Kommunalwahl

Mülheims Waldorfschüler fühlen OB-Kandidaten auf den Zahn

Die Mülheimer OB-Kandidaten Monika Griefahn und Marc Buchholz waren am Mittwoch zu Gast in der Mülheimer Waldorfschule. Sie stellten sich den Fragen von rund 200 Schülern, darunter sehr viele Erstwähler. Geschichtslehrer Daniel Wendler moderierte die Runde.

Die Mülheimer OB-Kandidaten Monika Griefahn und Marc Buchholz waren am Mittwoch zu Gast in der Mülheimer Waldorfschule. Sie stellten sich den Fragen von rund 200 Schülern, darunter sehr viele Erstwähler. Geschichtslehrer Daniel Wendler moderierte die Runde.

Foto: Oliver Müller / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Mülheimer Erstwähler hatten die Chance, Monika Griefahn und Marc Buchholz hautnah zu erleben. Sie hätten sich mehr konkrete Aussagen gewünscht.

Buchholz oder Griefahn? Diese Frage treibt auch rund 200 Schüler der Jahrgangsstufen 10 bis 13 der Mülheimer Waldorfschule um. Die allermeisten waren Erstwähler bei der Kommunalwahl vor zwei Wochen. Sie verfolgen gespannt, wer ab Sonntag der Stadt vorsteht. Um die Kandidaten besser kennenzulernen und die eigene Wahlentscheidung vielleicht doch noch einmal zu überdenken, hatten die Jugendlichen sie am Mittwoch in die Aula an der Blumendeller Straße eingeladen. Erstes Fazit von Linda Wolf (17): „In vielen Dingen konnte man schwer einen Unterschied zwischen den Ansichten ausmachen.“

In der Vorstellungsrunde machte vor allem der Redeanteil den Unterschied aus: Moderator Daniel Wendler, Lehrer für Geschichts- und Sozialkunde, hatte die Diskutanten aufgefordert, kurz politische Visionen darzustellen. Marc Buchholz (CDU) bedauert das „jahrelange Vakuum in der Verwaltungsspitze durch Ausfall des amtierenden OB“, erwähnt seine 94 Stimmen Vorsprung vor Mitbewerberin Griefahn und stellt „drei von neun Punkten“ seines Plans vor. Unter anderem stehe er dafür, „Brachflächen nicht zuzupflastern“. Monika Griefahn (SPD) will „eine Stadt schaffen, die in die Zukunft schaut“, in der neues Gewerbe angesiedelt werden müsse, um Leben und Arbeiten nebeneinander möglich zu machen. Viele Schlagworte folgen – bis Lehrer Wendler aufs Ungleichgewicht der Redebeiträge hinweist.

Schülerin wünscht sich harte Deadline für die Klimaziele

Eine Schülerin – ausgestattet mit grüner Maske, die Rückschlüsse auf Präferenzen nahelegt –, eröffnet den Frage-Reigen. Wie genau das zu verstehen sei, dass Monika Griefahn „von 2035 bis 2040“ spreche, um ihre Klimaziele zu erreichen. Warum es nicht möglich sei, eine harte Deadline festzulegen. Sie lernt, dass die SPD-Frau die Sache differenziert sieht: Bis 2035 strebe man eine „klimaneutrale“ Stadt an. Dass Mülheim sogar „klimapositiv“ werde – also mehr Energie erzeugt, als sie verbrauchen kann –, werde dann der nächste Schritt sein.

Beim Thema Verkehr – „die U 18 soll seltener fahren, habe ich gehört“, so ein besorgter Schüler – erfahren die Jugendlichen, dass Buchholz „kein ausgewiesener Verkehrsexperte“ ist und gern „den Rat von Experten“ in Anspruch nimmt. In Absprache mit Oberbürgermeister Kufen aus der Nachbarstadt Essen gehe er ÖPNV-Fragen an. Schiene, Bus, Rad und Elektroroller hätten dabei ihren Platz.

Griefahn spricht von einem „Gesamtkonzept fürs Ruhrgebiet“. Sie habe einen Sitz im Ruhrparlament errungen und werde sich von dort aus für den Nahverkehr für die 5,1 Millionen Revierbürger einsetzen. Auch kleine Stadtteile, so sagt sie, müssten angebunden werden und einmal im Jahr solle es möglich sein, Bus und Bahn kostenfrei zu nutzen, um das Angebot kennenzulernen.

Kandidaten versprechen Schülern Hilfe bei erneutem Homeschooling

Fragen gibt’s auch zu den steigenden Corona-Zahlen – und den Auswirkungen auf den Schulalltag. OB-Kandidatin Griefahn verspricht, sich um ein schnelleres Netz zu kümmern, um Schüler, die sich keine technische Ausstattung leisten können und um eine gemeinsame Plattform, damit Schulen Lernmaterialien zuverlässig zur Verfügung stellen können. Gegen-Kandidat Buchholz, aktuell Bildungsdezernent der Stadt, setzt auf das Gespräch mit Vertretern von Schülern, Lehrern, Eltern. Er denke über „eine andere Form von Unterricht“ nach, helfen könne eine „Entzerrung“. Versetzte Schulstunden am Vormittag und am Nachmittag seien denkbar oder Unterricht an wechselnden Tagen. Ein Modell, das allerdings eher nicht für Abschlussklassen oder Grundschüler in Betracht käme, so Buchholz.

Aus Reihen der Schüler kommt am Mittwoch der dringend Wunsch, „falls wieder reduziert werden muss“, online nicht nur Materialien zur Verfügung zu stellen, sondern auch via Internet beschult zu werden. Es sei ungerecht, dass nicht jeder deutsche Schüler gleichstark von den Zuwendungen des Bundes, des Landes profitiere, in Mülheim etwa weniger Geld ankomme als in Oberhausen. Die Politiker sollten sich dafür einsetzen, dass diese „Ungerechtigkeit“ behoben wird, „dass der Finanzausgleich geändert wird“, so eine Schülerin.

Viele soziale Themen beschäftigen die Jugendlichen

Soziale Themen beschäftigen die Jugendlichen: der Umgang mit Flüchtlingen und Menschen aus benachteiligten Stadtteilen, die organisierte Kriminalität, die jüngst aufgedeckten Nazi-Chats, die zu eher dürftigen Kulturangebote in der Stadt sowie die Versprechungen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Die Antworten stellen nicht alle zufrieden: „Sie haben manchmal einfach um den heißen Brei herumgeredet“, so Rosalie Zwick (16). Auch gebe es oft kaum Unterschiede, kritisieren die Schüler, so beim Thema „Stadtentwicklungsgesellschaft“ zur Lösung der Probleme auf dem Immobilienmarkt. Konfrontativ geht es nur selten zu, und auch nur vorübergehend: etwa bei Griefahns Idee, den kommunalen Ordnungsdienst mit freiwilligen Kräften aus der Stadtverwaltung aufzustocken. Für Buchholz ein kaum vorstellbares Szenario, schon allein wegen der unterschiedlichen Verdienstmöglichkeiten.

Griefahns Lieblingsfach war Erdkunde, Buchholz mochte Sozialwissenschaften

Was nach anderthalb Stunden in der Aula bleibt? Unter anderem die Info, dass Monika Griefahns Lieblingsfach Erdkunde war und Marc Buchholz Sozialwissenschaften sehr mochte. Aber auch, dass beide „wirklich offen“ gesprochen haben, lobt Mirjam Folly (16).

Dieser „erste Kontakt zu realen Politikern“ sei schon eine gute Sache gewesen, findet Linda Wolf. „Dadurch wird alles weniger surreal.“ Die 17-Jährige ist froh über die Begegnung und die Möglichkeit, Fragen zu stellen; „es ist super, dass wir das gemacht haben“. Buchholz oder Griefahn? Ihrer persönlichen Antwort sind die Waldorfschüler am Mittwoch einen Schritt nähergekommen. Bleibt zu hoffen, dass sie – und alle anderen – ihr Wahlrecht am Sonntag wahrnehmen.

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