Frau verschwunden

Polizei geht in Mülheimer Vermissten-Fall von Verbrechen aus

100 Polizeischüler durchkämmten das weitläufige Jagd-Areal in der Rhön auf der Suche nach der vermissten Mülheimerin.

100 Polizeischüler durchkämmten das weitläufige Jagd-Areal in der Rhön auf der Suche nach der vermissten Mülheimerin.

Foto: Tim Bachmann/Kinzigtal Nachrichten

Mülheim.   Im Fall der vermissten Birgit Rösing genannt Storck wird ein Verbrechen immer wahrscheinlicher. Zwei Rätsel muss die Polizei noch lösen.

Die Tochter hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben: „Liebe Mama, wenn du das liest, dann komme bitte schnell zu uns zurück, wir vermissen dich unheimlich und denken jede Sekunde an dich“, schreibt die junge Frau auf ihrem Facebook-Profil, das öffentlich zugänglich ist. Mehr als 1000 Kommentare stehen unter dem Posting. Den Suchaufruf teilten mehr als 10.000 Nutzer. Verschwunden bleibt Birgit Rösing genannt Storck trotzdem bis heute. Längst liegt der Fall bei der Polizei nicht mehr in der Vermissten-Abteilung, sondern inzwischen beim KK 11. Dem Kommissariat, in dem auch Tötungsdelikte untersucht werden. „Der Fall beschäftigt uns besonders intensiv“, sagt dessen Leiter Bodo Buschhausen, „es ist wahrscheinlich, dass Rösing Opfer eines Kapitalverbrechens geworden ist.“

Bankkarte, Personalausweis, Handy, Bargeld und Auto lässt die Vermisste zurück

Die Mülheimerin ist zuletzt am 26. September, einem Mittwochabend, gegen 22 Uhr von ihrem Mann und ihrem Sohn im gemeinsamen Haus an der Alten Straße gesehen worden. Dort lebt die Familie in voneinander getrennten Bereichen über mehrere Etagen. Schnell werden die Ermittler stutzig, dass die damals 58-Jährige aus freien Stücken verschwunden sein könnte. Es sind zu viele Aspekte, die dagegen sprechen: Es gab keinen Abschiedsbrief, es gab keine suizidalen Absichten. „Komplett ausgeschlossen“, sagt die Polizei. Sie galt als zuverlässig und fürsorglich. Sie hatte eine enge Bindung zu ihren Kindern. Neben dem noch zu Hause lebenden Sohn gibt es noch zwei weitere und die Tochter, die inzwischen ausgezogen sind. „Sie war das emotionale Zentrum der Familie“, sagt Martin Mende, der leitende Staatsanwalt in dem Fall.

Rösing lässt alles Persönliche zurück: Bankkarte, Personalausweis, Handy, Bargeld. Auch den Wagen, ohne den sie selten das Haus verlassen hat. „Wo soll jemand hin, der nichts dabei hat und warum? Es gibt keinen Grund für das Verschwinden“, sagt Kommissionsleiter Stephan Merscheim.

Der Ehemann bricht am Donnerstag zu einem Termin nach Norddeutschland auf. Der Sohn alarmiert am späten Freitagnachmittag die Polizei. Eine Streifenwagenbesatzung fährt hin, durchsucht das Haus und die nähere Umgebung - und findet nichts. Am Samstag stellen Mann und Sohn dann gemeinsam auf der Wache noch eine offizielle Vermissten-Anzeige.

Polizei durchsucht alte Ibing-Brauerei und Steinbruch

In den folgenden Tagen und Wochen betreibt die Polizei einen immensen Aufwand, um Rösing zu finden: tot oder lebendig. Taucher durchkämmen die Ruhr und die Wasserbecken am Steinbruch Rauen in der Nähe. Auf dem verfallenen Gelände der ehemaligen Ibing-Brauerei lässt die Polizei Hecken zurückschneiden und das Areal von Leichenspürhunden durchsuchen. Am 1. Oktober gehen die Ermittler an die Öffentlichkeit. Auch mit einem Foto der Vermissten wird um Hinweise gebeten. Die Resonanz darauf sei bescheiden gewesen, sagt KK-Leiter Buschhausen.

Parallel dazu laufen die Suchmaßnahmen weiter. Am 9. Oktober schlagen sogenannte Mantrailer-Hunde am Haus an der Alten Straße an. Sie führen die Beamten zur nahen A 3 und von dort in Richtung Süden. Bis kurz vor Frankfurt. Immer wieder wird die Autobahn in kurzen Abschnitten gesperrt, damit die Hunde erneut die Fährte aufnehmen können. Zwei Tiere witterten dabei unabhängig voneinander, um die Spurenlage zuverlässiger machen zu können, erklärt Kommissionsleiter Merscheim. Im Wiesbadener Kreuz geht es auf die A 66 in östlicher Richtung, schließlich in ein riesiges Waldgebiet in der Rhön. Tagelang folgen die Ermittler den Spuren, „das dauert ja“, sagt Merscheim.

„Die Route hat uns elektrisiert“, sagt Staatsanwalt Mende. Denn in einem Pachtgebiet in der Rhön ist ein Teil der Familie regelmäßig jagen gegangen. Die Vermisste soll allerdings nicht dazu gehört haben. Mehr als 100 Polizeischüler suchen das großflächige Gebiet oberflächlich ab. Zwei Tage lang. Ohne Erfolg. Fünf Leichenspürhunde, die sich die Essener Ermittler aus Rheinland-Pfalz geliehen haben, kommen zum Einsatz. Aber sie schlagen nicht an.

„Wir sind weiter sehr aktiv mit den Ermittlungen“

Zwei Aspekte stellen die Polizei noch vor Rätsel: Knapp drei Stunden, nachdem Rösing letztmals gesehen worden ist, gegen 0.45 Uhr am Donnerstagmorgen, will der Sohn nicht näher definierbare „Geräusche“ im und vor dem Haus gehört haben, die die Polizei bislang nicht hat zuordnen können. Spuren noch unbekannter Dritter wurden am Haus allerdings nicht sichergestellt. Rösing arbeitete seit dem Auszug der drei jüngsten Kinder bis zu ihrem Verschwinden nebenbei in einer Wohneinrichtung für Demenzkranke. Eine Beschäftigung, die sie sehr geliebt haben soll. Dort meldete sie sich aber am Tag ihres Verschwindens für den Folgetag ab, weil sie am Donnerstag um 14.30 Uhr einen „Termin“ hätte haben sollen. Wo, mit wem und warum, haben die Ermittler bis heute nicht klären können. „Das ist ein Mosaikstein, der uns fehlt“, sagt Staatsanwalt Mende. In diesen beiden Punkten könnten Zeugen der Polizei noch entscheidende Hinweise geben: 0201/829-0.

In dem Facebook-Aufruf, in dem auch die Tochter um Hilfe bittet, schreibt sie: „Es passt nicht zu ihr, dass sie von einem auf den anderen Tag, scheinbar wie vom Erdboden verschluckt, verschwindet.“ „Wir sind weiter sehr aktiv mit den Ermittlungen“, sagt KK-Leiter Buschhausen, „und wir haben noch nicht alle Ermittlungsansätze ausgeschöpft.“ Nur: Große Hoffnungen, dass Rösing nichts zugestoßen ist, können die Ermittler nicht mehr machen.

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