Schmuckdesign

Nicht nur zur Weihnachtszeit: Glasperlenparadies in Mülheim

In ihrer Perlenwerkstatt in Mülheim-Heißen bietet Jutta Tolzmann (2.v.re.) regelmäßig Kurse an. Dort kann man individuelle Schmuckstücke gestalten.

In ihrer Perlenwerkstatt in Mülheim-Heißen bietet Jutta Tolzmann (2.v.re.) regelmäßig Kurse an. Dort kann man individuelle Schmuckstücke gestalten.

Foto: MATTHIAS GRABEN / FFS

Mülheim.  Hobby und Beruf, Laden, Lernort und Treffpunkt - die Perlenwerkstatt von Jutta Tolzmann in Mülheim ist alles zugleich. Wir haben sie besucht.

Die Perlenwerkstatt von Jutta Tolzmann in Heißen ist ein besonderer Ort: eine Oase aus Farben, Formen und Fantasie, der krasse Gegenentwurf zum nass-grau-kalten Winterwetter draußen vor der Tür. Seit mehr als 15 Jahren gestaltet die Mülheimerin Schmuck aus Glasperlen und bringt dieses Kunsthandwerk in speziellen Workshops anderen bei.

„Auf Draht“ hat die 59-Jährige ihr kleines Geschäft genannt, es liegt im Erdgeschoss des Hauses, in dem sie mit ihrer Familie wohnt. Sehr hell ist der Raum und sehr aufgeräumt. Das muss er auch sein: In kleinen Schubladen, Fächern und Röhrchen verwahrt Jutta Tolzmann Hunderttausende, vermutlich Millionen von Glasperlen in allen erdenklichen Farbtönen und Formen.

Inventur in der Perlenwerkstatt wäre eine Lebensaufgabe

Allein von Swarovski- und Miyuki-Perlen bietet sie nach eigener Auskunft mehr als 1400 verschiedene Artikel an. Eine Inventur in diesem Geschäft wäre eine Lebensaufgabe. Wenn größere Mengen zu Boden fallen, leistet mitunter der Staubsauger erste Hilfe, mit folgendem Expertinnentrick: „Über das Rohr wird ein alter Socken gezogen, daran bleiben die Perlen hängen.“

Die Regel ist aber, dass die Perlen oberhalb der Tischplatte bleiben und aus ihnen Schmuckstücke geschaffen werden. Eine Tätigkeit, für die man viel Zeit und Geduld, Fingerspitzengefühl und gute Augen braucht - oder die passende Brille: „Manche merken erst in den Kursen, dass sie mal wieder zum Optiker müssen“, berichtet die Kunsthandwerkerin.

Viele Anleitungen selbst entwickelt

Mit Anschauungsstücken aus eigener Fertigung hat sie ihren Laden dekoriert: Ketten, Colliers, Ohrhänger, Armbänder für jeden Geschmack, filigran-zierlich bis wuchtig-pompös. Mit schlichtem Auffädeln ist es da nicht getan. Unzählige Arbeitsstunden stecken in diesen Unikaten. Viele Anleitungen hat Jutta Tolzmann selbst entwickelt, mit mathematischem Ansatz, hat teilweise lange überlegt und experimentiert, um die Form hinzubekommen, die ihr vorschwebte.

Mit Mode und Design beschäftigt sich die Mülheimerin schon seit vielen Jahren. Gelernt hat sie eigentlich Bekleidungsfertigerin, bildete sich fort als Schnittdirectrice und war - wie sie berichtet - als Produktionsleiterin in Modeunternehmen tätig. Allerdings: „Jeder Betrieb, in dem ich war, hat irgendwann Konkurs angemeldet.“ Mit der Geburt ihrer Tochter vor 21 Jahren übernahm sie die traditionelle Rolle als Familienfrau und verabschiedete sich aus dem Berufsleben.

Workshops fanden anfangs zu Hause am Küchentisch statt

Ganz klein hat es dann mit dem Schmuckdesign angefangen, erst nur aus Interesse und privatem Vergnügen, dann immer versierter, professioneller. Die ersten Workshops veranstaltete Jutta Tolzmann mit Freundinnen und Bekannten rund um den heimischen Küchentisch. Seit dem Umzug ins eigene Haus vor zwölf Jahren hat sie endlich Platz für ein eigenes Atelier, das zugleich als Kursraum dient.

In diesem Sinne hat die Mülheimerin sich selbstständig gemacht, „allerdings immer nur halbtags“. Sie ist nicht darauf angewiesen, ihren Lebensunterhalt mit der Perlenwerkstatt zu verdienen. „In dem Fall müsste ich es auch anders betreiben, auf Facebook und generell in den digitalen Medien präsenter sein.“

Ohnehin wäre es kaum möglich, angemessene Preise für die Kreationen zu erzielen. Denn das Perlenfädeln ist eine langwierige Sache. So stecken beispielsweise in einem Kaleidozyklus-Armband aus aneinandergereihten Pyramiden rund 40 Stunden Arbeit mit geübten Händen. Jutta Tolzmann verkauft ihre Schmuckstücke daher nur selten, ist auch auf Weihnachtsmärkten nicht vertreten, sondern konzentriert sich eher auf Workshops und den Verkauf von Material.

Erst ein einziger männlicher Kursteilnehmer

Dabei hat sie - man ahnt es schon - ganz überwiegend mit Frauen zu tun. „Gelegentlich kommen Männer in den Laden, die hier Gutscheine für ihre Partnerinnen kaufen“, berichtet sie. Bei den Kursen habe bislang erst ein einziges Mal ein männlicher Teilnehmer mit am Tisch gesessen, eine nette Geste von ihm: „Er hatte seiner Mama den Workshop zum Muttertag geschenkt und ist dann mitgekommen.“

Seit fast zwei Jahrzehnten widmet sich die 59-Jährige nun den Glasperlen und entdeckt immer noch neue Variationen, entwickelt neue Vorlagen. „Das Thema Recycling wäre auch noch interessant. Man kann alte Ketten aufpeppen, zum Beispiel Erbstücke, indem man sie zerlegt und mit modernen Elementen neu zusammensetzt.“ Eine mögliche Richtung, in die es für die Schmuckdesignerin künftig gehen könnte.

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