Innenstadt

Politik streitet über Qualität des neuen Stadtquartiers

Die Baustelle des Stadtquartiers aus der Perspektive des ehemaligen Stadtbades.

Foto: Christoph Wojtyczka

Die Baustelle des Stadtquartiers aus der Perspektive des ehemaligen Stadtbades. Foto: Christoph Wojtyczka

Mülheim.   Betonklotz oder belebend? Der Neubau auf altem Kaufhof-Grund stößt noch vor dem Richtfest auf massive Kritik. Der Baudezernent mahnt zur Geduld.

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Ein „erdrückendes, abgrundhässliches Betonmahnmal“ sei es, von der Anmutung einer Häftlingsanstalt sprachen Leser: Kurz vor dem Richtfest ist eine wortstarke Debatte zur architektonischen Qualität des neuen Stadtquartiers Schloßstraße entbrannt – die nun ebenso aufbrausend im Planungsausschuss aufgenommen wurde.

Der Fraktionsvorsitzende des Bürgerlichen Aufbruchs (BAMH), Jochen Hartmann, hatte die Diskussion von der Straße ins politische Gremium getragen. Dazu hatte er Fragen formuliert, die Oberbürgermeister Ulrich Scholten nur spärlich beantwortete – offensichtlich auch deshalb, weil sich gleich mehrere Fragen eher an die Investoren als an die Stadtspitze richteten.

Bürgerlicher Aufbruch bringt Debatte ins Rollen

Warum denn nicht der versprochene Biomarkt komme? Wie denn die Perspektiven von Fitnesscenter und Hotel am Standort seien? Welche Belebung sich die Verwaltung davon verspreche, dass das publikumslos arbeitende Personal- und Organisationsamt dort Räume anmiete? Welche Geschäfte man in der „zu eng geratenen Passage“ meine unterbringen zu können? Bestehe nicht die Gefahr, dass sich die Passage als Angstraum entpuppen werde?

Lediglich auf die zwei letzteren Fragen Hartmanns ließ sich die Stadtverwaltung in einer schriftlichen Stellungnahme ein. Die Passage so anzulegen, sei „eine Entscheidung der Eigentümer, begründet durch unternehmerische Überlegungen“, hieß es. Um Luftqualität und Lichteinstrahlung macht sich die Stadtspitze keine Sorgen. „Der aktuell ,enge’ Eindruck der Passage entsteht durch die Baugerüste“, heißt es. Die Passage sei acht Meter und damit so breit wie jene „urbanen Qualitäten“ im Fußgängerbereich von Löhberg und Kohlenkamp. „Historische Innenstädte sind vor allem durch enge Gassen geprägt. Sie wären nicht so gut frequentiert, wenn es Angsträume wären“, endet die Stellungnahme.

Hartmann: Jetzt haben wir eine Abriegelung

BAMH-Fraktionschef Hartmann war damit nicht zufriedengestellt, sprach davon, dass Computersimulationen einst anderes versprochen hätten. Was sich jetzt herausbilde, sei „äußerst kritisch“ anzusehen, werde sich zum Problem auswachsen. Dass Gastronomen Schlange stehen, um die Passage zu beleben, kann sich Hartmann nicht vorstellen. Und: „Wir wollten Stadt und Menschen an den Fluss bringen. Jetzt haben wir eine Abriegelung, die der Innenstadt nicht gut tut.“

MBI-Fraktionssprecher Lothar Reinhard pflichtete Hartmann bei: „Die Gebäude sind derart massiv, dass es stört. Der Durchgang von der Schloßstraße zur Ruhr ist verbaut. Punkt!“

Wiechering: Jedem musste klar sein, was entsteht

SPD und Planungsdezernent Peter Vermeulen konterten. „Es musste jedem klar sein, dass es ein massiges Gebäude werden würde“, sagte Dieter Wiechering (SPD) als Ausschussvorsitzender. „Diejenigen, die dort eine grüne Wiese haben wollen, hätten das Grundstück ja kaufen können“, sagte er mit Verweis darauf, dass immer schon festgestanden habe, dass sich ein Invest auf dem Areal für Projektentwickler wirtschaftlich auch werde rechnen müssen.

Vermeulen hält die aufkommende Kritik für „verwunderlich“. Er erinnerte daran, dass es lange gebraucht hatte, einen Investor für das verwaiste Kaufhof-Areal zu finden. Die Politik habe das Bauvorhaben seinerzeit mitgetragen. „Wir tun uns jetzt keinen Gefallen, es kaputtzureden“, riet der Dezernent zur Geduld. Vertrauen in die städtebauliche Kompetenz der Investoren forderte SPD-Planungsexperte Claus Schindler ein: „Es ist jetzt ähnlich wie damals bei Ruhrbania. Da wurde auch von öden Wüsteneien geredet.“ Heute sei an der Promenade „das Gegenteil zu sehen“.

>> EXPERTIN WARNT VOR ZUGEBAUTER RUHR

Dr. Monika Steinrücke vom Geographischen Institut der Ruhr-Universität Bochum mahnte am Dienstag im Planungsausschuss an, in der Stadtplanung stärker klimatische Gesichtspunkte zu berücksichtigen.

Steinrücke warnte, dass die Belüftung der Innenstadt über die Kaltluftschneisen des Rumbachtals und der Ruhr in Zukunft aufgrund der steigenden Zahl an heißen Sommertagen an Bedeutung stark zunehmen werde.

Kaltluftschneisen im Rumbachtal seien frei zu halten von Bebauung. Der Uferraum der Ruhr sei „möglichst offen zu gestalten“. Nicht dichte Riegel-, sondern Querbebauung sei zu empfehlen.

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