1. September 1939

Mülheimer Zeitzeuge (94): Deshalb wollte ich zur Waffen-SS

Zeitzeuge Paul Gerhard Bethge (94) war Mitglied der Waffen-SS und erinnert sich, warum es dazu gekommen war.

Zeitzeuge Paul Gerhard Bethge (94) war Mitglied der Waffen-SS und erinnert sich, warum es dazu gekommen war.

Foto: Diego Tenore / FUNKE Foto Serivces

Mülheim.  Vor 80 Jahren hat Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg provoziert. Mülheims Alt-Bürgermeister Bethge erinnert sich.

1. September 1939: Mit dem deutschen Überfall auf Polen beginnt der 2. Weltkrieg. Er wird Mülheim für immer verändern. Wie erinnert sich der 1924 in Mülheim geborene ehemalige FDP-Stadtrat und Bürgermeister Paul Gerhard Bethge an den Tag des Kriegsbeginns, an das, was ihm vorausging und an das, was ihm folgen sollte? Ein Zeitzeugengespräch.

Wie erinnern sie sich anders Mülheim vor dem 2. Weltkrieg?

Bethge: Mein Elternhaus stand am Muhrenkamp. Mein Vater war ein ehemaliger Berufssoldat, der später in der Finanzverwaltung arbeitete. Er war kein Freund der Weimarer Republik, sondern ein Anhänger des Kaisers, der 1918 abgedankt hatte. Deshalb wählte er die Deutschnationale Volkspartei. Meine protestantische und sozial engagierte Mutter war Anhängerin der NSDAP und Adolf Hitlers. Sie sah in Hitler den Mann, der die negativen Folgen, die der Versailler Friedensvertrag von 1919 in Form von Reparationen, Besatzung und Gebietsverlusten für Deutschland hatte, überwinden würde.

Wie haben Sie das damals selbst erlebt und gesehen?

Ich habe in der Schule gelernt, dass der Versailler Friedensvertrag ein Diktat und eine Schande sei. In diesem Bewusstsein wuchs ich auf. Deshalb musste ich auch nicht von meiner Mutter überzeugt werden, 1933 Mitglied im Jungvolk und später in der Hitler-Jugend zu werden. Ich erinnere mich an den Fackelzug über die Schloßstraße, mit dem die SA am 30. Januar 1933 die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler feierte. Auf dem Kaiserplatz hielten bis 1933 der sozialdemokratische Reichsbanner, der deutschnationale Stahlhelm, der kommunistische Rotfrontkämpferbund und die nationalsozialistische SA ihre Versammlungen ab. Hier lieferten sie sich Straßenkämpfe, die von der berittenen Polizei aufgelöst wurden.

Wie hat sich die Stadt unter dem Hakenkreuz verändert?

Während der NS-Zeit wurde aus dem Kaiserplatz der Platz der SA und aus der Friedrichstraße die Adolf-Hitler-Straße. Und die heutige Martin-von-Tours-Schule wurde zur Freikorps-Schulz-Schule. Auch mein Vater hatte sich als Soldat des 1918 aufgelösten Infanterieregiments 159 seinem ehemaligen Kommandeur Siegfried Schulz angeschlossen, der dieses kaisertreue Freikorps gebildet hatte. Ab 1933 wurden Hitlers Geburtstag am 20. April und der Tag des Hitler-Putsches vom 9. November 1923 zu Nationalfeiertagen. An diesen Tagen wurde die Stadt zu einem Fahnenmeer. Meine Mutter hängte die Hakenkreuzfahne und mein Vater die kaiserliche Reichsfahne zum Fenster hinaus.

Wie erinnern sie sich an den 1. September 1939?

Wir saßen zu Hause vor dem Radio und hörten Adolf Hitlers Rede vor dem Reichstag, in der er sagte: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!“ Ich habe damals wie viele Jungen meiner Generation gejubelt. Ich wollte Soldat werden und dafür kämpfen, dass Deutschland die nach dem 1. Weltkrieg verlorenen Gebiete zurückbekam. Meine Eltern haben nicht gejubelt. Sie wussten, was Krieg bedeutet und mein Vater sah es nicht gerne, dass ich mich bereits mit 17 Jahren freiwillig zur Wehrmacht und zur Waffen-SS meldete. Aber ich hatte die nationalsozialistische Ideologie durch die Hitler-Jugend, ihre militärischen Geländespiele und ihrer Heimabende verinnerlicht. Deshalb wollte ich zur Waffen-SS, weil ich sie als Elitetruppe der Wehrmacht sah.

Wie haben sie den Krieg erlebt?

Ich habe als Wehrmachtssoldat der Waffen-SS-Division Wiking mit Deutschen, Norwegern, Finnen, Dänen, Niederländern und Belgiern nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 in der motorisierten Infanterie in der Ukraine und im Kaukasus gekämpft.

Die Waffen-SS wird mit der Ermordung sowjetischer Juden, aber auch mit der Ermordung jüdischer KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter in Verbindung gebracht. Was wussten Sie von diesen Kriegsverbrechen und waren Sie daran beteiligt?

Weder ich selbst noch Kameraden meiner Einheit waren an Erschießungen und Verschleppungen von Zwangsarbeitern beteiligt. Ich habe aber später im Lazarett von Verschleppungen von Zwangsarbeitern gehört. Ich sah mich als Soldat, der für sein Land in einem gerechten Krieg kämpft. Ich wurde insgesamt fünf Mal verwundet. Bei meinen Heimatbesuchen 1943 und 1944 sah ich in Mülheim die grauenvollen Folgen des Luftkrieges. Vom gescheiterten Hitler-Attentat erfuhr ich am 20. Juli 1944 als Ausbilder in Ellwangen. Die Männer des militärischen Widerstandes waren für mich damals Hochverräter. Das Kriegsende 1945 erlebte ich in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Süddeutschland. Damals sah ich die ersten Fotos aus den befreiten Konzentrationslagern und hörte von den US-Soldaten erstmals vom Holocaust. Doch das wollte ich damals nicht glauben.

Wann begann bei Ihnen das Umdenken?

Diese Erkenntnis setzte bei mir erst nach dem Ende der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse ein. Damals konnte ich die Fakten nicht mehr ignorieren. Ich musste von den Idealen meiner Jugend herunter. Das war für mich schwer und schmerzhaft. Mich überkam eine tiefe Scham und ich musste erkennen, dass wir von Hitler und von den Nationalsozialisten missbraucht und verheizt worden waren.

Wie sind Sie in der Demokratie angekommen?

Ich habe mich in den ersten Nachkriegswahlkämpfen darüber geärgert, dass die Soldaten der deutschen Wehrmacht von den Kommunisten und Sozialdemokraten pauschal diffamiert wurden. Deshalb bin ich Anfang der 1950er in die FDP eingetreten, nachdem ich eine Rede des FDP-Bundestagsabgeordneten Erich Mende gehört hatte, indem er sich gegen eine pauschale Verurteilung der Soldaten in der Waffen-SS wandte. Später sollte Mende FDP-Bundesvorsitzender und Vizekanzler werden. Ich selbst habe mich später in der FDP am NRW-Innenminister Willy Weyer und am späteren Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff orientiert.

Wurde Ihnen Ihre Vergangenheit in der Waffen-SS zur politischen Belastung?

Ich hatte Schwierigkeiten, nach 1945 beruflich Fuß zu fassen, und fand dann mit Hilfe meines Vaters eine Anstellung in der Finanzverwaltung. Politisch wurde ich natürlich angefeindet. Aber gerade die Ratskollegen, die unter den Nazis im Zuchthaus gelitten hatten, wie etwa die Sozialdemokraten Heinrich Lemberg, Otto Striebeck und Seppl Kuschka, mit denen ich ab 1964 im Stadtparlament zusammenarbeitete, haben mich nicht verurteilt, sondern mein Engagement für die Demokratie anerkannt. Auch mit dem sozialdemokratischen Oberbürgermeister Heinrich Thöne, der 1933 im Stadtrat gegen Hitlers Ehrenbürgerschaft gestimmt hatte, fand ich nach einem klärenden Gespräch bei meinem Antrittsbesuch im Rathaus zu einem guten Verhältnis. Ich habe ihm damals gesagt: „Ich will Ihnen nicht zeigen, wie Demokratie funktioniert. Ich will von Ihnen lernen, wie Demokratie funktioniert!“

Wie sehen Sie die heutige Politik?

Das Aufkommen rechtspopulistischer Parteien macht mir Sorgen. Die Zersplitterung unserer Parlamente und unseres Parteiensystems weckt bei mir ungute Erinnerungen an die Weimarer Republik. Die politische Bildung muss gestärkt und Politik verständlicher erklärt werden.

>>> DIE WAFFEN-SS

Die ab 1927 von Heinrich Himmler geführte Schutzstaffel (SS) sah sich selbst als politische und militärische Elite der NSDAP. Himmler baute die Waffen-SS ab 1934 als paramilitärischen Kampfverband auf, um das Waffenmonopol der Wehrmacht zu durchbrechen und eine im Sinne der NSDAP politisch zuverlässige Truppe innerhalb der Wehrmacht zu schaffen.

1944 kämpften etwas mehr als 900.000 Soldaten in 38 Divisionen der Waffen-SS. Bis zum Kriegsende fielen 300.000 Soldaten der Waffen-SS. Der Historiker Arnulf Scriba schreibt 2015 in einem Beitrag für das Deutsche Historische Museum in Berlin über die Rolle der Waffen-SS während des Zweiten Weltkrieges „Den zum Teil beachtlichen militärischen Leistungen der Waffen-SS stand eine Vielzahl grausamster Kriegsverbrechen vor allem in den besetzten sowjetischen Gebieten gegenüber. Ihre Angehörigen setzten in der ihnen von den Nationalsozialisten zugedachten Funktion als „politische Soldaten“ den angestrebten Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion mit exzessiver Härte um und unterstützten das Morden der Einsatzgruppen. Wie in Oradour-sur-Glane im Juni 1944 fiel die Waffen-SS aber auch auf den westlichen Kriegsschauplätzen durch Massaker an der Zivilbevölkerung auf. Noch in den letzten Kriegstagen erschossen fanatische SS-Einsatzkommandos im Deutschen Reich ungezählte Zivilisten und Soldaten, wenn diese in Verdacht standen, die deutsche Widerstandskraft zu schwächen.“

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