Gastronomie

Mülheims gebeutelte Wirte bereiten sich auf den Winter vor

Heizpilze halten warm – weil sie aber als Klimakiller gelten, wollen nur wenige Mülheimer Gastwirte sie im anstehenden Herbst und Winter auf ihren Terrassen einsetzen. In Nachbarstädten wie Essen, wo sie seit längerem verboten waren, sind sie nun vorübergehend wieder gestattet. Um den gebeutelten Gastwirten zu helfen, hat die Stadt Essen das Verbot bis Ende März 2021 ausgesetzt.

Heizpilze halten warm – weil sie aber als Klimakiller gelten, wollen nur wenige Mülheimer Gastwirte sie im anstehenden Herbst und Winter auf ihren Terrassen einsetzen. In Nachbarstädten wie Essen, wo sie seit längerem verboten waren, sind sie nun vorübergehend wieder gestattet. Um den gebeutelten Gastwirten zu helfen, hat die Stadt Essen das Verbot bis Ende März 2021 ausgesetzt.

Foto: Klaus Micke / FFS

Mülheim.  Corona: Die vergangenen Monate waren hart, die kommenden werden noch härter. Was Mülheims Gastwirte tun – und wie ein Aldi-Chef Mut zuspricht.

Noch ist das Wetter herrlich, noch sind Biergärten und Terrassen von Restaurants voll. Bald aber könnte es übel nass und kalt werden. Im Herbst und Winter bricht das Geschäft ein, befürchten Gastwirte. Corona droht erneut zum massiven Problem zu werden. Sich in geschlossenen Räumen anzustecken, ist die Sorge vieler Gäste – und so grübeln die Wirte, wie sich die Sommersaison verlängern lässt.

Manche Ideen sind originell. Im transparenten Zelt der „Tomate“ etwa soll’s die gute alte Wärmflasche richten. Besuchern, die damit an der Dohne auflaufen, spendiert Inhaberin Susanne Lontz die nötige Portion heißes Wasser. „Um die Füße zu wärmen, die Hände oder den Bauch.“ Sie hofft, dass ihr Vorschlag möglichst vielen Gästen gefällt und dass sie mitmachen – „so könnte jeder einen Beitrag leisten“. Heizpilze will Lontz im Garten an der Ruhr nur im Ausnahmefall aufstellen – „die verpesten die Umwelt“.

Noch kommen bis zu 400 Gäste pro Abend, bald wohl nur noch 100

Das sieht Sinan Bozkurt ähnlich. Auch in seinem „Ronja“ haben die umstrittenen Strahler keine Chance. Entscheidend sei die Frage, wie sich der Innenraum so umgestalten lässt, dass die Gäste sich hineintrauen: „Wir stellen eventuell Trennwände aus Plexiglas auf.“ Der Gastwirt, der mit seinem Restaurant 2019 in den Ringlokschuppen gezogen ist, sieht harte Monate auf sich zukommen. „Zurzeit haben wir jeden Abend zwischen 200 und 400 Gäste, bald werden es noch 100 sein.“

Dabei strenge man sich an, nehme es genau mit Desinfektion und Co. Allein 2500 Kugelschreiber, schätzt Bozkurt, sind seit Beginn der Krise für die Besucher angeschafft worden. „Jeder Gast bekommt einen neuen Stift oder einen frisch desinfizierten.“ Und die Mitarbeiter würden ständig geschult, berichtet er. Ihr Kundenkontakt solle so kurz ausfallen wie möglich. Besucher geben die Bestellungen deshalb auch nicht im Zwiegespräch auf, sondern notieren sie auf Zetteln, die die Kellner einsammeln. Noch genießen die Menschen den Außenbereich im Grün der Müga, „rein kommt nur, wer Angst vor Wespen hat“.

„Speiseorientierte“ Gastronomie funktioniert nur im Warmen

Schweinefiletmedaillons, Pfeffersteak, Rinderroulade: Leckereien wie diese stehen auf den Speisekarten vom Ratskeller in der Innenstadt und vom Bürgergarten in Eppinghofen. Jörg Thon ist Inhaber und zugleich Mülheimer Ortsgruppenvorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). Er kann sich schlecht vorstellen, dass Gäste, die ein exquisites Gericht ordern und dafür auch tiefer in die Tasche greifen, vor der Tür dinieren. „Das Essen ist doch sofort kalt.“ Ebenso seien es die Füße, selbst wenn ein Heizkegel aufgestellt werde. „Speiseorientierte“ Gastronomie funktioniert nur im Warmen, davon ist Thon überzeugt. „Mal eben mit Bier und Zigarette unter den Heizpilz, das ist okay. Mehr geht nicht.“

Die Flucht nach draußen sei im Übrigen gar nicht nötig. „Man kann bedenkenlos in die Gastronomie kommen.“ Desinfektionsmittel und Lüftungsanlagen leisteten gute Dienste. Und letztlich gebe es ohnehin „nirgends einen Hundert-Prozent-Schutz“ vor dem Virus.

