Arbeitsmarktprogramm

Mülheims Kampf gegen die Sozialspirale

Die Biwaq-Stelle am Standort Löhberg konnte schon 41 Frauen und Männer in geregelte Beschäftigungsverhältnisse vermitteln.

Foto: Oliver Müller

Die Biwaq-Stelle am Standort Löhberg konnte schon 41 Frauen und Männer in geregelte Beschäftigungsverhältnisse vermitteln. Foto: Oliver Müller

mülheim.   Sozialagentur hat das Arbeitsmarktprogramm erweitert, um Langzeitarbeitslosen den Weg in einen Beruf zu ebnen. Maßnahmen werden ausgeweitet.

Die Sozialspirale dreht sich weiter. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen in Mülheim stagniert auf hohem Niveau; die Bedarfsgemeinschaften stiegen im vergangenen Jahr auf mehr als 10 000. Hinzu kommen die sogenannten Aufstocker - diejenigen, die eine Arbeitsstelle haben, aber von ihrem Lohn allein nicht leben können. Insgesamt sind mehr als 20 000 Menschen durchschnittlich auf Unterstützung nach dem SGB II - sprich Hartz IV - angewiesen. Und das Ende ist laut Verwaltung noch nicht erreicht. Ein Grund liegt auch in der Zuwanderung. Die Zahl der anerkannten Asylbewerber, die Anspruch auf SGB-II-Leistungen haben, wird sich in diesem Jahr zeitversetzt auf die Statistik auswirken.

„Es muss auch in 2017 eher mit weiteren hohen Zugängen und einem Anstieg der Hilfebedürftigkeit gerechnet werden“, heißt es daher im Arbeitsmarktprogramm. Darin beschreibt die Mülheimer Sozialagentur Jahr um Jahr ihre Ziele, um dieser Abwärtsspirale Einhalt zu gebieten und die Menschen wieder oder überhaupt in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Und das langfristig.

28 Millionen Euro aus Bundesmitteln

Eine Herkulesaufgabe, könnte man sagen. So hoch die Zahl der Betroffenen ist, so unterschiedlich sind schließlich auch die inviduellen Bedürfnisse. Ob man vermeintlich zu alt ist oder schon lange arbeitslos, ob man multiple Vermittlungshemnisse hat, alleinerziehend ist, die Sprache nicht spricht oder der ausländische Berufsabschluss nicht anerkannt wird - jede Hürde bedarf eines anderen Ansatzes. Den die Sozialagentur seit 2009 in ihrem Arbeitsmarktprogramm festlegt und bei Bedarf immer wieder verfeinert.

Rund 28 Millionen Euro stehen der Stadt in diesem Jahr aus dem Bundeshaushalt zur Verfügung. Damit möchte die Sozialagentur erfolgreiche Maßnahmen weiterführen, teilweise gar ausbauen oder neue Ansätze etablieren. Zum Beispiel sind seit August 2015 Betriebsakquisiteure unterwegs, die potenzielle Arbeitgeber gezielt ansprechen, um Langzeitarbeitslosen sozialversicherungspflichtige Stellen zu vermitteln. Das Ziel von 50 Vermittlungen bis Ende Juli 2017 - so lange läuft das Programm - wurde auf 80 erhöht. Und bereits jetzt habe man 64 Menschen erfolgreich vermitteln können, freut sich Birgit Mohr von der Sozialagentur. Sechs Stellen seien mittlerweile sogar entfristet worden.

Weiterbildung und soziale Teilhabe werden aufgestockt

Auch das Biwaq-Projekt, das in Eppinghofen derzeit 137 Frauen und Männer betreut und zum Ziel hat, bis Ende 2018 insgesamt 50 in geregelte Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln, laufe sehr gut. Dort habe die Kollegin bereits 41 Menschen vermitteln können.

Dazu wird das Bundesprogramm „Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“, mit dem im vergangenen Jahr bereits nahezu alle 107 geförderten Stellen bei Wohlfahrtsverbänden besetzt werden konnten, neu aufgelegt. Dadurch bekommt Mülheim weitere 130 befristete Stellen, die ab sofort besetzt werden können. Die Befristung ist ein gutes Instrument, um die Arbeitslosen zunächst in eine Beschäftigung zu bekommen. Anders wären die Arbeitgeber kaum bereit dazu, so Mohr. Wichtig sei, dass die Menschen überhaupt „zunächst einen Fuß in die Tür“ bekommen.

Dies soll in diesem Jahr auch verstärkt mit der beruflichen Weiterbildung gelingen. Das bisherige Ziel, 200 Langzeitarbeitslose weiterzubilden, wird auf 280 aufgestockt. Sportlich. Aber notwendig, findet Heike Gnilka, Bereichsleiterin in der Sozialagentur, die eine bemerkenswerte Zahl dazu liefert: „54 Prozent aller Arbeitslosen in NRW sind geringqualifiziert.“ Deshalb müsse man dringend gegensteuern.

Integrationsquote liegt bei 20 Prozent

Ein größeres Augenmerk legt die Sozialagentur in diesem Jahr auch auf Alleinerziehende, um sie schneller und häufiger in Aus- und Weiterbildung oder ein geregeltes Beschäftigungsverhältnis zu bringen. Zunächst testweise auf der linken Ruhrseite. Zwei Kolleginnen teilen sich 1,5 Stellen und kümmern sich dort um insgesamt 370 Alleinerziehende - hauptsächlich Mütter. Wenn es erfolgreich ist, soll sich das Programm auch auf die gesamte Stadt ausweiten. „Das werden wir in diesem Jahr sehen“, sagt Heike Gnilka weiter, die die Integrationsquote von Alleinerziehenden in den Arbeitsmarkt auf derzeit 17,9 Prozent beziffert.

Die Integrationsquote für alle erwerbsfähigen Leistungsbezieher liegt unterdessen bei 20 Prozent. Eine Zahl mit Potenzial, das weiß auch Klaus Konietzka. Der Leiter des Sozialamtes weiß aber auch, welche Probleme oftmals zwischen den Betroffenen und einem geregelten Arbeitsverhältnis stehen. Zum Beispiel die eigene Biographie.

Maßnahmen auch für Asylbewerber

Wenn die Eltern selbst nie einer geregelten Arbeit nachgegangen sind, übertrage sich das teilweise auf die Kinder, so Konietzka. Diese hätten im Laufe der Zeit multiple Vermittlungshemmnisse entwickelt. „Das sind dann Totalverweigerer.“ Für diese Gruppe soll in diesem Jahr das Projekt „Entwicklungswerkstatt U25“ starten. Ein Träger wird derzeit über eine Ausschreibung gesucht. Bis Ende Juni soll das Konzept für insgesamt 15 Teilnehmer stehen und ab Herbst daran gearbeitet werden, Totalverweigerern eine Perspektive aufzuzeigen.

>>>INTEGRATION DER ASYLBEWERBER

Auch die Integration der Asylbewerber hat die Sozialagentur ausgeweitet. Vor allem mit der kommunalen Erstaufnahmeeinrichtung an der Mintarder Straße, an der alle Flüchtlinge umfangreich betreut, ihre persönliche Situation, ihr beruflichen Werdegang und die möglichen Qualifikationen erfragt werden.

Auch die erfolgreichen Schweißerschulungen, gekoppelt mit Sprachförderung, werden eventuell auf andere Berufsgruppen ausgeweitet. Außerdem startet kommende Woche ein neues, teils nonverbales Programm, um die Eignung der Menschen zu erfahren.

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