Kiosk

Mülheimer Kultkiosk: Nach 26 Jahren ist nun Schluss

Tradition Büdchen: Die Trinkhalle ist Kult im Ruhrgebiet

Egal ob rund, eckig, grau oder bunt: Der Kiosk gehört ins Ruhrgebiet. Und das schon seit langer Zeit.

Beschreibung anzeigen

Mülheim.  Eigentlich wollte Mira Kujundzic den Kiosk an der Lederfabrik nur ein Jahr betreiben. Es wurden 26. Warum die fröhliche Budenchefin nun aufhört.

Der Regen trommelt Samba auf der gelben Markise. Und auch das ständige „Wuusch“ der Autos muss man ab können. Mira, die hinter den Gitterstäben ihres Kiosks sitzt und raus auf die ehemalige Lederfabrik schaut, lässt sich davon die sonnige Laune nicht trüben. Und doch: „Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man ein Leben lang früh aufgestanden ist und hier gearbeitet hat“, schaut sie im Büdchen umher. Am 20. Dezember ist Schichtende für Mira Kujundzic. Dann schließt sie ab, zum letzten Mal.

Die Mülheimerin wollte ihr eigener Chef sein – aber nur für ein Jahr

Aber noch nicht heute, noch schmiert die 64-jährige Frau im Kiosk die Knifften, sagt, wo’s lang geht. „Hier“ – das ist Miras Reich. Gut 30 Quadratmeter misst ihr Kiosk am Rande des Kassenbergs. Ein für das Auge unscheinbares Edelsteinchen, eingepfercht in einen Zipfel zwischen Steinbruch und Lederfabrik. Es war schon immer hier – oder wenigstens 34 Jahre, überlegt Ehemann Stipan, der wie Mira aus Bosnien vor Jahrzehnten hierher zog und als Schuster einige Meter weiter die Düsseldorfer Straße rauf gearbeitet hat.

Jetzt ist Stipan Rentner und Mira zieht in knapp drei Wochen nach. 1993 übernahm Mira den Kiosk, nachdem sie 18 Jahre lang für AEG Telefunken an der Kölner Straße gearbeitet hatte. Der Betrieb wurde verkauft, schrumpfte. Mira nahm die Abfindung und pachtete das Büdchen. „Weil ich mein eigener Chef sein wollte. Aber nur für ein Jahr“, muss sie lachen, weil sie die Pointe ja längst kennt: Es wurden 26.

Von 4 bis 14 Uhr: Miras Kiosk an der Lederfabrik ist eine Institution gewesen

Jeden Morgen um 9 Uhr haben Stipan und Mira seitdem am Büdchen gemeinsam gefrühstückt, weil Mira ja schon um Viertel nach Drei aufstehen musste: Brötchen schmieren, Kaffee kochen, Bockwürstchen wärmen, Bier kalt stellen. Denn ab 4 Uhr kommen die Stammkunden, die Handwerker, Dachdecker, Bau- und bis vor zwei Jahren auch Lederfabrikarbeiter.

Täglich von 4 bis 14 Uhr – Miras Kiosk ist eine Institution geworden und ein Gleichnis für den Strukturwandel auf dem schmalen Schlängelpfad zwischen einer schwächelnden City und einem aufstrebenden Saarn. 1993 galten ja noch „goldene Zeiten“ für die Ruhrgebiets-Buden. Der lange Donnerstag war nur wenige Jahre alt und immer noch heiß umkämpft. Die Ladenöffnungszeiten sollten erst 1996 auf 6 und 20 Uhr aufgeweicht werden.

Männerprobleme: Echte Kerle vertrauten sich der fröhlichen Kioskchefin an

Mattes Fischer kennt das Büdchen seit Mira es führt. Angeblich sollen alte Baupläne zeigen, dass das Büdchen sogar ganz früher mal ein Tante-Emma-Laden war. Als Mira hier anfing, arbeitete Fischer in der Lederfabrik. „Damals war was los. Früh morgens und mittags stand hier die Schlange bis zum Heuweg hoch“, zeigt Fischer mit langem Arm die Straße rauf.

Echte Kerle, gestandene Mannsbilder vertrauten der fröhlichen Kioskchefin bei Würstchen und Kaffee auch ihre Sorgen an. Fast wie beim Friseur. Was denn genau? „Männerprobleme – aber sowas erzählt man nicht weiter“, sagt sie nur so viel: Es käme wohl ein dickes Buch zustande, schriebe sie das auf. Heute aber schaut immerhin Helge Schneider ab und an auf ein Brötchen und ein Schwätzchen vorbei, verrät Mira nicht ohne Stolz in der Stimme über den Mülheimer Künstleradel. Und Ruhrschreiber Lucas Vogelsang widmete ihr ein Kapitel.

Ende der Fabrik, Discounter und frühe Öffnungszeiten gruben Mira das Wasser ab

Seit 2016 dort die letzte Produktion lief, verwaltet Fischer die verlassenen Fabrikgebäude nur noch. Doch die Trockenlegung der Eckoase ist nicht allein dem Ende der Lederfabrik zuzuschreiben. Manches ist haus-, nein, stadtgemacht: Die bis zum Heuweg ausgewalzte Lebensmittelmeile an der Düsseldorfer Straße mit ihren frühen Öffnungszeiten hat die Stadt zugelassen und ihr damit allmählich das Wasser abgegraben.

Den letzten Stoß gab der Bäcker beim neuen Rewe und der Umbau des Radwegs an der Düsseldorfer Straße, der etliche Parkplätze kostete. An Parkplätze fürs Kiosk hatte man damals nicht gedacht. „Die Stadt ist ignorant. Keiner denkt an die kleinen Betriebe“, findet Mattes Fischer. Die Brötchen kosten hier zwar deutlich weniger als dort, sagt der Stammkunde, aber hier sei eben Halteverbot – das schrecke ab. Mira regt das heute nicht mehr auf, aber „wenn du hier zehn Stunden stehst, und nur wenige Kunden kommen – dann verlierst du die Lust“, sagt sie. Besser sei es, jetzt den Schlussstrich ziehen.hier gibt es mehr artikel, bilder und videos aus mülheim

Und wenn sie zurückblickt, dann ohne Ärger: „Es gab sehr viele schöne Augenblicke. Ich habe viele nette Menschen kennen gelernt. Es war eine gute Zeit.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben