Selbsthilfe

Mülheimer Selbsthilfegruppen brauchen eine Frischzellenkur

Anke van den Bosch vom Paritätischen unterstützt in Mülheim Betroffene bei der Gründung von Selbsthilfegruppen.

Anke van den Bosch vom Paritätischen unterstützt in Mülheim Betroffene bei der Gründung von Selbsthilfegruppen.

Foto: Nikolina Miscevic / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Viele Mülheimer Gruppen sind seit Gründung gemeinsam gealtert. Es werden Betroffene gesucht, die Gruppen verstärken und sich engagieren wollen.

Hilfe zur Selbsthilfe, Unterstützung in der Gruppe: In belastenden gesundheitlichen oder sozialen Situationen kann es sehr hilfreich sein, Verständnis unter gleich Betroffenen zu finden. Auch in Mülheim treffen sich Menschen in vielen Gruppen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Rund 120 Gruppen gibt es derzeit. Aber mit der alternden Gesellschaft altern eben auch die Selbsthilfegruppen – die Teilnehmenden und auch die Ansprechpartner, die die Treffen organisieren. Gesucht werden in vielen Bereichen Betroffene, die sich neu engagieren und auch Verantwortung übernehmen möchten.

Von Krebs, Alzheimer, Parkinson sind nach wie vor viele Menschen betroffen

Denn die Gründe, warum sich Menschen in Selbsthilfegruppen Unterstützung holen, die bleiben, vor allem im Gesundheitsbereich: bei Erkrankungen wie Krebs, Alzheimer, Parkinson oder Depressionen. „Viele Mülheimer Selbsthilfegruppen brauchen eine Frischzellenkur“, sagt Anke van den Bosch. Sie leitet das Selbsthilfe-Büro unter dem Dach des Paritätischen, der die Selbsthilfe in vielen Bereichen unterstützt, vom Finden einer Gruppe bis zur Gründung einer neuen, von der Suche nach einem Raum für die Treffen bis zur Öffentlichkeitsarbeit.

Gerade hat eine junge Frau mit van den Boschs Unterstützung eine neue Selbsthilfegruppe für Schilddrüsenerkrankungen gegründet. Das ist erfreulich, so Anke van den Bosch, doch es könnten noch viel mehr sein. Denn immer öfter hört sie nun: „Wir hören als Selbsthilfegruppe auf.“ Man kenn sich gut, ist zusammen älter geworden, trifft sich dann noch als Freundeskreis weiter oder als Stammtisch, man nimmt aber keine neuen Mitglieder mehr auf. Das gilt, zum Beispiel, für die Alzheimer-Selbsthilfe, für gleich zwei Gruppen für Krebserkrankte. „Da muss jemand“, sagt van den Bosch, „das Heft ganz neu in die Hand nehmen.“ Die Parkinson-Gruppe braucht dringend einen neuen Gruppenleiter, einen Ansprechpartner, der weiß, worum es hier geht. Auch für Menschen mit Depressionen gibt es noch Bedarf.

Ansprechpartner der Gruppen geben aus Altersgründen auf

Dabei hat sich mit Frank, Mitte 50, gerade jemand gefunden, der eine Gruppe für Menschen mit Ängsten und Depressionen weiter organisiert, nachdem seine Vorgängerin die Aufgabe aus Altersgründen abgegeben hat. Seit 30 Jahren gibt es diese Gruppe, Frank ist seit zehn Jahren dabei. Es muss ja alles passen, sagt Anke van den Bosch. Nicht nur die gemeinsame gesundheitliche Problematik, auch das Alter, beispielsweise: „Der Austausch untereinander ist ja ein ganz anderer, wenn man noch mitten im Beruf steht, Kinder hat, als wenn man schon in Rente ist. Da gibt es ganz unterschiedliche Bedarfe.“

Eine gute Mischung macht es, weiß Frank aus Erfahrung: „Die Älteren in der Gruppe bleiben dabei, um wachsam zu bleiben, wenn noch mal ein Schub kommt – die Gruppe fängt einen dann auf.“ Betroffene wissen, dass sie aufpassen müssen, bei Belastungen, Schicksalsschlägen, dass sie dann anfälliger sind für eine depressive Verstimmung oder Depression. Frank hat mit van den Boschs Hilfe einen Flyer gemacht, um das Angebot zur Selbsthilfe bei Depressionen bekannter zu machen. Mehrere junge Menschen um die 30 sind inzwischen neu zur Gruppe gestoßen.

Man muss die Krankheit für sich selbst akzeptieren

Denn auch die Generation, die gewohnt ist, sich im Internet Hilfe zu suchen, sich dort auszutauschen, hat das Bedürfnis, den Austausch im persönlichen Kontakt zu suchen. Doch nur etwa 1,5 Prozent der chronisch Erkrankten überhaupt besucht eine Selbsthilfegruppe, weiß van den Bosch. Sie weiß auch, warum: „Erst einmal muss man die Krankheit für sich selbst akzeptieren“, sagt sie. „Und dann muss ich auch einsehen, dass ich selbst auch Verantwortung dafür trage, dass es mir besser geht, und nicht nur der Arzt oder die Medikamente.“ Und nicht zuletzt müsse man gruppenfähig sein. „Man muss aushalten können, dass jemand eine traurige Geschichte erzählt.“ Was die Selbsthilfegruppe zurückgeben kann, wissen Frank und Anke van den Bosch genau. „Viele sagen: Zum ersten Mal fühle ich mich richtig verstanden.“ Und sie fühlen sich aufgehoben in einer Gruppe, „wo es noch andere gibt, die so sind wie ich.“

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