Kultur

Mülheimer schreiben die Kinogeschichte von alten Zeiten

Mülheimer Kinos: Neue Ausstellung im Haus der Stadtgeschichte.

Mülheimer Kinos: Neue Ausstellung im Haus der Stadtgeschichte.

Foto: Stadtarchiv

Mülheim.   Zahlreiche Bürger überließen ihre Erinnerungsstücke an Kinos dem Stadtarchiv. Jens Roepstorff hat daraus eine bemerkenswerte Ausstellung gemacht.

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Was haben die Leute früher ohne Fernseher gemacht – sie trafen sich, gingen ins Kino und schauten sich einen Film an. Dafür brauchten sie oft nur kurze Wege zu gehen. Neben den fünf großen Lichtspielhäusern in der Innenstadt standen mindestens in zehn Sälen der Stadtteile Leinwände und Filmprojektoren. Damit lässt sich der Begriff „Pantoffelkino“ anschaulich erklären.

Als 20 Jahre später der Fernseher in jedem Wohnzimmer den gleichen Begriff für sich beanspruchte, begann das Kinosterben. Davor erlebte Mülheim eine Blütezeit der Filmpaläste, die jetzt eine Ausstellung im Haus der Geschichte mit Fotos und Plakaten dokumentiert.

Einige haben Erinnerungen aufgeschrieben

Bis vor einem Jahr waren die Bestände in Sachen Kino im Stadtarchiv eher dünn. Einige Fotos und Adressbücher waren stumme Zeugen dieses Kurzfilms. Jens Roepstorff wollte das ändern. Nach einem Aufruf in dieser Zeitung füllte sich das Büro des stellvertretenden Archivleiters schnell mit Kisten und Mappen. „Viele haben uns ihre Sammlungen von Programmheften überlassen. Andere brachten uns Fotos und Urkunden. Einige hatten auch ihre Erinnerungen aufgeschrieben“, beschreibt Roepstorff den neuen Dokumentenreichtum im Haus der Stadtgeschichte.

Eng mit der Vergangenheit verbunden

„Dass so viele Originale noch bei den Leuten auf den Dachböden oder in Kellern lagern, zeigt uns auch: Viele Mülheimer fühlen sich mit ihrer Stadt und deren Vergangenheit eng verbunden“, bedankt sich der Archivar.

Nach dem Sichten des Materials forscht Roepstorff in Adressbüchern und Bauten. Auch alte Zeitungsanzeigen gaben weitere Anhaltpunkte. „Eine Familie, die in Oberhausen bereits mehrere Kinos betrieb, eröffnete auch zwei in Styrum: Das ,Odeon’, Oberhausener Straße 146-48 mit 594 Plätzen, und das ,Viktoria’, Schwerinstraße 21 mit 406 Plätzen“, beschreibt der Stadtarchivar. „Die Familie hat uns zahlreiche Dokumente und Bilder überlassen, die für uns völlig neue Erkenntnis brachten.“

Alte Broicher erinnern sich sicher noch an das „Skala“, Duisburger Straße 173 (560 Plätze), wo heute Schützen ihren Übungsstand haben. Das „Apollo“ in Speldorf, Duisburger Straße 265, hatte 540 Plätze. Ruhr-Lichtspiele hieß ein Kino in Heißen, Kruppstraße 30, (499 Plätze). Das „Corso“ in Winkhausen, Aktienstraße 241, hatte 450 Plätze. Dümpten hatte zwei Kinos: Das „Central“, Denkhauser Höfe 50 (327 Plätze) und das „Resi“, Wittkampstraße 1 (296 Plätze). Die Selbecker gingen ins „Rixi“, Kölner Straße 397 (255 Plätze).

Noch einige Lücken im Gesamtfilm

In der Innenstadt gab es die „Schauburg“, das „Palast-Theater“, den „Löwenhof“, (887 Plätze), die „Kamera“, das „Moderne Theater“, Bachstraße 25 (413 Plätze,) und ein Kino an der Kaiserstraße, im heutigen Turnerheim. Letztere Filmstätte ist bis heute nicht dokumentiert. Aber mehrere Mülheimer reden davon, dort mit ihren Freunden Filmvorstellungen besucht zu haben. Bleiben also noch einige Lücken im Gesamtfilm der örtlichen Kinogeschichte. Roepstorff hofft, dass die Mülheimer weitere Erinnerungsstücke finden.

Die 1950er Jahre war das „goldene“ Jahrzehnt des Kinos in Deutschland gewesen. Fernsehen gab es kaum. Videotheken oder Internet-Streamingdienste hatte keiner auf der Leinwand. „Auf der Suche nach Unterhaltung strömten die Menschen in die Kinos“, sagt Roepstorff. Spielfilme, Dokumentationen wie „Eine Königin wird gekrönt“ (1953, über die Krönung von Queen Elisabeth II.) oder aufwendige Naturfilme wie „Kein Platz für wilde Tiere“ (1956, von Bernhard und Michael Grzimek) zogen die Menschen vor die Kinoleinwände.

Ehemalige Gaststätten wurden zu Vorführsälen

So entstanden in dieser Zeit auch in Mülheim etliche neue Kinos. Vor allem in den Vororten wurden meist ehemalige Gaststätten zu Vorführsälen umgebaut. 1946 eröffnete der neue „Löwenhof“. 1954 wurde die „Schauburg“ am neuen Ort wieder aufgebaut. Der 1938 eröffnete „Ufa-Palast“ diente während des Krieges als Informationsstätte mit Hilfe des Films (hieß ab 1948 „Palast-Theater“) und erlebte mehrere Umbauten.

„Ende der 1950er Jahre gab es in Mülheim 15 Kinos mit insgesamt 8175 Sitzen“, hat Roepstorff ermittelt. Geblieben sind heute drei Kinos mit 4760 Plätzen, davon der größte Saal im Cinemaxx (Rhein-Ruhr-Zentrum) mit 695 Sesseln.

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