Broicher Schlossnacht

Poesie trifft Akrobatik bei der Broicher Schlossnacht

Das Bencha-Theater aus den Niederlanden brachte poetische Momente in den Schlosshof:  Eine Opernsängerin und drei Artisten gingen in die Luft.

Foto: MÜLLER, Oliver

Das Bencha-Theater aus den Niederlanden brachte poetische Momente in den Schlosshof: Eine Opernsängerin und drei Artisten gingen in die Luft. Foto: MÜLLER, Oliver

Mülheim.   9. Schlossnacht bezaubert Besucher mit buntem Reigen unterschiedlicher Show-Acts von Menschen mit und ohne Handicap vor stimmungsvoller Kulisse.

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Vor vielen Jahren, als Schneewittchen noch nicht mit sieben vertikal Benachteiligten eine integrative Wohngemeinschaft bildete, da hieß es gelegentlich: Wenn unser Omma Räder hätte, wäre sie ein Omnibus. Was für ein Irrtum! Denn heutzutage ist sie eine reizende ältere Dame, die mit ihrem Elektromobil lässig durch die Gegend kurvt und dabei, auch ohne auf eigenen Füßen zu stehen, das Leben genießt. Und sich dabei auch nicht von der zweifelhaften Wetterlage abschrecken ließ, die inzwischen neunte Broicher Schlossnacht zu besuchen.

Ein kurzweilig getaktetes Programm

Wer es nicht besser wusste, der musste im Laufe des kurzweilig getakteten Programms so manches mal schon genauer hinschauen, um zu erkennen, das dieses Festival etwas Besonderes ist und in dieser Form ganz und gar nicht selbstverständlich. Präsentierte Veranstalter Gert Rudolph vom Verein „Art Obscura“ unter der dezenten Prämisse „integrative Elemente“ doch einen bunten Reigen unterschiedlichster Show-Acts von Menschen mit und ohne Handicap.

Etwa gleich hinter dem Schlosstor das von der Theodor Fliedner Stiftung initiierte und von der Holländerin Lidy Mouw betreute Projekt „Theater im Dorf“. Einfach nur entzückend, wie hingebungsvoll einige weißgewandete Herren mit Kreissäge-Hut da hinter Staffeleien saßen und jeden Besucher, der wollte, genüsslich porträtierten.

Lehrstunde in Sachen Kommunikation

„Wir malen nur, was wir sehen“, erklärt der 36-jährige Alexander, der seine Arbeiten stolz als „Rembrandt van Rijn“ signiert. Kohle nehme man, so der wegen einer Spastik schwerverständliche, aber wortgewandte Zeichenkünstler, weil „das außergewöhnlich ist, das macht ja sonst kaum einer“. Allzu viele ließen sich freilich nicht auf ein längeres Gespräch mit Alexander ein und bekamen dafür später von dem Wortakrobaten Marcus Jeroch eine Lehrstunde in Sachen „Kommunikation“ verpasst.

Der demonstrierte nämlich außer einigem Sprachwitz auch zungenflink, derweil der Himmel kurz weinte, dass auch ein um zwei Buchstaben bereinigter Text durchaus verständlich ist, sofern man sich auf ihn einlässt. Ob wenigstens einige seiner begeisterten Zuhörer daran denken, wenn sie das nächste Mal Alexander begegnen?

Bassklarinettist mit sonoren Improvisationen

Bewegend war dieses Festival aber nicht nur deshalb, weil der Bassklarinettist Markus Zaja mit sonoren Improvisationen die Besucher von einer Bühne zur nächsten zog. Da bezauberte der 60-jährige Justin vom französischen Ensemble „Rue Pietonne“ mit aberwitzig aus Papier gefalteten Figuren: Origami-Kunst par excellence, zum Staunen schön. Während Martin Gérard erst ebenso virtuos wie amüsant mit Bällen und Keulen jonglierte, um sich dann als behindert zu outen.

Natürlich gab’s zwischendurch auf was auf, nein: für die Ohren. Pulsierende Trommelabenteuer von „Qualm 4“ ebenso wie den heiteren „Surfsound“ der vergnügt aufspielenden Combo „Los Santos“.

Den stärksten Eindruck hinterließ jedoch Neele Buchholz in dem poetischen Tanzprojekt „Gemeinsam.Gemein.Sein.“ von tanzbar_bremen, die gemeinsam mit zwei weiteren Tänzerinnen voller Leichtigkeit vergessen machte, dass man hier einer Künstlerin mit Down-Syndrom begegnete.

Tosender Applaus aus dem Publikum

Tosender Applaus, der gleichermaßen einer tollen Performance wie einem Paradebeispiel gelungener Integration galt. Als schließlich kurz vor Mitternacht auch noch traditionsgemäß der „Flying Wheelchair“ über dem stimmungsvoll beleuchteten Schlosshof schwebte, da gab es endgültig lauter glückliche Gesichter. Bei groß und klein, Behinderten und Nicht-Behinderten. Fantastisch, so wie dieses wunderbare Festival.

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