Fehlbildungen

Noah mit dem „kurzen Arm“: Wie ein Mülheimer Junge Mut macht

Noah baut sehr gerne mit Lego, wie es viele kleine Jungen in seinem Alter tun. Der Achtjährige kam ohne rechten Unterarm zur Welt.

Noah baut sehr gerne mit Lego, wie es viele kleine Jungen in seinem Alter tun. Der Achtjährige kam ohne rechten Unterarm zur Welt.

Foto: Michael Dahlke / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Noah aus Mülheim ist mit einer Fehlbildung des rechten Unterarms zur Welt gekommen. Der Achtjährige sagt: „Das ist alles gar nicht so schlimm.“

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Noah ist an diesem Nachmittag ganz schön aufgeregt. Ach was, nicht nur an diesem Tag – sondern eigentlich schon seitdem er weiß, dass die Zeitung kommt. Zu ihm, dem kleinen Jungen, dem Achtjährigen, der ganz besonders ist. Neben aller Aufregung freut er sich auch. Denn: „Dann kann ich all den anderen Kindern sagen, dass das alles gar nicht so schlimm ist.“

Der Mülheimer Junge Noah kommt zehn Wochen zu früh zur Welt

Noah kommt am 22. April 2011 zur Welt, zehn Wochen vor dem errechneten Termin. Während des Frankreich-Urlaubs. Doch schon seit der 22. Schwangerschaftswoche, seit dem Organ-Screening, ist Steffi Burisch klar, dass ihr Kind ohne rechten Unterarm zur Welt kommen wird. Alle Anlagen sind da, eine ausgebildete Hand hat Baby Noah nicht.

Was für ein Schock! Oder doch nicht? Steffi Burisch muss lachen, wenn sie von ihren ersten Gedanken nach der Nachricht erzählt. „Ich habe nur gedacht: Super, ich muss kein Klavier kaufen!“ Und dann kamen direkt die nächsten: „Er kann ja auch Marathon laufen.“ Und sie nahm diese Fügung an. Die 43-Jährige schränkt aber ein: „Es war gut, dass ich es vorher wusste. Denn es hätte mich sicherlich noch zurückgeworfen.“

Weitere Fälle bei Neugeborenen in Gelsenkirchen, Datteln, Dorsten und Witten

Obwohl Noah schon seit so vielen Jahren mit seinem „kurzen Arm“, wie er ihn nennt, lebt, ist seine Geschichte in den vergangenen Monaten mit einem Mal wieder ganz aktuell. Im September war bekannt geworden, dass am Gelsenkirchener Sankt-Marien-Hospital zwischen Juni und Anfang September eine ungewöhnliche Häufung von Hand-Fehlbildungen bei Neugeborenen beobachtet worden war. Kurz nachdem die Fälle öffentlich wurden, hatten sich weitere betroffene Familien aus den Städten Datteln, Dorsten und Witten gemeldet.

Das Gesundheitsministerium des Landes NRW verlangte nach Klärung, sämtliche Kliniken des Landes mit geburtshilflichen Abteilungen bekamen Post. Außerdem wurden Daten der Ärztekammern zur Qualitätssicherung abgefragt. Mit Stand 27. September 2019 lauten die Ergebnisse: Für die Jahre 2017, 2018 und 2019 wurden 72, 64 beziehungsweise 61 Fehlbildungen der oberen Extremitäten gemeldet. Das Statement dazu: „Ohne weitere Bewertung seien anhand der vorliegenden Daten keine offensichtlichen Trends und regionalen Häufungen erkennbar.“

Noah malt und bastelt am allerliebsten – und möchte mal Erfinder werden

Steffi Burisch nimmt es tatsächlich an, wie es gekommen ist. „Wieso, weshalb, warum – das ist nun auch egal“, sagt sie. „Natürlich musste man sich auch erstmal damit arrangieren, aber es ist ja kein Weltuntergang.“ Das findet Noah mit dem „kurzen Arm“ übrigens auch, dieser kleine, kluge, clevere Kerl, der ebenfalls stolzer großer Bruder vom noch kleineren Mika ist. Der mal Erfinder werden möchte – „dann würde ich eine Zeitmaschine bauen, oder eine Rakete“, sagt er begeistert. Einverstanden, eine Zeitmaschine wäre nahezu perfekt.

Wenn man ihn so fragt: In der Schule liebt er das Rechnen, ach ja, und das Fach Kunst. „Das ist es auch, was er am allerliebsten macht: malen und basteln. Das konnte er immer schon gut“, berichtet Stefanie Burisch, die an der Duisburger Schule für Kranke als Lehrerin tätig ist. Was er auch immer schon gut konnte, auch zu Baby-Zeiten: „fröhlich und aufgeschlossen sein“, berichtet Noahs Mama. Vielleicht hilft das über manche schwierige Situation hinweg, vielleicht sind es auch die guten, langen Kontakte zu anderen Kindern, wie Steffi Burisch berichtet.

Zwei mögliche Ursachen für Noahs Fehlbildung

Überhaupt macht der clevere Noah all das, was Kinder mit zwei langen Armen so tun. Er fährt Rad und zeigt sofort, wie das mit kurzem Arm eigentlich geht. „Und schwimmen mag ich auch“, erzählt er und strahlt. Und macht direkt die perfekte Schwimmbewegung nach. Fehlt da was? Man kann nichts erkennen.

Was Ursache für Noahs Fehlbildung ist – Steffi Burisch hat dafür zwei Ansätze. In Frankreich, kurz nach Noahs Geburt, vermuteten die Ärzte, dass sich die Follikelhaut nicht vollständig gelöst habe. Das habe das Wachstum verhindert. Später dann in Deutschland hatten die Ärzte eine andere Erklärung: „Die Nabelschnur könnte sich um den Arm gewickelt haben“, erläutert Steffi Burisch. Generell aber sei eine Diagnose „gar nicht so einfach bis schwierig“.

Ein Prothese war für die Mülheimer Familie nie wirklich ein Thema

„Dass ich komisch angeguckt werde, damit kann ich leben. Aber trotzdem ist es manchmal nicht so schön“, sagt Noah aber auch und es wirkt so erwachsen, so reif. Doch eigentlich gibt es wenige Situationen in Noahs Leben, in denen er auf seinen „kurzen Arm“ reduziert wird. Wenn es ihm zu viel wird, dann lässt er einfach die Ärmel baumeln, verdeckt, was er nie gehabt hat.

„Oft werde ich aber auch angesprochen von anderen Eltern, denen es ganz lange zunächst nicht aufgefallen ist, dass Noah nur eine Hand hat“, weiß Steffi Burisch. Eine Prothese, die Hand oder Unterarm ersetzt, „war nie wirklich ein Thema“, erklärt die Mülheimerin. Sicher, es gab Überlegungen, besonders als es auf Noahs Einschulung zuging. Aber auch der Kleine sagte: „Ich glaube, ich fühle mich damit total behindert.“

Noah ist ein Kind mit besonderen Fähigkeiten

Seine Mama würde ihr Kind übrigens noch ganz anders beschreiben: als „willensstark, sehr mitfühlend, empathisch und sehr sozial“. Sie beschreibt ganz treffend mit mehreren Worten, was das Leben mit Noah eigentlich ausmacht: „Warum sehen es alle immer so negativ? Er ist ein Kind mit besonderen Fähigkeiten, es ist schön, dass er genau so ist wie er ist.“

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