Forensik

Laut Rechtsmediziner bleiben viele Verbrechen unaufgeklärt

Blick in ein  Rechtsmedizinisches Institut.

Foto: Stefan Sauer

Blick in ein Rechtsmedizinisches Institut. Foto: Stefan Sauer

Mülheim.   Der Forensiker Prof. Klaus Püschel tritt im Bürgersaal in Saarn auf. Er fordert mehr Rechtsmedizin – auch zur Vorbeugung von Misshandlungen.

Er untersuchte als Rechtsmediziner eine Moorleiche, der sogenannte Hamburger Störtebekerschädel war einer seiner spektakulären Fälle, der tote CDU-Politiker Uwe Barschel gehörte mit zu den prominentesten Leichen auf seinem Tisch, das zu Tode misshandelte Mädchen Yagmur aus Hamburg hat ihn sehr berührt, und im Fall Kachelmann wurde Prof. Dr. Püschel ebenfalls zu Rate gezogen. Püschel gilt international als Kapazität auf dem Gebiet der Rechtsmedizin. Über seine Arbeit und faszinierende Fälle wird er am Donnerstag, 23. April, im Bürgersaal von Kloster Saarn berichten.

Warum haben Sie sich für Patienten entschieden, die nicht mehr sprechen? Warum nicht Orthopäde, Internist, Augenarzt?

Prof. Dr. Klaus Püschel: Ich wollte eigentlich Sportmediziner werden. Ich habe schon früher viel Sport getrieben. Alles lief darauf hinaus. Doch der letzte Zyklus in der Arztausbildung befasste sich mit der Rechtsmedizin. Das war in Hannover. Ich fand es sehr spannend, es war eine Alternative. Später war ich unter anderem Institutsleiter der Rechtsmedizin an der Uni Essen. Kein Tötungsdelikt blieb in der Zeit unaufgeklärt.

Enge Kooperation mit der Polizei

Rechtsmediziner werden Detektive in Weiß genannt. Stört Sie das?

Prof. Dr. Püschel: Das ist in Ordnung. Ich bin auch Ehrenkommissar der Hamburger Polizei. Ich kooperiere eng mit der Polizei, stelle aber keine eigenen Ermittlungen an oder jage Täter, wie es im Fernsehen beim Tatort zuweilen zu sehen ist. Ich widme mich medizinischen, biologischen und naturwissenschaftlichen Fragen am Leichnam. Die Antworten stelle ich Polizei und Justiz zur Verfügung.

Im Fernsehen gibt es immer mehr Rechtsmediziner. Im echten Leben auch?

Prof. Dr. Püschel: Leider nicht. Da gibt es die gegenteilige Entwicklung. In Deutschland ist ein Drittel der Rechtsmedizinischen Institute geschlossen worden.

Haben Sie eine Erklärung?

Prof. Dr. Püschel: Weil der Staat kein so großes Interesse an Aufklärung hat. Die Statistiken über Gewalt und Verbrechen sähen anders aus, wenn mehr Rechtsmediziner darauf schauten.

Es geht auch um lebende Opfer

Sie hielten das für erforderlich?

Prof. Dr. Püschel: Ja, vor allem, weil es auch um lebende Opfer geht. Denken Sie an Kindesmisshandlungen, an Gewalt, die ältere Menschen erfahren, oder auch an Vergewaltigungen. Wir können schon feststellen, ob ein kleines Kind vom Wickeltisch gefallen oder misshandelt worden ist. Oder woher die blauen Flecke bei einem alten Menschen kommen. Aber wenn man nicht genau hinschaut, nicht hinterfragt, dann geht Gewalt vielleicht weiter, vielleicht schlägt ein Elternteil dann noch fester zu. Ich glaube, dass viele Verbrecher unentdeckt bleiben, sicherlich mit regionalen Unterschieden. Wir in Hamburg stehen da noch recht gut da.

Dabei wird in Deutschland eigentlich alles Mögliche recht genau untersucht.

Prof. Dr. Püschel: Sicher, für den Verbraucherschutz messen wir kleinste Konzentrationen, Schadstoffe in geringsten Mengen. Beim Tod sind wir davon weit entfernt. Die Zahl der Sektionen liegt unter fünf Prozent.

Mördern das Handwerk legen

Wie hilft Ihnen heute der technische Fortschritt bei der Aufklärung der Todesursache?

Prof. Dr. Püschel: Enorm. Früher haben wir von außen die Leiche angeschaut und sie aufgeschnitten. Heute schicke ich den Toten durch verschiedene Bildgebungsverfahren. Ich scanne ihn von außen ab, mache eine Computertomographie und betrachte die Knochen. Die Magnetresonanztomographie hilft mir bei den Weichteilen. Über die Endoskopie dringe ich in die Körper ein. Ich verfüge über Roboter-gestützte OP-Verfahren. Bei allem sitze ich auf einem Schienensystem am Mischpult und erstelle sämtliche Diagnosen.

Auf Ihrem Anrufbeantworter appellieren Sie, positiv zu denken. Ist das bei so viel Leichen und Verbrechen für Sie möglich?

Prof. Dr. Püschel: Es gelingt mir sogar gut. Ich habe einen sehr interessanten Beruf, der mir Spaß macht. Und ich kann noch viel für die Lebenden tun, in der Prävention oder allein dadurch, indem einem Mörder durch meine Arbeit das Handwerk gelegt wird. Überhaupt kenne ich viele Rechtsmediziner, die sehr positiv gestimmt sind.

Todesfälle im Sport

Und was ist aus dem Sport und dem Wunsch nach Sportmedizin geworden?

Prof. Dr. Püschel: Mit Sportmedizin befasse ich mich auch noch, und nicht nur mit Todesfällen im Sport. Ich treibe als Ausgleich viel Sport. Ich mag Ballspiele. Früher habe ich mal im Team der Tischtennis-Nationalmannschaft gespielt. Heute fahre ich im Hamburger Land viel Rad, und ich reite. Ich habe auch Island Pferde.

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