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Notsprechstunde im griechischen Flüchtlingslager

Operation unter einem Zeltdach mit einfachsten Mitteln und örtlicher Betäubung: Diesem Flüchtling aus Pakistan entfernte der Chirurg Dr. Elmar Kreisel einen blutenden Tumor aus der Nase.

Operation unter einem Zeltdach mit einfachsten Mitteln und örtlicher Betäubung: Diesem Flüchtling aus Pakistan entfernte der Chirurg Dr. Elmar Kreisel einen blutenden Tumor aus der Nase.

Mülheim.  Noteinsatz in Nordgriechenland: Zwei Wochen lang arbeitete der Mülheimer Chirurg Dr. Elmar Kreisel ehrenamtlich in Zeltlagern.

Er hat zwei Wochen seines restlichen Jahresurlaubs genommen und ist nach Griechenland geflogen. Eine Auszeit war es, aber als Ferien würde Dr. Elmar Kreisel diese Reise sicher nicht bezeichnen. Der Oberarzt, Facharzt für Hand- und Unfallchirurgie am Mülheimer St. Marien-Hospital, war dort ehrenamtlich in Flüchtlingscamps im Einsatz.

Entsandt hat ihn die Hilfsorganisation Humedica e.V., der sich der Mediziner vor zwei Jahren angeschlossen hat, bewegt von Medienberichten insbesondere über das Elend geflüchteter Kinder, wie er sagt. Bewusst habe er ein Projekt mit christlichem Hintergrund ausgewählt, „da ich selber Christ bin“, er sei aktives Mitglied in einer evangelisch-freikirchlichen Gemeinde.

In der Region um Thessaloniki arbeitete Kreisel ab Ende November 14 Tage lang mit einem multinational besetzten Team, das sich um zwei unterschiedliche Camps kümmert. Dazu gehört das Lager in Vagiochori, kleine Zelte auf kargem Boden, in denen momentan knapp 60 Menschen leben – unter Bedingungen, die den Mülheimer Arzt entsetzten. „Als es einen Kälteeinbruch gab und Schnee fiel, hatten die Leute dort weder Strom noch Wasser, da die Leitungen eingefroren waren. Wir haben einige aus den Zelten geholt, die darin offenes Feuer gemacht hatten.“ Man habe Schlafsäcke organisiert und eine zusätzliche warme Mahlzeit am Tag.

Praktische Alltagshilfe, das Verteilen von Windeln oder Winterjacken, gehörte mit zu seiner freiwilligen Arbeit, die er als „24-Stunden-Job“ bezeichnet. Insbesondere aber war er zuständig für die tägliche allgemeinmedizinische Sprechstunde, die die geflüchteten Menschen mit den unterschiedlichsten Leiden aufsuchten: „Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Rückenschmerzen. Viele haben aber auch psychosomatische Krankheiten wie Magenschmerzen, Neurodermitis oder Ekzeme.“

Nun ist der 49-Jährige zwar Experte unter anderem für Verbrennungsmedizin und erfahren in der Notfallambulanz, aber kein Facharzt etwa für Kinderheilkunde. Um sich auf seinen Einsatz im Flüchtlingslager vorzubereiten, habe er in der Kinderarzt-Praxis eines Freundes hospitiert. In allen kritischen Fällen wurden jedoch Notfalltransporte organisiert und die Patienten in griechische Krankenhäuser gebracht. So kam auch ein Säugling in die Klinik, der im Flüchtlingslager geboren wurde und vermutlich an einer hartnäckigen Gelbsucht leidet, wenn nicht an Schlimmerem.

Dr. Elmar Kreisel, selbst Vater von drei Kindern, hält auch jetzt nach seiner Rückkehr noch Kontakt zu den Kollegen im Camp: „Ich erkundige mich täglich per WhatsApp, wie es dem Baby geht.“

Seit Montag hat ihn nun der gewohnte Arbeitsalltag im St. Marien-Hospital wieder. Durch den ersten Einsatz für Humedica habe sich sein Blick auf manche Dinge verändert, so seien ihm die materiellen Zwänge noch stärker bewusst, unter denen Ärzte wie er in Deutschland arbeiten. Die Sprechstunde im Flüchtlingslager erlebte Dr. Elmar Kreisel so: „Man hatte mehr Zeit, mit den Leuten auch mal ein persönliches Wort zu reden oder sogar jemanden in den Arm zu nehmen. Das tut man in der Ambulanz nicht.“ Er lernte Menschen kennen, „die etwas verändern wollen und dafür einiges auf sich nehmen“.

Nun hofft der Arzt, dass er im bald beginnenden Jahr wieder zu einem Noteinsatz gerufen wird.

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