellen wollten, die sie nur aus dem Geschichtsbuch kennen. Am Ende seines ergreifenden Lebensberichtes sagte Perel seinen jungen Zuhörern: „Die Geschichte ist die wichtigste Lehrmeisterin der Menschheit, und Zeitzeugen sind die besten Geschichtslehrer. Aber die Zeitzeugen meiner Generation wird es nicht mehr lange geben. Doch jetzt, wo ihr meine Lebensgeschichte gehört habt, seid auch ihr Zeitzeugen, und ich gebe euch den Auftrag, dass ihr das Gehörte und eure Erfahrungen an eure Kinder und Kindeskinder weitergebt, damit sich eine menschliche Katastrophe wie sie meine Generation erleben musste, niemals wiederholen kann.“

Schüler haben die Botschaft verstanden

Die Fragen, die Luisa Schleinitz (16), Tom Herzberg (17), Till Herrmann (16) und Xenia Schetter (17) Sally Perel stellten, zeigten, dass sie seine Botschaft verstanden hatten. Und die brutal ehrlichen Antworten, die sie von dem in Peine geborenen und in Israel lebenden Sally Perel bekamen, zeigen, dass der Holocaust-Überlebende seinen Auftrag als Zeitzeuge bis zuletzt zu seiner Lebensaufgabe macht. „Wie fühlen Sie sich mit ihrer Lebensgeschichte, wenn Sie hier heute unter deutschen Jugendlichen sitzen?“, wollen seine jungen Interviewer wissen: „Ich spüre, dass mein Überleben einen Sinn hat und dass ich meine Mission erfüllt habe, wenn ich auch nur einen Jugendlichen, der mit rechtsextremen Ideen liebäugelt, durch meine Lebensgeschichte eines Besseren belehrt habe“, sagte Perel. Dann wollten die Jugendlichen wissen, was aus Perels Bruder geworden ist, der das KZ Dachau überlebt hat, aber inzwischen verstorben ist. „Mein älterer Bruder war für mich mehr Vater als Bruder. Als wir uns 1945 wiedersahen und in die Arme fielen, haben wir wild gelacht. Und er hat mir die Kraft für das Weiterleben gegeben, in dem er mir sagte: ,Mir ist egal, wie du überlebt hast. Mir ist nur wichtig, dass du überlebt hast’“, erklärte Perel.

In der israelischen Friedensbewegung aktiv

Zum Schluss des Gespräches fragten die Broicher Gymnasiasten Perel, ob er im Nahen Osten einen Weg zum Frieden sieht. „Ich bin in der israelischen Friedensbewegung aktiv, weil ich glaube, dass man dem Frieden nachlaufen muss. Wenn ein Frieden funktionieren soll, muss er gerecht sein. Und das bedeutet für mich, die israelischen Siedler müssen die besetzten Gebiete räumen und es muss neben dem Staat Israel eine Staat Palästina mit der Hauptstadt Ost-Jerusalem entstehen.“

Xenia, Luisa, Tom und Till waren sich anschließend einig: „Das Gespräch mit Sally Perel hat uns emotional bewegt und uns eine viel tiefer gehende Vorstellung davon vermittelt, was während des Nationalsozialismus passiert ist.“

>>> OPFER AUS MÜLHEIM

Ab Herbst 1941 wurden Bürger jüdischen Glaubens in Mülheim in so genannten „Judenhäusern“ interniert und dann vom damaligen Hauptbahnhof an der Friedrich-Ebert-Straße in die Konzentrationslager Riga, Auschwitz und Theresienstadt sowie in das Ghetto Lodz deportiert.


Es kamen mindestens 266 Mülheimer Juden ums Leben.

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