Schirme aus Lkw-Plane sollen vor der Feuchtigkeit schützen

Über eine Investition ins Terrassen-Mobiliar will man bei „Drago“ am Uhlenhorst (und nahe der Ruhrallee in Essen) das Problem lösen. Helga Visser, Chefsekretärin in der Verwaltung, spricht von „Schirmen aus Lkw-Plane, die keine Feuchtigkeit durchlassen und die von unten mit LED-Lichtern beleuchtet werden können“. Speziell im Boden verankert, ständen sie sicher. Und auch muckelig könne es unter den Plastikdächern werden, Infrarotstrahler seien angedacht, außerdem Plexiglasscheiben gegen Wind und Nässe. Zunächst werde das Lokal in Essen ausgestattet, „und wenn’s klappt, ist Mülheim dran“.

Visser erwähnt „Profi-Luftreiniger“, die den Coronavirus sowie andere Schadstoffe aus der Luft filtern, zudem Messampeln, die anzeigen, ob Atmen sorglos möglich ist. Auch um speziellen Schallschutz geht es; dieser verhindere, dass die Filtermaschinen zur akustischen Belastung werden. Man muss sich etwas einfallen lassen, macht Visser deutlich. „Wir haben viele Gäste, die Angst haben – gerade ältere Menschen.“

Auf der Terrasse im Rumbachtal können rund 50 Menschen Platz nehmen

Mit Sonnenschirmen, die alsbald eher als Regenschirme fungieren, will auch Sergio Sirik, Inhaber der Restaurants „Walkmühle“ und „Il Piccolo Principe“, durch die dunklen Monate kommen. Außerdem hat er einen Pavillon aufgebaut. Auf seiner Terrasse im Rumbachtal können rund 50 Menschen Platz nehmen. Drei bis vier mit Gas betriebene Heizpilze wärmen sie.

Damit die Einnahmen nicht weiter einbrechen, sei es absolut nötig, Tische draußen anzubieten, „vielleicht sogar den ganzen Winter durch“. Weil das Geschäft nun so witterungsabhängig ist und kaum noch große Gruppen kommen – „vor allem ältere Jubilare und Goldhochzeiten sind weggebrochen“ –, rechnet er in der Walkmühle mit einem Umsatzrückgang von 20 bis 30 Prozent für das laufende Jahr.

Ein Umsatzminus von bis zu 60 Prozent befürchtet

Deutlich heftigere Zahlen treiben Peter Weber um, Inhaber des Brauhauses Saarner Hof an der Düsseldorfer Straße. Er spricht von minus 60 Prozent, „ein Hammer“. Er hat schlimme Monate hinter sich, „und zum Herbst wird’s nicht besser – das ist die traurige Wahrheit“. Um den Schaden abzufedern, denkt auch er über einen Umbau nach. Unter anderem sollen eigens vom Schreiner angefertigte Plexiglasscheiben im Lokal Schutz bieten. Und im Saal wird die Zahl der Sitzplätze von 40 auf 24 reduziert. „Außerdem gilt: Lüften, lüften, lüften.“ Das Zelt, das fast zehn Jahre vor der Tür stand und durch einen Sturm zerstört wurde, wird nicht ersetzt. „Ein rechteckiger Schirm und ein Jäckchen“ müssen künftig genügen. Heizpilze werden keine Rolle spielen – „das sind die größten Verschmutzer überhaupt“.

Peter Weber ist nachhaltig frustriert, und doch hat er in der Coronazeit „viel Positives erlebt“: Die Stammgäste hätten ihn nicht hängenlassen, die Vermieterin Entgegenkommen gezeigt, eine Saarner Initiative ihm mit 1600 Euro unter die Arme gegriffen. Auch die staatliche Unterstützung habe geholfen. Ein ganz besonderer Moment in der harten Coronazeit aber war jener, als plötzlich Aldi-Miteigentümer Karl Albrecht jr. mit zwölf Briefumschlägen im Lokal stand. „Die waren für die Angestellten“ – aber auch für Peter Weber waren sie ein wahrer Mutmacher.

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